MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Münchner Startup Depotcharge sichert sich 2,7 Millionen Euro Pre-Seed-Kapital und vernetzt Depots von Speditionen zu einem Lade-Ökosystem für E-Lkw. Gemeinsam mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung startet das Unternehmen BGL Charge als bundesweites Depot-Ladenetz. Die Plattform soll ungenutzte Ladezeiten anderer Flotten für Dritte nutzbar machen und dabei unabhängig von Hardware und Fahrzeugherstellern funktionieren. Der nächste Schritt ist die praktische Bewährung im Alltag von Spediteuren – Reservierung und Schnittstellen zur operativen Disposition stehen dabei im Fokus.

Depotcharge setzt beim Laden elektrischer Lkw nicht primär auf den schnellen Ausbau neuer öffentlicher Infrastruktur, sondern auf ein strukturelles Problem in der Praxis: Viele Depots verfügen über Ladepunkte, die über längere Zeiträume ungenutzt bleiben. Die Grundidee dahinter ist simpel und technisch zugleich anspruchsvoll, weil sie Last- und Zugriffsregeln zwischen verschiedenen Fuhrparks koordinieren muss. Das Münchner Startup will dafür aus einzelnen Betriebshöfen Schritt für Schritt ein dezentrales Ladenetz formen, in dem Speditionen freie Ladefenster an andere Transportunternehmen weitergeben. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Fahrzeugnutzung, Betriebsablauf und Energieverfügbarkeit setzt auch die aktuelle Finanzierungs- und Partnerschiene an.
Finanziert wird das Vorhaben durch eine Pre-Seed-Runde über 2,7 Millionen Euro, angeführt vom High-Tech Gründerfonds (HTGF). Mit im Boot sind außerdem xdeck Ventures, Kopa Ventures und Prequel Ventures sowie mehrere Business Angels mit Erfahrung aus Logistik, Elektromobilität und Energiewirtschaft. Laut Unternehmensangaben soll das Kapital vor allem in den weiteren Ausbau der Plattform sowie in die internationale Expansion fließen. Der zweite Schwerpunkt ist entscheidend für die Skalierbarkeit: Depotcharge möchte das Laden stärker in die operative Disposition von Logistikunternehmen integrieren. Dazu gehören nach Planungsstand Reservierungsfunktionen, offene Schnittstellen und Anbindungen an bestehende Transportmanagementsysteme, damit Ladezeiten nicht als nachgelagerter „Plan B“-Block entstehen, sondern als Teil der Fahr- und Ruhezeitplanung.
Mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) bekommt Depotcharge zudem einen Branchenkanal, der die typische Plattform-Frage adressiert: Nutzer- und Anbieterkrisen treten bei Netzwerkmodellen besonders dann auf, wenn zu Beginn weder genügend Ladepunkte noch genügend Fahrzeuge vorhanden sind. BGL macht Depotcharge zur Branchenlösung und bringt nach eigenen Angaben über Landesverbände rund 7.000 Unternehmen in den organisatorischen Kontext. Unter der Marke BGL Charge sollen vorhandene Ladepunkte von Speditionen als gemeinsames Netzwerk zugänglich gemacht werden. Praktisch bedeutet das: Speditionen stellen Ladepunkte auf ihren Betriebshöfen bislang anderen Transportunternehmen eher selten „dauerhaft“ bereit, statt dessen wird das Wissen über Verfügbarkeit oft intern gehalten. Depotcharge und BGL wollen diese ungleich verteilte Kapazität so vermarkten und vermitteln, dass planbare Zugänge entstehen.
Die Plattformlogik folgt dabei einem Prinzip, das sich besonders für Depot-Laden eignet: Depotcharge übernimmt im Hintergrund Vermarktung, Zugangssteuerung, Abrechnung und Zahlungsabwicklung. Wichtig ist außerdem die Herstellerunabhängigkeit. Die Plattform soll laut Angaben unabhängig von verwendeter Ladehardware, Backend-Systemen und Fahrzeugherstellern funktionieren, was in der Umsetzung eine saubere Entkopplung der Integrationsschicht vom eigentlichen Geschäftsprozess erfordert. In der aktuellen Zielsetzung geht Depotcharge davon aus, dass mehr als 60 Prozent der Depot-Ladekapazitäten nicht permanent benötigt werden. Gleichzeitig greifen Fahrer unterwegs teilweise auf vergleichsweise teure öffentliche Lademöglichkeiten zurück. Genau diese Lücke will das Unternehmen schließen, indem freie Ladefenster für andere Fuhrparks buchbar werden und Betreiber selbst über Preise, Verfügbarkeit und Zugangsbedingungen entscheiden.
Ein weiterer Reichweitenhebel kommt über die Zusammenarbeit mit der E.L.V.I.S. AG. Die Einkaufsgemeinschaft bindet mehr als 250 Partnerunternehmen an über 350 Standorten in die Branchenlösung ein und soll als Community in BGL Charge eingebunden werden. Für Depotcharge ist das nicht nur Marketing, sondern vor allem eine schnelle Vergrößerung der adressierbaren Netzwerkknoten: Je mehr Betriebshöfe Kapazitäten teilen, desto größer wird der Nutzen, weil sich die Trefferwahrscheinlichkeit für passende Ladefenster im Tages- und Wochenverlauf erhöht. Zudem folgt Depotcharge einem bereits erprobten Modell aus der Schweiz: Seit Mai 2026 arbeitet das Unternehmen in der DACH- und Benelux-Logik mit dem Transportverband ASTAG zusammen, wo unter ASTAG Charge powered by Depotcharge ebenfalls ein nationales Depot-Ladenetz aufgebaut wird. Dieses Muster soll gemeinsam mit BGL und E.L.V.I.S. auf Deutschland übertragen werden.
Auch geografisch beschleunigt Depotcharge den Rollout: Neben Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Startup seit September 2026 mit einem Vertriebspartner in den Benelux-Ländern aktiv. Personell verstärkt sich das Unternehmen zudem, unter anderem durch Marc Clausing als Chief Commercial Officer für den Vertrieb, mit 21 Jahren Branchenerfahrung. Gegründet wurde Depotcharge von Joscha Specks und Julius Wilhelm, beide mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Elektromobilität und zuvor am Aufbau von Digital Charging Solutions beteiligt, einem Joint Venture von BMW, Mercedes-Benz und BP Europa. Die Betreibergesellschaft hinter Depotcharge ist die Evolve Energy GmbH. Für die Marktlogik ist das bemerkenswert: Depotcharge muss für den Start keine flächendeckende eigene Infrastruktur errichten, sondern kann bestehende, zeitweise ungenutzte Ladepunkte vernetzen. Damit adressiert das Startup potenziell ein Henne-Ei-Problem der E-Lkw-Elektrifizierung: Speditionen warten oft auf verlässliche Ladeoptionen, während sich öffentlicher Infrastrukturaufbau für Anbieter wiederum nur lohnt, wenn genug Fahrzeuge im Betrieb sind. Der entscheidende Test beginnt jetzt in der Praxis, weil aus registrierten Unternehmen und vorhandenen Ladepunkten ein belastbares Netz werden muss, auf das sich Spediteure im Alltag tatsächlich verlassen können.
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