LONDON (IT BOLTWISE) – Der schwedische Startup Legora baut eine eigene Wissensbasis für Juristen auf, um „good law“ zuverlässig bereitzustellen. Dazu sammelt und strukturiert das Unternehmen Fallrecht und andere Rechtsdaten in den betroffenen Jurisdiktionen. Gleichzeitig versucht Legora, den Markt für juristische Recherche von LexisNexis und Westlaw zu erweitern – mit dem Ziel, KI-gestützte Ausgaben weniger fehleranfällig zu machen. Entscheidend wird sein, ob Kanzleien ihre bestehenden Datenzugänge zugunsten einer neuen Plattform umstellen.

Legora will LexisNexis und Westlaw mit „good law“ ausbremsen
Legora will LexisNexis und Westlaw mit „good law“ ausbremsen (Foto: IT BOLTWISE)
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Legora verfolgt mit seinem Legal-Tech-Ansatz ein sehr konkretes Ziel: Anwälte sollen sich auf Aussagen stützen können, die auch heute noch gültig sind. In der juristischen Logik des Unternehmens heißt ein Fall dann „good law“, wenn er nicht durch eine spätere Entscheidung aufgehoben, durch eine neue Rechtsnorm überholt oder durch einen Gerichtsbeschluss unterlaufen wurde. Der technische Knackpunkt liegt darin, dass ein KI-gestütztes System nicht nur „Text generieren“ soll, sondern rechtliche Grenzen und Aktualitätsregeln möglichst korrekt abbilden muss. Wenn diese Verknüpfungen fehlen, reicht schon eine falsche Zuordnung, um im Einzelfall eine veraltete Argumentationslinie zu stützen – ein Risiko, das bei der juristischen Arbeit besonders teuer werden kann, weil es direkt in Schriftsätze und Verhandlungen hineinwirkt.

Um genau diese Lücke zu schließen, baut Legora seinen Kern als wachsende Datenbasis aus Fallrecht und weiteren Rechtsinformationen auf. Laut der Senior Director für Legal Data, Melanie Brown, geht es dabei nicht nur um Menge, sondern um die Beziehungen zwischen Fällen und Statuten: Legora sammelt in den abgedeckten Rechtsordnungen den relevanten Rechtsstoff und ordnet anschließend, wie Entscheidungen und Gesetzeslagen zueinander stehen und welche Rangfolge sie einnehmen. Der Hintergrund ist technisch gesehen plausibel: Ein Retrieval- und Ranking-System für juristische Inhalte profitiert massiv davon, wenn es nicht nur Dokumente „findet“, sondern auch deren Rechtsstatus und Bezüge untereinander versteht. Brown, die zuvor bei Rlex gearbeitet hat, das zur LexisNexis-Gruppe gehört, beschreibt außerdem ein Kernproblem aktueller KI-Systeme: „It needs everything to be able to reason effectively“ – also eine möglichst vollständige, belastbare Grundlage, damit die KI ihre Antworten konsistent herleiten kann.

Die strategische Relevanz reicht jedoch über die Datenqualität hinaus. Der Markt juristischer Recherche wird seit Jahrzehnten von zwei großen Plattformen geprägt. Für viele große Kanzleien ist der Zugriff auf LexisNexis und Westlaw nicht „nice-to-have“, sondern Teil der operativen Arbeitsroutine: Juristinnen und Juristen prüfen dort Fälle und Gesetze, aber vor allem auch, ob die geplante zitierfähige Grundlage weiterhin als geltendes Recht durchgeht. Gleichzeitig investieren beide Anbieter nach Angaben aus dem Umfeld der Branche stark in Werkzeuge, die die nachgelagerte Arbeit – also Entwurf, Analyse und sonstige Textarbeit – unterstützen. Damit entsteht ein Spannungsfeld, das Legora offen adressiert: Unternehmen möchten einerseits möglichst hochwertige Rechtssammlungen, andererseits auch bessere KI-gestützte Arbeitsabläufe. Brown beschreibt genau diese typische Frustration als Erwartungshaltung an eine Lösung, die beides zusammenbringt, statt Nutzer zu zwingen, sich für den einen oder anderen Faktor zu entscheiden.

Der neue Ansatz von Legora ist dabei nicht einfach ein weiterer „Search“-Client, sondern eine Parallel-Strategie für den Aufbau eines eigenen Korpus. Das Startup hat bereits Lizenzvereinbarungen mit „tens“ von Verlagen weltweit geschlossen, darunter auch Wolters Kluwer. Nach dem beschriebenen Stand fehlen Legora für den Wettbewerb mit den beiden Incumbents vor allem zwei Dinge: Erstens, ein ähnlich breites Set an sofort zitierfähigen Quellen, zweitens, die dafür notwendige Erschließung in einem Format, das KI-Systeme direkt nutzen können. Besonders aufwendig wird es dort, wo zitierfähige Fassungen nicht frei in maschinenlesbarer Form verfügbar sind. Für die USA sind Gerichtsentscheidungen zwar als öffentliche Dokumente zugänglich, doch die Versionen, die Anwälte tatsächlich zitieren können, sollen in diesem Szenario weiterhin in physisch gebundenen Ausgaben untergebracht sein, die von LexisNexis und Westlaw verwaltet werden. Legoras Mitarbeitende sollen dann nicht nur digitalisieren, sondern auch die Verlässlichkeit prüfen: Buchrücken entfernen, Publishers-eigene Kopfzeilen und Zusammenfassungen herauslösen, scannen und anschließend sicherstellen, dass die digitalen Kopien inhaltlich korrekt sind.

Aus technischer Sicht zielt Legora damit indirekt auch auf ein zweites Problem moderner KI-Workflows: die Vermeidung von „Halluzinationen“, also falschen oder nicht belegten Aussagen im Output. Der praktische Hebel liegt in der Kopplung des KI-Systems an verifizierte Materialien und in der Modellierung von Rechtsgültigkeit als Teil der Antwortgenerierung. In der Praxis bedeutet das: Ein System muss nicht nur passende Textstellen finden, sondern es braucht Mechanismen, die den Status einer Quelle im jeweiligen Kontext abbilden. Legoras Datenmodell mit Fällen, Statutenbezügen und Rang-/Beziehungslogik ist dafür als Fundament gedacht. Ob das später tatsächlich die Fehlerquote spürbar senkt, entscheidet sich dann an der Produktumsetzung: Wie gut das System Quellen zitiert, wie transparent es Nachweise handhabt und wie zuverlässig es die Aktualität in dynamischen Rechtslagen hält.

Gegenwind erwartet Legora nicht nur durch die Marktmacht der bestehenden Anbieter, sondern auch durch das Verhalten großer Kundenteams. Brown beschreibt, dass viele Anwältinnen und Anwälte LexisNexis und Westlaw nach wie vor mit derselben „Muskelgedächtnis“-Gewohnheit aufrufen wie sonst ein Word-Dokument. Selbst wenn Legora einen vergleichbaren Korpus aufbaut, bleibt die Frage, ob Nutzer der neuen Plattform dieses „Halo“ an Autorität direkt zusprechen. Gleichzeitig versucht Legora, nicht nur gegen die Duopolisten anzutreten, sondern auch gegen andere KI-Zugänge. Das Unternehmen will laut Berichten die Lücke zu Harvey schließen, einem besser finanzierten Startup, das ebenfalls an große Kanzleien und juristische Abteilungen von Unternehmen verkauft. Hier könnte der Wettbewerb letztlich produktgetrieben entschieden werden: Legora setzt darauf, dass der Aufwand fürs eigene Rechtsarchiv in ein besseres Nutzungserlebnis für Juristen übersetzt.

Für Entscheider in Legal-Abteilungen und Kanzleien ist die eigentliche Frage damit weniger philosophisch als operativ: Wie groß ist die Umstellungsbereitschaft, wenn das Risiko einer falsch zitierten Grundlage sinken soll, aber die Umgewöhnung an neue Workflows zunächst Mehrarbeit erzeugt? Legora positioniert sich in diesem Spannungsfeld als Alternative, die technische Qualität (verifizierte Datenbasis, strukturierte Rechtsbeziehungen) mit einem vergleichbar niedrigen Hürde-Ansatz für Anwender kombinieren will. Sollte es Legora gelingen, in den ersten Nutzungsszenarien nicht nur Zugriff, sondern auch Verlässlichkeit und Produktivität nachweisbar zu verbessern, könnte der „Big Two“-Zugang langfristig zumindest in Teilbereichen aufbrechen. Andernfalls bleibt es bei einem Zusatzangebot für Spezialfälle – und die Duopolstellung wirkt weiter.


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