LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Zwillingsstudie zeigt, dass genetische Anlagen und Familienumfelder bei politischen Einstellungen nicht gleich wirken. Für Right-Wing Authoritarianism spielt demnach sowohl Vererbung als auch ein starkes familiäres Aufwachsen eine Rolle. Social Dominance Orientation hängt dagegen stärker von individuellen Erfahrungen außerhalb des Elternhauses ab, während genetische Einflüsse insgesamt additiv erklärt werden. Außerdem deuten die Daten darauf hin, dass bestimmte gemeinsame Umwelt-Effekte von der Adoleszenz ins junge Erwachsenenalter zunehmen.

Politische Polarisierung entsteht nicht aus einem einzigen Ursprung, sondern aus einer Mischung aus biologischen Anlagen und Lebensumständen. Eine neue Arbeit in Behavior Genetics nimmt dabei zwei häufig genutzte psychologische Konstrukte in den Blick: Right-Wing Authoritarianism und Social Dominance Orientation. Beide hängen in früheren Studien mit Vorurteilen, Unterstützung extremer politischer Bewegungen und einer Toleranz gegenüber Diskriminierung zusammen, aber sie beschreiben unterschiedliche Motive. Während Right-Wing Authoritarianism auf Konformität, kollektive Sicherheit und Gehorsam gegenüber Autoritäten zielt, beschreibt Social Dominance Orientation die Neigung zu gruppenbasierten Hierarchien und die Überzeugung, dass die eigene Gruppe anderen überlegen sei.
Der Kern der Fragestellung lautet damit: Warum entwickeln Menschen diese unterschiedlichen Einstellungen überhaupt – und vor allem: Welche Umwelt- und Genquellen unterscheiden sich zwischen den beiden Traits? Die Autoren um Christian Kandler und Jana Instinske (beide Bielefeld University) sowie Edward Bell (University of Western Ontario) bauen auf der Idee auf, dass sich genetische Beiträge und Umwelteffekte in der Familie auseinanderziehen lassen. Dafür nutzen sie Daten aus einer großen Stichprobe mit 1.440 deutschen Familien, in denen eineiige und zweieiige Zwillinge, ihre Eltern und auch nicht-zwillingshafte Geschwister untersucht wurden. Insgesamt umfasst das mehr als 5.000 Personen. Die Zwillinge gehörten dabei zu drei Alterskohorten, die im Schnitt 15, 21 und 27 Jahre alt waren.
Methodisch setzt das Design auf den klassischen Zwillingsvergleich: Eineiige Zwillinge teilen (praktisch) alle Gene, zweieiige Zwillinge teilen etwa die Hälfte. Vergleicht man, wie ähnlich die Teilnehmenden in beiden Gruppen bei den Befragungswerten zu beiden politischen Orientierungen sind, lässt sich mathematisch abschätzen, wie groß der genetische Anteil an der Varianz ist. Um die Umweltseite genauer zu fassen, erweiterten die Forschenden die Analysen um die Eltern und die nicht-zwillingshaften Geschwister. Dadurch konnten sie (a) die spezifischen familiären Umwelten modellieren, die in Haushalten entstehen, und (b) die sogenannte assortative mating-Komponente berücksichtigen. Das bezieht sich auf das bekannte Muster, dass Menschen Partner wählen, die ähnliche politische und soziale Ansichten mitbringen.
Die Ergebnisse differenzieren stark zwischen beiden Traits. Insgesamt beeinflussen Gene nach den Daten bei beiden Persönlichkeitsdimensionen in etwa den gleichen Gesamtumfang der Varianz. Die Struktur der genetischen Beiträge ist jedoch nicht identisch: Right-Wing Authoritarianism wird sowohl durch additive genetische Faktoren geprägt (also direkt vererbte, “einfachere” Effekte) als auch durch nicht-additive genetische Einflüsse, die stärker auf komplexe Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Genen hinauslaufen. Bei Social Dominance Orientation hingegen treiben genetische Effekte ausschließlich additive Faktoren an. Entscheidend ist danach die Abweichung in der Umweltkomponente: Für Right-Wing Authoritarianism zeigt sich eine deutliche Kopplung an familiäre Weitergabe und Erziehung.
Laut der Studie passen Eltern, die stärker auf soziale Konformität setzen, offenbar auch eher als Partner zu Menschen, die ebenfalls ähnlich empfinden. Dadurch entsteht eine doppelte Kontaktschiene: Die Kinder erhalten zum einen genetische Veranlagungen, die mit Konformität zusammenhängen könnten, und sie wachsen zum anderen in einem häuslichen Umfeld auf, das genau jene traditionellen Leitbilder und Gehorsamsnormen stabilisiert. Die Arbeit beschreibt diese Kombination aus biologischer Vererbung und familiärem Umfeld als passive Genotyp-Umwelt-Korrelation (passive genotype-environment correlation). Bei Social Dominance Orientation finden die Autoren dagegen fast keine Verbindung zu genau diesem passiven familiären Vererbungspfad. Die Partnerwahl der Eltern entlang dominanzorientierter Präferenzen ist demnach schwächer ausgeprägt, und das gemeinsame häusliche Umfeld spielt in der nachfolgenden Generation nur eine geringe Rolle für die Ausprägung des Traits. Stattdessen schreiben die Daten den Ausschlag zu einem großen Teil individuellen, einzigartigen Erfahrungen außerhalb des Elternhauses zu.
Auch die Entwicklung über das Lebensalter wird adressiert. Die Forschenden prüfen, ob der Einfluss der gemeinsamen Familienumwelt mit zunehmendem Alter abnimmt, weil Jugendliche eigene Umfelder wählen. Genau das erwarteten sie zunächst – weil junge Erwachsene stärker selbst entscheiden, in welchen sozialen Kreisen sie sich bewegen und welche Informationsquellen sie konsumieren. Die Auswertung zeigt jedoch das Gegenteil: Für beide Traits bleibt der genetische Gesamteinfluss über die Altersgruppen relativ stabil, während die Bedeutung von Umwelteinflüssen, die Zwillinge speziell gemeinsam haben, von der Adoleszenz ins junge Erwachsenenalter hinein zunimmt. Für 15-Jährige sei dieses “zwillings-spezifische gemeinsame Umfeld” nahezu nicht vorhanden gewesen; bei 21- und 27-Jährigen werde es hingegen relevant. Die Autoren vermuten als Erklärung, dass ab einem Alter, in dem politische Teilhabe wahrscheinlicher wird, intensivere Diskussionen mit Peers und auch den Zwillingsgeschwistern einsetzen können. So kann sich ein gemeinsames soziales Mitentwickeln gerade in den Jahren verstärken, in denen politische Identitäten konsolidieren.
Wichtig ist zugleich die Einordnung der Grenzen. Die Studie vergleicht Altersgruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt und beobachtet nicht dieselben Personen über Jahrzehnte hinweg. Damit lässt sich schwerer trennen, ob beobachtete Unterschiede echte Entwicklungsverläufe widerspiegeln oder ob sie eher durch Kohorteneffekte entstehen – also durch Unterschiede im kulturellen Zeitfenster, in dem die jeweiligen Jahrgänge aufgewachsen sind. Zudem zeigen statistische Tests für viele Parameter der mathematischen Modelle keine signifikanten Unterschiede zwischen den Alterskohorten. Die Autoren weisen außerdem darauf hin, dass dafür möglicherweise größere Stichproben nötig wären. Auch die Messung über vergleichsweise kurze Fragebogeninstrumente kann die Präzision von Persönlichkeitsabschätzungen begrenzen. Schließlich setzen die Modelle voraus, dass genetische und Umwelt-Varianzen über Generationen hinweg identisch bleiben – eine Annahme, die angesichts sich wandelnder kultureller Normen nicht perfekt zur Realität passen muss.
Für die Praxis – etwa im Kontext von Bildungsarbeit, gesellschaftlicher Debattenkultur oder Programmen zur politischen Bildung – bedeutet das vor allem: “Familie” ist nicht automatisch der gleiche Hebel für alle Arten politischer Orientierung. Right-Wing Authoritarianism wirkt in den Daten stärker durch ein Zusammenspiel aus familiärem Umfeld und Vererbung geprägt, inklusive eines Pfades über die Partnerwahl der Eltern. Social Dominance Orientation hingegen scheint ihre wesentliche Prägung stärker über Erfahrungen außerhalb des Elternhauses zu beziehen, während genetische Einflüsse zwar vorhanden sind, aber die Umweltkomponente weniger im häuslichen Erbe verankert ist. Gerade diese Trennung zwischen Motivlandschaften liefert damit eine präzisere Landkarte für Debatten über Ursachen von Polarisierung – ohne den Anspruch, individuelle Entscheidungen auf Gene oder Erziehung allein zu reduzieren.
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