BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach Störungen rund um Umspannwerke und Kraftwerksblöcke drängt RWE-Vorstandschef Markus Krebber auf eine Neubewertung der Sicherheit kritischer Infrastruktur. Er sagt, hybride Angriffe ließen sich nicht mehr wie früher mit bürokratischen Abläufen abarbeiten. Zudem fordert er, Überwachungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum deutlich auszuweiten. Gleichzeitig kritisiert er, dass Transparenzpflichten Standorte sensibler Anlagen öffentlich machen können.

RWE-Chef fordert mehr Überwachung nach Störungen am Stromnetz
RWE-Chef fordert mehr Überwachung nach Störungen am Stromnetz (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Sicherheit im Stromnetz rückt nach konkreten Netzunterbrechungen spürbar näher in den Fokus der Betreiber. Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender der RWE AG, fordert in diesem Zusammenhang eine grundlegende Neubewertung: Die Bedrohungslage, die er im Zeichen hybrider Angriffe beschreibt, sei nicht mehr mit Prozessen aus der „Friedenszeit“ zu bewältigen. Dass die Forderung jetzt so deutlich kommt, liegt auch daran, dass sich technische und operative Resilienz im Energiesektor nicht nur an klassischen Ausfällen wie Wetterereignissen messen lassen muss, sondern zunehmend an Störfällen, die außerhalb des normalen Betriebsdesigns ansetzen.

Im Zentrum der aktuellen Diskussion stehen die Auswirkungen auf den Betrieb nach einer externen Einwirkung im Umfeld eines Umspannwerks des Netzbetreibers Amprion bei Bergheim. Anfang September mussten am 1. September fünf Braunkohlen-Kraftwerksblöcke von RWE vorübergehend vom Netz genommen werden; berichtet wird von einer betroffenen Kapazität von insgesamt rund 4.200 Megawatt. Zum Vorfallzeitpunkt speisten die Anlagen Medienberichten zufolge rund 3.000 Megawatt ins Netz ein. Auch wenn Amprion betonte, dass die allgemeine Stromversorgung zu keiner Zeit gefährdet gewesen sei, bleibt für Betreiber der Kernpunkt: Wiederanfahrungen und Lastanpassungen sind bei derartigen Ereignissen nicht „ab Werk“ geplant, sondern erfordern im Ernstfall schnelle Entscheidungen, Abstimmung mit Netzleitstellen und eine saubere Rückkehr in stabilen Betrieb.

Technisch und organisatorisch zeigt der Vorfall damit eine typische Schwachstelle in kritischer Infrastruktur: Nicht die Existenz von Schutzsystemen allein entscheidet, sondern die Frage, ob Betreiber im relevanten Zeitfenster die passenden Informationen verfügbar haben. Krebber fordert, dass Betreiber alle verfügbaren technischen Möglichkeiten zur Überwachung nutzen dürfen. Besonders brisant ist dabei seine Kritik an Transparenzgesetzen, die Standorte sensibler Anlagen öffentlich zugänglich machen: Wenn Angriffsflächen durch öffentliche Daten leichter rekonstruierbar werden, können reine Sicherheitsmaßnahmen am physischen Perimeter zu kurz greifen. Für die Betreiberpraxis heißt das: Statt nur auf Detektion am Zaun zu setzen, muss die Überwachung auch Aussagen darüber ermöglichen, wie und wann sich Störungen in den Betriebsprozess „einschleusen“.

Die operative Belastung trifft RWE in einer Phase, in der der Konzern zugleich sein Finanzprofil verbessert. Ende Juli hatte der Energieversorger die Ziele für das laufende Geschäftsjahr nach oben angepasst: Für 2026 erwartet RWE nun ein bereinigtes EBITDA zwischen 5,8 und 6,4 Milliarden Euro, zuvor waren 5,2 bis 5,8 Milliarden Euro in Aussicht gestellt worden. Das bereinigte Nettoergebnis liegt der Prognose nach in einer Spanne von 1,95 bis 2,45 Milliarden Euro. Gleichzeitig zeigt die Börsenreaktion, dass der Markt die Entwicklung bislang positiv einordnet: Seit Jahresbeginn liegt das Plus bei 32 %, das Papier schloss bei 59,60 Euro und liegt damit knapp 4 % unter dem 52-Wochen-Hoch von 62,00 Euro. Diese Mischung aus finanzieller Stärke und operativem Sicherheitsdruck ist relevant, weil Investitionen in Überwachung, Notfallprozesse und Modernisierung von Netzinfrastruktur typischerweise mittel- bis langfristig wirken.

Dass sich Unternehmen in solchen Lagen selten nur auf einen Hebel verlassen, sieht man auch an den Kapitalmarkt- und Strategieimpulsen. Analysten bewerten die Perspektiven weiterhin optimistisch: Am 20. August erhöhte JPMorgan das Kursziel für die RWE-Aktie von 65 auf 68,50 Euro und bestätigte die Einstufung „Overweight“. Ebenfalls am 20. August bekräftigte die Deutsche Bank ihre Kaufempfehlung („Buy“) mit einem von 63 auf 65 Euro angehobenen Kursziel. Parallel treibt RWE die langfristige Ausrichtung voran: Vor über einem Monat erhöhte der Konzern seine Mehrheitsbeteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion auf 55 %. Die Investitionssumme von 3,6 Milliarden Euro wurde über eine Kapitalerhöhung finanziert, an der unter anderem die Qatar Investment Authority und die norwegische Norges Bank als Ankerinvestoren einstiegen. Für die Governance im Bereich Netzsicherheit kann genau diese Konstellation bedeutsam sein, weil Entscheidungen zur Risikosteuerung häufig an Eigentümerstrukturen gekoppelt sind.

Für die Branche leuchtet damit ein doppelter Zusammenhang auf: Erstens verändert sich der Sicherheitsansatz im Energiesektor, wenn hybride Angriffe als reale Betriebsvariable betrachtet werden. Zweitens wird Resilienz zu einem Teil der Unternehmensplanung, die nicht erst nach dem Störfall beginnt, sondern parallel zu Prognosen und Investitionsprogrammen. RWE wird detaillierte Einblicke in den laufenden Geschäftsverlauf am 11. November mit der Vorlage der Ergebnisse für das dritte Quartal geben. Unabhängig davon zeigt der aktuelle Fall, dass die Diskussion um Überwachung nicht nur eine Frage der Technik ist, sondern auch eine der Schnittstellen zwischen gesetzlicher Transparenz, betrieblicher Geheimhaltung sensibler Informationen und der Geschwindigkeit, mit der Betreiber im Ernstfall handeln können.


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