FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Fondsmanager Christoph Frank warnt davor, dass der zunehmende staatliche Einfluss auf Unternehmen Wettbewerb und Innovationsdruck schwächen könnte. Als Beleg nennt er für Deutschland zwischen 2018 und 2024 ein deutliches Plus bei Arbeitnehmern im öffentlichen bzw. staatsnahen Bereich im Vergleich zur Privatwirtschaft. Für den Aktienmarkt sieht er daraus abgeleitete Folgen wie veränderte Anreizstrukturen und potenziell niedrigere Bewertungen. Im Kern ordnet er das Thema in den historischen Gedanken von Hayek ein und stellt die Frage nach den Grenzen staatlicher Lenkung.

Die Debatte um „mehr Staat“ wird an der Börse selten als technisches Thema geführt, dabei wirkt sie wie ein struktureller Eingriff in die Spielregeln: Kapital wird nicht nur nach Renditeerwartungen verteilt, sondern zunehmend entlang politischer Ziele. Genau diese Verschiebung beschreibt Fondsmanager Christoph Frank in einer Kolumne aus dem Umfeld der Deutschen-Börse-Gruppe. Im Mittelpunkt steht die Frage, was passiert, wenn der Staat immer stärker Aufgaben organisiert oder direkt beeinflusst, und wie sich daraus mittelfristig Effekte auf Wirtschaftswachstum, Innovation und damit auch auf Unternehmenswert ableiten lassen.
Um die Größenordnung nicht nur ideologisch zu diskutieren, greift Frank auf eine Arbeitsmarkt-Zusammenstellung zurück: Von 2018 bis 2024 sei in Deutschland die Zahl der Arbeitnehmer insgesamt um rund 4 Prozent gestiegen. Auffällig sei aber die Aufteilung, denn während die Beschäftigung bei nicht-öffentlichen Arbeitgebern als Proxy für die Privatwirtschaft etwa um 2 Prozent zulegte, wuchs sie bei öffentlichen Arbeitgebern um rund 14 Prozent. Diese Relation ist mehr als eine statistische Randnotiz, weil sie impliziert, dass Mittel und Personal überproportional in staatsnahe Strukturen fließen, selbst wenn die Gesamtentwicklung nur moderat steigt.
Technisch betrachtet geht es dabei weniger um „Staatsausgaben“ im Allgemeinen, sondern um Anreizsysteme. Frank argumentiert, dass weniger Wettbewerb die Notwendigkeit zur Produktivitätssteigerung langfristig reduziert: Wenn Konkurrenzdruck ausbleibt, müssen Unternehmen nicht zwingend effizienter werden, um Kunden zu halten. Ein staatliches Unternehmen könne zudem über Jahre „weiterwursteln“, auch wenn es an den Kunden vorbei produziert oder Renditeziele verfehlt, weil politische Nebenbedingungen wie regionale Interessen, Beschäftigung, soziale Ziele oder Versorgungssicherheit den Takt vorgeben können. Dem stellt er die Logik privater Firmen gegenüber, die bei dauerhaft schlechter Leistung eher Kunden und damit Geld verlieren.
Daneben setzt er einen zweiten Hebel an, der für Technologie- und Innovationszyklen besonders relevant ist: das Risiko, dass Innovation systematisch verzögert wird. Frank verweist auf eine mögliche Trägheit staatlicher Organisationen, etwa durch etablierte Verfahren und Dienstwege, und fasst das als kulturelles Muster zusammen: Man kennt den Prozess, also bleibt er. Bei privaten Unternehmen sieht er dagegen eher den Zwang zur Anpassung, weil das Geschäftsmodell bei schlechten Ergebnissen unter Druck gerät. Diese Gegenüberstellung lässt sich auch auf digitale Transformationen übertragen: Wo Marktmechanismen stärker wirken, lohnt sich schnelles Iterieren; wo interne Zielvorgaben dominieren, verschiebt sich die Priorität mitunter hin zu kurzfristigen Genehmigungs- und Förderlogiken.
Die Effekte auf die Beschäftigung bezeichnet Frank als „ambivalent“. Kurzfristig entstehen laut seiner Argumentation in staatsnahen Bereichen zunächst tatsächlich Jobs. Mittel- und langfristig könne jedoch ein Crowding-out auftreten: Hochqualifizierte Menschen könnten in Rollen abwandern, die volkswirtschaftlich in der Privatwirtschaft mehr Nutzen stiften würden. Im Ergebnis steht nicht nur die Frage „wie viele“ Arbeitsplätze entstehen, sondern auch, welche Fähigkeiten wo eingesetzt werden und wie stark dadurch Produktivitäts- und Innovationspotenziale gehoben werden. Für Unternehmen bedeutet das praktisch: Selbst wenn ein Marktsegment wächst, kann die Wettbewerbssituation anders aussehen als zuvor, weil Qualifikationen und Budgets in andere Bahnen gelenkt werden.
Für den Aktienmarkt schlägt Frank dann die Brücke zu Kapitalflüssen und Bewertungsmultiplikatoren. Als eine eher triviale Konsequenz nennt er, dass tendenziell weniger frei handelbare Aktiengesellschaften verfügbar seien, in die private Anleger investieren können. Komplexer wird es bei den Anreizstrukturen: Wenn der Staat stärker Einfluss nimmt, verschiebt sich laut Frank die Priorität vieler Unternehmen weg von „Unternehmenswert maximieren“ hin zu politisch anschlussfähigen Fragen. Dazu zählen zum Beispiel, regulatorische Gestaltungsspielräume gemeinsam mit der Politik zu sichern, Förderungen und Subventionen stärker auszuschöpfen oder Arbeitsplätze im Wahlkreis zu schützen. Frank leitet daraus ab, dass solche Nebenziele nachvollziehbar sein mögen, aber selten zu höheren Aktienbewertungen führen, eher zu Abschlägen.
Seinen argumentativen Schlusspunkt setzt Frank über die historische Perspektive. Hayek greift in „Der Weg zur Knechtschaft“ unter anderem den Gedanken auf, wonach eine Gesellschaft, in der der Staat als einziger Arbeitgeber auftritt, die Opposition auf einen langsamen Hungertod zusteuern lässt. Frank betont, dass dieser Endpunkt in demokratischen, marktwirtschaftlich geprägten Systemen glücklicherweise nicht eintreten müsse, aber gerade der Weg dorthin relevant sei. Die Botschaft zielt damit weniger auf ein starres Schwarz-Weiß gegen öffentlichen Einfluss, sondern auf eine Warnung vor der schleichenden Ersetzung individueller Entscheidungen durch staatliche Lenkung – und damit auf mögliche Risiken für Freiheit und Wohlstand. Für Entscheider aus Wirtschaft und Technologie heißt das: Wenn politische Ziele stärker in Unternehmenssteuerung und Innovationspfade eingreifen, sollten Messgrößen für Effizienz, Kundennutzen und Produktiterationen noch konsequenter überwacht werden, um die ökonomischen Folgekosten nicht erst zu spät zu erkennen.
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