SCHWERIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die AOK Nordost warnt, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag den Krankenstand in Mecklenburg-Vorpommern deutlich erhöhen könnte. Nach Schätzungen läge der Wert im schlechtesten Fall bei rund 8,2 Prozent nach aktuell 7,5 Prozent im ersten Halbjahr. Die Kasse macht dafür vor allem die Umstellung bei kurzen Erkrankungen aus, die bislang ohne ärztliches Attest bis zu drei Tage möglich waren. Gleichzeitig weist sie auf eine wachsende Belastung durch Langzeiterkrankungen hin.

AOK Nordost: Attestpflicht ab Tag 1 könnte Krankenstand um 10 % erhöhen
AOK Nordost: Attestpflicht ab Tag 1 könnte Krankenstand um 10 % erhöhen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die geplante Verschärfung im Umgang mit Arbeitsunfähigkeit trifft Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen, weil sie an einer Stelle ansetzt, die in vielen Betrieben bislang pragmatisch gehandhabt wurde: Wer krank ist, muss häufig erst nach mehreren Tagen eine Bescheinigung nachreichen. Laut AOK Nordost könnte eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag in Mecklenburg-Vorpommern den Krankenstand im schlechtesten Fall um rund zehn Prozent nach oben drücken. Ausgangspunkt der Argumentation sind die Zahlen für das erste Halbjahr: Der Krankenstand der AOK-Versicherten lag demnach bei 7,5 Prozent. Für den Fall, dass künftig unmittelbar bei der ersten Abwesenheit ein Attest erforderlich ist, nennt die Kasse als möglichen Zielwert 8,2 Prozent.

Entscheidend ist dabei nicht nur die formale Pflicht, sondern das Verhalten, das sie auslöst. Die AOK Nordost knüpft ihre Schätzung an eine Annahme: Alle Arbeitnehmer, die sich bisher bis zu drei Tage ohne Attest zu Hause „kuriert“ haben, müssten dann gleich zum Arzt gehen und sich krankschreiben lassen. Das würde die Zahl der registrierten, kurzzeitigen Fehlzeiten rechnerisch verändern, weil Fehlzeiten, die bisher nicht in die Attest-Statistik einflossen, künftig als attestpflichtige Fälle auftauchen würden. In der Konsequenz wird aus einer sozialen und organisatorischen Grauzone eine messbare Größe – und damit auch ein Thema für Steuerung, Controlling und interne Kommunikation.

Für die Plausibilisierung der Schätzung verweist die AOK Nordost auf den Datenabgleich zwischen ihren eigenen Schlüsseldaten und Arbeitgeberinformationen. Nach Angaben der Kasse wurde die Krankschreibungsstatistik mit Arbeitgeberdaten tatsächlicher krankheitsbedingter Fehlzeiten verglichen. Dabei stammen die ausgewerteten Daten demnach von Betrieben, die erst ab dem vierten Krankheitstag ein Attest verlangen. Aus diesen rund 100.000 ausgewerteten Fehltagen in den Betrieben entfallen laut der Darstellung der Kasse etwa 8.700 auf kurze krankheitsbedingte Fehlzeiten, für die bislang kein Attest vorgelegt werden musste. Rechnet man den Effekt um, kommt auf gut neun Fehltage mit Attest in der Auswertung jeweils ein zusätzlicher Fehltag ohne Attest hinzu – genau an dieser Stelle setzt das Risiko einer rechnerischen Erhöhung an, sobald Atteste schon am ersten Tag nötig werden.

Auch inhaltlich verschiebt sich damit die Debatte: Statt primär die frühen Tage zu regeln, rückt die Frage nach der Krankheitsstruktur in den Vordergrund. Die Leiterin des betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der AOK Nordost, Anke Jurchen, betont in dem Zusammenhang, dass Maßnahmen zur Senkung des Krankenstands aus Sicht der Kasse stärker auf Langzeiterkrankungen abzielen sollten. Als langzeitkrank gilt dabei, wer mehr als 42 Tage krankgeschrieben ist. Der Hintergrund: Der Anteil der Langzeiterkrankungen an allen Fehltagen in Mecklenburg-Vorpommern sei weiter gestiegen – rund 40 Prozent der Krankentage in MV gingen demnach inzwischen auf Langzeiterkrankungen zurück. Mit anderen Worten: Selbst wenn kurzfristige Fehlzeiten zahlenmäßig steigen, bleibt die größte Hebelwirkung in den Fällen bestehen, die sich über mehrere Wochen oder länger ziehen.

Für Unternehmen bedeutet das eine konkrete Management-Aufgabe, weil die Art der Steuerung danach ausgerichtet werden muss, welche Fehlzeiten man wirklich reduzieren will. Eine reine Verschärfung der Nachweispflichten kann kurzfristig zu mehr Arztbesuchen und mehr formal erfassten Fällen führen, ohne dass sich die Krankheitsursachen schneller verbessern. Gleichzeitig entstehen neue Schnittstellen: Personalabteilungen müssen häufiger mit Bescheinigungsdaten arbeiten, Führungskräfte benötigen klarere Prozesse für die Abwesenheitsdokumentation, und Betriebsärzte oder Gesundheitsdienste werden stärker eingebunden. Gerade in Betrieben mit vielen kurzen Ausfällen kann das zu mehr administrativer Last führen, während die eigentliche Herausforderung—Langzeitfälle – systematisch angegangen werden muss.

Wirtschaftlich und organisatorisch ist außerdem relevant, wie sich solche Regeln in der Praxis in ein bestehendes Abwesenheits- und Gesundheitsmanagement einfügen. In der Krankenstandssteuerung geht es typischerweise um zwei Ebenen: Prävention und frühes Gegensteuern. Prävention umfasst betriebliche Gesundheitsförderung, Arbeitsschutz, Ergonomie sowie Stress- und Belastungsmanagement; frühes Gegensteuern zielt darauf, Rückkehrprozesse, medizinische Begleitung und arbeitsplatzbezogene Anpassungen rechtzeitig zu organisieren. Wenn Langzeiterkrankungen rund 40 Prozent der Krankentage ausmachen, wird deutlich, dass hier nicht nur „Richtlinien“ helfen, sondern abgestimmte Programme – etwa bei chronischen Erkrankungen, psychischen Belastungen oder muskulären Beschwerden. In diesem Kontext kann eine Attestpflicht ab Tag 1 zwar Transparenz erhöhen, sie ersetzt aber keine wirksamen Maßnahmen gegen die Treiber der Langzeitquote.

Politisch und gesellschaftlich bleibt zudem die Frage, ob die Attestpflicht vor allem als Kontrollinstrument gedacht ist oder als Teil eines größeren Gesundheitskonzepts. Die AOK Nordost liefert dafür eine klare Gegenposition: Um den Krankenstand zu senken, sollte der Schwerpunkt aus Sicht der Kasse „in den Blick“ der Langzeiterkrankungen rücken. Aus Sicht des betrieblichen Alltags liegt der nächste Schritt weniger in der Formalisierung früher Abwesenheit, sondern in der Frage, wie schnell Betriebe erkennen können, warum bestimmte Gruppen überdurchschnittlich lange ausfallen. Für Arbeitsmedizin, HR und Führungskräfte wird damit der Fokus auf Datenqualität und Wirksamkeit von Maßnahmen wichtiger: Nicht nur wie oft Menschen fehlen, sondern wie lange und aus welchen Gründen – damit die Diskussion über Attestregeln nicht die größere Gestaltungsaufgabe überlagert.


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