LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse von Anthropic ordnet die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf Berufe nach Risiko und Produktivitätshebeln. Im Best-Case-Szenario wirkt KI wie eine gewöhnliche Technologie und steigert das gesamtwirtschaftliche Niveau. Im Extremfall zeigt die Studie jedoch, dass einzelne kognitive Tätigkeiten deutlich unter Druck geraten können. Besonders stark betroffen sieht die Analyse Rollen, in denen LLMs Code, Texte und Routine-Workflows beschleunigen können.

Die Diskussion um KI am Arbeitsplatz dreht sich oft um die Frage „Welche Jobs verschwinden?“. Eine Untersuchung von Anthropic lenkt den Blick stattdessen auf eine andere Ebene: Nicht jede Beschäftigung wird gleich stark getroffen, und selbst hohe Automatisierungspotenziale müssen nicht zwangsläufig zu Jobabbau führen. Technologisch betrachtet hängt das stark davon ab, ob ein KI-System vor allem ganze Arbeitsschritte übernimmt oder „nur“ einzelne Teilaufgaben beschleunigt. Genau diese Unterscheidung versucht die Studie über ein messbares Maß abzubilden, indem sie die beobachtete „Exposure“ von KI-Tools auf konkrete Tätigkeitsprofile schätzt.
Im Kern betrachtet Anthropic zwei makroökonomische Pfade. In einem moderaten Veränderungsszenario verhält sich KI wie eine normale Technologie innerhalb der nächsten fünf Jahre und hat nur begrenzte Effekte auf zentrale Kennzahlen. Im extremen Szenario wird KI dagegen als transformativ beschrieben: Bis 2030 soll das Bruttoinlandsprodukt um 32 Prozent über dem Pfad liegen, der ohne KI zu erwarten wäre. Gleichzeitig nennt die Analyse im Extremfall eine sehr deutliche soziale Komponente: Nahezu jede fünfte Person in kognitiven Berufen könnte demnach arbeitslos werden, weil KI zunehmend Aufgaben ausführt, die bislang überwiegend von Wissensarbeitern erledigt wurden. Dass diese Größenordnung in derselben Studie auftaucht, zeigt, wie unterschiedlich der Weg von Produktivitätsgewinnen zu Beschäftigungseffekten ausfallen kann.
Auch die Lohnperspektive ist nicht eindimensional. Laut Anthropic könnten die durchschnittlichen Löhne um 9,7 Prozent steigen, weil KI die gesamte Wirtschaftsleistung erhöht. Interessant wird es jedoch bei der Verteilung zwischen Berufsfeldern: Unter den Bedingungen des extremen Szenarios könnten Löhne in kognitiven Tätigkeiten um 11,5 Prozent sinken. Der Begriff „kognitive Jobs“ wird in der Studie so gefasst, dass vor allem Denken, Analyse, Problemlösung, Entscheidungsprozesse, Kommunikation und die Erstellung von Wissen zählen – nicht körperliche Arbeit oder monotone Handgriffe. Damit adressiert die Analyse genau jene Bereiche, in denen LLMs besonders schnell ansetzen: bei Textproduktion, Recherche, Strukturierung, Auswertung und bei der Unterstützung komplexer Entscheidungen.
Welche Rollen die Studie dabei am stärksten als „exponiert“ einordnet, hat eine klare technische Logik. Am höchsten liegt die Exponierung bei Computerprogrammierern mit 74,5 Prozent: LLMs können viele coding-nahe Aufgaben beschleunigen, etwa das Erstellen von Code-Entwürfen, das Umsetzen von Anforderungen in Implementierungsbausteine oder das Erklären von Fehlerbildern. Direkt danach folgt die Kundenservice-Rolle der Customer Service Representatives mit 70,1 Prozent, ebenso Daten-Entry-Keyer mit 67,1 Prozent und medizinische Dokumentations- bzw. Record-Spezialisten mit 66,7 Prozent. In Marketing (64,8 Prozent) und Vertrieb (62,8 Prozent) sieht die Studie ebenfalls hohen Wirkungsgrad, weil KI Analysen, Recherchen und Routine-Workflows schneller erledigen kann. Selbst in hochqualifizierten IT-Funktionen bleiben die Werte beachtlich: Software-Quality-Assurance-Analysten erreichen 51,9 Prozent, Security-Analysten 48,6 Prozent und Support für Computer-Nutzer 46,8 Prozent.
Trotz solcher Exposure-Werte leitet Anthropic daraus keine automatische „Ersatz“-These ab. Entscheidend ist, dass Exposure nicht gleichbedeutend ist mit „der Job wird komplett ersetzt“. Vielmehr beschreibt die Kennzahl, in welchem Umfang KI-Tools Aufgaben eines Berufes automatisieren oder beschleunigen könnten. In vielen Fällen – so die Logik der Studie – verändert KI zuerst die Arbeitsteilung: Beschäftigte erledigen weiterhin die Aufgaben, aber sie bringen sie schneller zu Ende, mit anderen Werkzeugketten und oft mit höheren Anforderungen an die Formulierung, Prüfung und Qualitätskontrolle der Ergebnisse. Damit verschiebt sich die praktische Unsicherheit häufig von der Frage „Gibt es den Job noch?“ hin zu „Welche Fähigkeiten müssen künftig sitzen?“: Prompting, Validierung, domänenspezifische Kontextarbeit und das sichere Zusammenführen von KI-Ausgaben mit vorhandenen Unternehmensdaten.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein zweigeteilter Handlungsauftrag. Einerseits verspricht die Studie einen insgesamt positiven Produktivitätseffekt, der in den makroökonomischen Pfaden sogar in deutliches Wachstum mündet. Andererseits zeigt die Aufteilung nach kognitiven Tätigkeiten, dass Effizienzgewinne nicht automatisch zu einem „fairen“ Ergebnis für alle Rollen führen. In der Praxis bedeutet das: Wer KI in Workflows einführt, sollte die Kompetenzmatrix neu ausrichten. Besonders dort, wo KI Routinetätigkeiten in Text-, Analyse- und Prozessarbeit beschleunigt, lohnt sich ein Fokus auf Schulungen für Qualitätskontrolle und Fachprüfung – nicht nur auf Tool-Bedienung. Daneben werden Betriebsbereiche, die stark von LLM-gestützter Assistenz leben, wahrscheinlich weniger von kompletten Stellenstreichungen betroffen sein als von geänderten Rollenprofilen und neuen Verantwortlichkeiten.
Am Ende bleibt die wichtigste Botschaft: KI ist kein einheitlicher „Job-Killer“, sondern ein Technologiehebel mit unterschiedlicher Wirkung je nach Aufgabenstruktur. Anthropics Zahlen liefern dafür eine brauchbare Landkarte, weil sie Exposure als Brücke zwischen Modellfähigkeit und Arbeitsrealität interpretieren. Gleichzeitig zeigt der Extrempfad, dass bei zu langsamer Anpassung oder bei falschem Skill-Transfer die sozialen und lohnbezogenen Effekte deutlich ausfallen können. Für die nächsten Jahre wird daher weniger die reine Modellleistung entscheiden, sondern die betriebliche Fähigkeit, KI so einzubetten, dass sie Tätigkeiten unterstützt, statt sie blind zu substituieren – mit klaren Prozessen für Prüfung, Verantwortung und Weiterbildung.
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