MISSOURI / LONDON (IT BOLTWISE) – Bayer will mit einem im Februar ausgehandelten Vergleich weitere Glyphosat-Verfahren in den USA beilegen, der nun aber noch durch ein Gericht in Missouri genehmigt werden muss. In der Anhörung sammelt das Gericht zunächst Argumente von Monsanto und der Klägerseite und prüft Einwände gegen den Vergleich. Der Rechtsdruck ist zugleich geringer geworden: Der Supreme Court hatte im Juni entschieden, dass bundesstaatliche Klagen wegen Roundup-Warnhinweisen nicht zugelassen sind. Offen bleibt, ob der Vergleich die nächste Klagewelle durch konkrete Prozessregeln tatsächlich bremsen kann.

Bayer muss Glyphosat-Vergleich in Missouri noch genehmigen lassen
Bayer muss Glyphosat-Vergleich in Missouri noch genehmigen lassen (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Missouri Circuit Court läuft für Bayer eine Anhörung, die für die nächsten Monate über den zentralen Risikohebel entscheidet: Der Konzern plant einen milliardenschweren Sammelvergleich, der das Glyphosat-Thema rechtlich „einfangen“ soll, aber erst nach der gerichtlichen Genehmigung verbindlich wird. Laut dem Bericht wird die Entscheidung nicht sofort fallen, vielmehr hört das Gericht zunächst die Argumente der Monsanto-Seite und der Klägerseite an und sammelt anschließend Einwände zu dem Vergleich, den Bayer im Februar mit führenden Klagevertretern ausgehandelt hatte. Damit verschiebt sich der Fokus von der Verhandlung hin zur Frage, ob die Vergleichsarchitektur aus Sicht des Gerichts die nächsten Schritte ausreichend absichert.

Technisch-juristisch betrachtet geht es bei solchen Sammelverfahren weniger um einzelne Streitfragen als um die „Mechanik“ der Ansprüche: Welche Fälle werden abgedeckt, welche Unterlagen müssen Antragsteller vorlegen, und wie wird verhindert, dass das Verfahren als Umgehungsweg für neue Klagen genutzt wird. Bayer will nach Darstellung im Text damit 67.000 noch anhängige Klagen sowie mögliche künftige Verfahren beilegen. Die Kläger stützen ihre Forderungen darauf, dass sie an einem Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) erkrankt seien und den Ursprung in früherer Nutzung des glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittels Roundup sehen. Für die betroffenen Unternehmen bedeutet das ein klassisches Muster: Nicht nur die Höhe der Vergleichszahlungen entscheidet, sondern auch die Frage, wie zuverlässig sich zukünftige Rechtsrisiken damit abschneiden lassen.

Der Hintergrund, warum der Vergleich für Bayer gerade jetzt an Bedeutung gewinnt, liegt laut Bericht in einem Urteil des US Supreme Court aus dem Juni. Mit sieben zu zwei Stimmen stellte der Supreme Court klar, dass Bundesrecht es ausschließt, dass auf Ebene der Bundesstaaten Klagen wegen angeblich fehlender Warnhinweise zu Roundup zugelassen werden. Bayer hatte in der Argumentation darauf abgestellt, dass keine Warnhinweise auf das eigene Produkt gedruckt werden dürften, wenn die US-Umweltbehörde EPA die Sicherheit eindeutig festgestellt habe. Aus Sicht der Klägerseite wird dieses Fenster dadurch enger: Der Bericht verweist darauf, dass für Ansprüche, die über die Frage der Warnhinweise hinausgehen, bisher keine ausreichenden Beweise vorgelegt worden seien. Damit verschiebt sich die Eintrittswahrscheinlichkeit neuer Verfahren und damit auch die Kalkulation für vergleichsorientierte Lösungen.

Gleichzeitig bleibt das Vergleichsmodell für Bayer nicht nur eine Schadensbegrenzung, sondern auch ein Versuch, die Kostenkurve zu kontrollieren. Bis zu 7,25 Milliarden Euro hatte der Konzern hierfür bereits zurückgestellt, nachdem man in einem früheren Vergleich mehr als zehn Milliarden US-Dollar gezahlt hatte. Bayer hatte im Text zudem den Plan erwähnt, den kompletten Prozess über 21 Jahre zu strecken. In dieser Zeit müssen potenzielle Kläger laut Darstellung das Vergleichsverfahren durchlaufen, bevor sie erneut vor Gericht ziehen können; die Prüfung der Ansprüche kann dabei dauern und wirkt damit als Hürde. Genau in solchen Zeitfenstern entscheidet sich in der Praxis, ob ein Sammelvergleich tatsächlich den Zustrom neuer Klagen dämpft oder ob Verfahrenslücken wieder neue Streitkosten erzeugen.

Eine weitere Stellschraube im Vergleich betrifft laut Bericht den Strafschadenersatz, die in den USA sogenannten „punitive damages“. Bayer will diesen für die Zukunft ausschließen, und aus Anwaltslogik heraus ist diese Detailtiefe entscheidend: Punitive-Elemente können in Urteilen zu deutlich über dem reinen Schadenersatz hinausgehenden Zusatzsummen führen, häufig gekoppelt an Feststellungen zu besonders vorwerfbarem Verhalten. Der Text ordnet das als Lehre aus früheren Verfahren ein, in denen Bayer nicht nur zu Schadenersatz verurteilt worden sei, sondern teils auch zu Zuschlägen, die mit „arglistigem Verhalten“ begründet wurden. Dass Bayer dabei weiterhin an Vergleichsregeln festhalten will, zeigt, wie stark das Unternehmen zwischenzeitlich auf die Kontrolle der Haftungsform statt nur der Haftungshöhe setzt.

Auch zeitlich betrachtet ist die Lage für den Konzern eng getaktet. Kurz nach dem Abschluss der Monsanto-Übernahme im Jahr 2018, die der Bericht als damals größten Zukauf der deutschen Wirtschaftsgeschichte beschreibt, hatte Bayer demnach bereits einen ersten Prozess rund um Glyphosat verloren. Zwar deutet der Text an, dass sich der Aktienkurs seit Anfang 2025 gedreht und seither mehr als verdoppelt habe, doch eine Aktie koste heute noch immer nur fast die Hälfte dessen, was man Anfangszeitraum zuvor gesehen hatte. Für die Marktkommunikation heißt das: Der Vergleich in Missouri ist nicht „nur“ eine juristische Formalie, sondern ein Signal, ob Bayer die Risikoaufarbeitung in der Breite tatsächlich abschließen kann. Sollte das Gericht den Vergleich genehmigen, würden sich Haftungsstreitigkeiten stärker in die vertraglich geregelten Bahnen verlagern; fällt die Entscheidung dagegen mit relevanten Einwänden aus, bleibt für Bayer mehr als nur ein finanzielles Risiko offen.


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