BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem Hack auf die Netzwerke des Berliner Senats sind nach Angaben der Angreifer 5,79 Terabyte Daten im Darknet veröffentlicht worden. Der Zugriff soll im Zeitraum 7. bis 12. August erfolgt sein; am 14. August schaltete Berlin betroffene Behördennetze vorsorglich ab. Laut BSI lief die Erstinfektion über Terminal- beziehungsweise ClickFix-Szenarien, vermutlich angestoßen durch eine Phishing-Mail. Während Berlin die Lösegeldforderung über 30 Bitcoin abgelehnt hat, wurden zahlreiche Dateien nach und nach bereitgestellt und die Verwaltung musste sich im Betrieb neu organisieren.

Die Cyberattacke auf den Berliner Senat zeigt, wie schnell sich aus einem Initialzugriff ein großflächiger Daten- und Betriebsstörfall entwickelt. Betroffen waren laut Darstellung der Vorfälle zwei Senatsverwaltungen, in die die Angreifer zwischen dem 7. und 12. August eindrangen. Bereits am 14. August gingen die Verantwortlichen dann mit einer Eskalationsmaßnahme in den Betrieb: Zwei Behördennetze wurden vorsorglich abgeschaltet, um die weitere Ausbreitung zu stoppen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wurde am 26. August in die Aufarbeitung eingebunden. Dass ein so strukturierter Ablauf überhaupt möglich ist, liegt bei solchen Vorfällen jedoch nicht allein an der Angriffsstrategie, sondern auch an der Reaktionsfähigkeit im Haus – und genau die steht mit jedem zusätzlichen Tag unter Druck, bis klar ist, ob Exfiltration und Persistenz bereits abgeschlossen sind.
Im Zentrum des Falls steht die von der Gruppe Rhysida genannte Datenmenge: Insgesamt sollen rund 5,79 Terabyte entwendet und im Darknet veröffentlicht worden sein. Parallel dazu werden im Leak nach Angaben des Textes mehrere Pakete bereitgestellt, darunter ein drittes Paket in der Nacht vom 5. auf den 6. September. Die veröffentlichten Dateien werden dabei konkret beziffert: Der Leak umfasst insgesamt 1.439.893 Dateien. Für IT-Verantwortliche ist diese Aufteilung wichtig, weil sie auf eine gestaffelte Exfiltration und/oder ein schrittweises „Verpacken“ der Daten hindeutet, das typischerweise den psychologischen Druck erhöht und die Gegenmaßnahmen der Zielorganisation zeitlich streckt. Besonders relevant wird das, wenn sensible Betriebspfade, Nutzerkonten oder Konfigurationsartefakte in den Archiven landen – auch dann, wenn die eigentlichen Angriffe längst gestoppt wurden.
Bemerkenswert ist zudem, dass Berlin die Erpressungsforderung nicht bediente. Gefordert wurden 30 Bitcoin für die Entschlüsselung oder Nichtveröffentlichung der Daten; die Lösegeldfrist endete am 28. August ohne Zahlung. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner lehnte die Zahlung ab, ebenso der Chief Digital Officer Florian Hauer, der erklärte, Berlin werde sich der Erpressung nicht beugen. Aus Technik- und Betriebslogik ergibt sich daraus ein klares Dilemma: Selbst wenn keine Zahlung erfolgt, kann der Betrieb weiter leiden, etwa durch kompromittierte Identitäten, nicht abgeschlossene Forensik oder Systeme, die man aus Vorsicht offline nimmt. Dass das in Berlin tatsächlich sichtbar wurde, zeigt sich an der Liste der operativen Folgen: Die Auszahlung von Wohngeld für rund 50.000 Haushalte verzögerte sich, und Dienste in den Bereichen Verkehr, Umwelt sowie Wohnbeihilfe waren mehrere Tage gestört.
Für die Ursachenanalyse liefert der Text eine konkrete Spur, die in Behördenumgebungen besonders häufig zu Fehlannahmen führt: Es ging nicht primär um „unknackbare“ technische Lücken, sondern um menschlich-gebundene Interaktionswege. Laut BSI erfolgte der Zugriff über TerminalFix beziehungsweise ClickFix. Medienberichte ordnen als möglichen Einstieg eine Phishing-Mail ein, über die die Täter mittels eines ClickFix-Scams in die Systeme gelangten. Genau hier setzt die praktische Lehre an: CEO-Fraud und psychologische Social-Engineering-Tricks funktionieren nicht nur im Finanzkontext, sondern auch bei Verwaltungen, in denen Workflows, Freigaben und Rollenrechte stark von Vertrauen und Prozessdisziplin abhängen. Wenn ein Angreifer die richtige Erwartungshaltung (Dringlichkeit, Vertraulichkeit, „Sofort handeln“) erzeugt, reicht oft schon eine einzige Fehlentscheidung aus, um Rechte zu eskalieren – und dann wird aus einer vermeintlichen Benutzerinteraktion ein technischer Zugriff.
Die anschließende Härtung umfasste im Text gleich mehrere Maßnahmen, die den Charakter des Vorfalls als „Breitenangriff“ unterstreichen. In 21 Berliner Fachverfahren fanden Techniker offenbar im Quelltext hinterlegte Passwörter; als Sofortmaßnahme wurden sämtliche Passwörter auf 16-stellige Kombinationen umgestellt. Diese Form von „Credential-Reste“ ist aus Sicht der Sicherheit besonders brisant, weil sie eine Art Rückfallmechanismus darstellt: Auch wenn der eigentliche Angreiferzugriff gestoppt ist, können gestohlene oder noch verwertbare Credentials später weitere Teile des Systems öffnen. Daneben wird erwähnt, dass CrowdStrike Ausrüstung für die Datenanalyse beschafft habe – ein Hinweis darauf, dass die Forensik nicht nur bei der Incident Response stehen bleibt, sondern auch bei der strukturierten Auswertung großer Datenmengen benötigt wird. Die wirtschaftliche Seite verschärft die Lage zusätzlich: Während 10 Millionen Euro für dringende Schutzmaßnahmen kurzfristig wegfallen, nennt das IT-Dienstleistungszentrum Berlin laut Medienberichten einen Investitionsmangel von 40 Millionen Euro. In der Praxis bedeutet das häufig, dass Projekte zur Segmentierung, zum zentralen Identitätsmanagement oder zur besseren Protokollierung zeitlich kollidieren.
Der Leak enthält nach Darstellung zudem Dokumente mit Sicherheitsbezug zum Berliner Luftraum. Unter den veröffentlichten Unterlagen sollen hunderte Dokumente kursieren, darunter ein vertrauliches Dokument der Gemeinsamen Obersten Luftfahrtbehörde Berlin und Brandenburg aus dem November 2025, das davor warnt, dass Drohnen jederzeit gefährliche Gegenstände in Sicherheitszonen einbringen könnten. Zusätzlich werden Zahlen genannt, die eine hohe Drohnenaktivität nahe des Berliner Flughafens belegen sollen: Im Sommer 2025 wurden innerhalb von 19 Tagen rund 2.000 Drohnenflüge registriert. Solche Daten sind nicht nur für Security-Teams relevant, sondern auch für operative Sicherheitsplanung und Risikoabschätzung. Gleichzeitig betonen die Verantwortlichen dem Text zufolge, dass die Integrität der kommenden Wahlen nicht gefährdet sei; die nächste Kommunalwahl sei für den kommenden Monat angesetzt. Für die Branche ist das ein Signal: Selbst wenn Wahlen als Ziel formuliert werden, entscheiden im Alltag oft konkrete technische Kontrollmechanismen – und die müssen nach einem Leak zeitnah überprüft werden, besonders dann, wenn Angreifer Identitäten, Zugangspfade oder Prozessdaten bereits kopiert haben.
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