KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Militärische Abschirmdienst warnt, dass sich die Bedrohungslage in Deutschland weiter verschärft hat. Laut Jahresbericht trifft das sowohl hybride Angriffe als auch Sabotage durch angeworbene Auftragsagenten, die als „Low-Level-Agents“ beschrieben werden. Der MAD sieht dabei insbesondere russische Spionageaktivitäten als priorisiertes Aufklärungsziel. Außerdem nennt er Ausspähversuche, die nach Einschätzung des Dienstes zumindest teilweise auf chinesische Nachrichtendienste zurückgehen.

MAD warnt vor eskalierter hybrider Bedrohung und Sabotage durch „Low-Level-Agents“
MAD warnt vor eskalierter hybrider Bedrohung und Sabotage durch „Low-Level-Agents“ (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Militärische Abschirmdienst (MAD) sieht die Bedrohungslage in Deutschland nach eigenen Angaben weiter in Bewegung. In seinem Jahresbericht für das Jahr 2025 beschreibt er eine Lageverschärfung, die nicht nur klassisch nach Spionage aussieht, sondern auch nach Sabotage und Einflussnahme. Auffällig ist dabei die Detailtiefe bei der Rollenverteilung: Neben hybriden Angriffen nennt der MAD explizit den Einsatz angeworbener Auftragsagenten, die er als „Low-Level-Agents“ bezeichnet. Das klingt zunächst nach einem rein militärischen Lagebild, hat aber unmittelbar technische und organisatorische Konsequenzen, weil Sabotage oft nicht als großskalierter Angriff inszeniert wird, sondern als kleine, schlecht sichtbare Eingriffe in Prozesse, Netze und physische Infrastruktur.

Technisch betrachtet ist „hybride“ Bedrohung kein einzelnes Werkzeug, sondern ein Bündel aus mehreren Angriffspfaden. Der Bericht führt als mögliche Bausteine Cyberattacken, Drohnenangriffe und Versuche politischer Einflussnahme an. Ebenso wichtig ist der Fokus auf Sabotage von Verkehrsinfrastruktur, Energieanlagen und Telekommunikation. Genau an dieser Stelle wird die Komplexität deutlich: Wer Infrastruktur sabotieren will, muss typischerweise sowohl digitale Zugänge als auch physische Wirkmechanismen verstehen. Dazu gehören etwa Wege, wie Angreifer Zugriff auf Systeme erlangen oder bestehende Sicherheitsmaßnahmen umgehen, aber auch, wie sich Spuren verwischen lassen, wenn die eigentliche Störung aus einer realen Umgebung heraus ausgelöst wird. Dass der MAD hierfür zusätzlich den Begriff „Low-Level-Agents“ nutzt, deutet darauf hin, dass sich Angriffsmodelle stärker in Richtung arbeitsteilige Operationen verlagern: Eine übergeordnete Steuerung kann im Hintergrund bleiben, während ausführende Akteure vor Ort als „niedrigschwellige“ Werkzeuge eingesetzt werden.

Der MAD ordnet die Lage außerdem geostrategisch ein. Deutschland sei aufgrund der geostrategischen Lage in Europa sowie wegen der NATO, der Modernisierung und des Aufwuchses der Bundeswehr sowie neuer Waffensysteme ein „priorisiertes Aufklärungsziel“ russischer Spionageaktivitäten, heißt es im Bericht. Diese Herleitung ist mehr als eine politische Formulierung, denn sie verbindet konkrete Standort- und Sicherheitsfaktoren mit dem Motiv von Aufklärung: Wer neue Fähigkeiten einführt, schafft zwangsläufig Schnittstellen – von Lieferketten bis zu Trainingsumgebungen, von Testphasen bis zur Betriebsumstellung. In solchen Übergängen entstehen Lücken, in denen nicht jede Schwachstelle sofort auffällt. Der Bericht nennt zudem Ausspähversuche aus China. Nach Einschätzung des MAD sollen zumindest einige Ausspähungen militärischer Infrastruktur – darunter Drohnenüberflüge und das Eindringen in Liegenschaften der Bundeswehr – auf chinesische Nachrichtendienste zurückzuführen sein, die auch Teile der chinesischen Diaspora einsetzen würden.

Für IT-Verantwortliche und Betreiber kritischer Infrastruktur ist das besonders relevant, weil diese Bedrohungsarten im Zusammenspiel stattfinden können. Ein Drohnenüberflug ist zunächst ein physischer Vorgang, kann aber gleichzeitig der Datensammlung dienen, etwa für die Erkennung von Standorten, Zugängen oder technischen Abläufen. Das Eindringen in Liegenschaften wiederum kann digitale Ziele indirekt vorbereiten: Wer vor Ort Informationen gewinnt, kann später im Cyberraum präziser auftreten – zum Beispiel über Social Engineering, das auf beobachtbaren Routinen basiert, oder über gezielte Angriffe auf schlecht überwachte Bereiche. Der MAD liefert zudem einen Hinweis zur Dynamik: Das Bedrohungspotenzial durch Sabotage habe „durch den erkannten Modus Operandi“ von Low-Level-Agents erheblich zugenommen. Gleichzeitig verzichtet der Bericht auf vergleichende Zahlenangaben für das Jahr 2025, um Gegnern keine weiteren Rückschlüsse zu ermöglichen. Das ist ein typisches Muster in Sicherheitsberichten: Transparenz ja, aber nicht in einer Form, die Angreifern statistische Planungssicherheit gibt.

Auch wenn der Bericht keine quantitativen Vergleichswerte nennt, lassen sich aus dem beschriebenen Muster belastbare technische Lehren ableiten. Erstens: Sicherheitskonzepte sollten stärker auf „vertikale“ Angriffswege ausgerichtet sein, also auf Ketten von der physischen Ebene bis zur IT-Ebene. Zweitens: Prozesse rund um Zutritt, Begleitung, Wartung und Dienstleistermanagement müssen als Teil der Cybersecurity verstanden werden, weil Low-Level-Agents genau dort ansetzen können, wo Kontrollen organisatorisch oder personell wirken. Drittens: Monitoring darf nicht bei Standard-Alarmen stehen bleiben. Wenn Sabotage als Zielbild genannt wird, braucht es auch Sichtbarkeit für Anomalien, die nicht sofort wie ein klassischer Cyberangriff aussehen – etwa ungewöhnliche Verkehrs- oder Zugriffsereignisse, unerwartete Muster in Telekommunikationsdaten oder Indikatoren für vorbereitende Aufklärung in der physischen Umgebung. Und weil hybride Angriffe laut Bericht auch propagandistische Mittel einschließen, sollten Kommunikations- und Incident-Response-Prozesse so ausgelegt sein, dass Desinformation nicht die technische Reaktion überlagert.

Ein weiterer Punkt betrifft die Priorisierung von Aufklärung: Der MAD beschreibt Russland als besonders aktives Ziel, verbindet das aber mit Deutschlands Rüstungsmodernisierung und dem Aufwuchs der Bundeswehr sowie neuen Waffensystemen. Damit rückt ein Bereich in den Fokus, der in IT-Programmen häufig als „Randthema“ behandelt wird: die sichere Einführung neuer Systeme. In der Praxis bedeutet das, dass Umgebungen, in denen neue Technologien getestet oder schrittweise ausgerollt werden, enger verzahnt überwacht werden müssen. Gleichzeitig ist die Erwähnung chinesischer Ausspähungen ein Hinweis darauf, dass Operationen nicht nur auf einen geografischen Raum begrenzt sind, sondern sich über Diaspora-Netzwerke an lokale Gegebenheiten anpassen können. Für Unternehmen, die Zulieferer an sicherheitsrelevante Projekte sind, folgt daraus eine klare Konsequenz: Sicherheitsanforderungen dürfen nicht nur in den Verträgen stehen, sondern müssen in Lieferketten, Zugangskonzepten und Audit-Prozessen tatsächlich nachweisbar gelebt werden.

Wenn man die Lage in den breiteren Trend einordnet, passt sie zu dem, was sich in vielen sicherheitsrelevanten Domänen seit Jahren abzeichnet: Angreifer kombinieren digitale und physische Schritte, verschieben Zuständigkeiten in arbeitsteilige Rollen und nutzen möglichst „ganz normale“ Handlungen, um Aufmerksamkeit zu vermeiden. In diesem Kontext wird auch der Einsatz von KI im Sicherheitsumfeld relevant – nicht als Allheilmittel, sondern als Werkzeug, um Muster in großen Datenmengen schneller zu erkennen. Entscheidend ist dabei die Architektur: KI-gestützte Analytik kann etwa ungewöhnliche Zugriffskonstellationen verdichten oder Zusammenhänge aus verschiedenen Logquellen und physischen Sensoren ausgeben. Allerdings ersetzt KI keine Kontrollen vor Ort. Der MADs Hinweis auf Low-Level-Agents zeigt vielmehr, dass menschliche Faktoren und operative Abläufe weiterhin zentrale Angriffsflächen darstellen. Organisationen müssen deshalb sowohl technische Erkennungssysteme als auch robuste Zutritts- und Betriebsprozesse zusammendenken.

Unterm Strich macht der Jahresbericht eine klare Linie sichtbar: Die Bedrohungslage umfasst mehr als Cyberattacken, weil Sabotage und Ausspähung als eigene Ziele mitgedacht werden. Für die Praxis bedeutet das, dass Security Teams die Resilienz gegen hybride Szenarien nicht als Projekt für „spätere Härtung“ behandeln sollten. Stattdessen sollten die nächsten Maßnahmen an den inhaltlichen Schwerpunkten des MAD ausgerichtet werden – besonders an der Arbeitsteilung durch Low-Level-Agents, am Zusammenspiel physischer und digitaler Spuren sowie an der Priorisierung von Aufklärungsaktivitäten im Umfeld neuer Fähigkeiten. Die Entscheidung, im Bericht 2025 auf vergleichende Zahlen zu verzichten, ist dabei selbst Teil der Sicherheitslogik: Sie schützt das Lagebild vor Ausnutzung. Für Unternehmen bleibt daher vor allem die Aufgabe, aus dem beschriebenen Muster ein belastbares, überprüfbares Sicherheitsniveau abzuleiten.


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