BRAZIL / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine bislang undokumentierte Banking-Malware aus Brasilien zielt auf Google Chrome und Microsoft Edge ab, um Zugangsdaten und Session-Tokens abzugreifen. Die Angreifer installieren dazu eine bösartige Browser-Erweiterung über eine mehrstufige JavaScript- und Installer-Kette. Auffällig ist die Tarnung der Infrastruktur über Ethereum-Smart-Contracts, die C2-Endpunkte dynamisch nachladen. Laut den untersuchten Spuren begannen die Aktivitäten spätestens im Mai 2025, während die Smart-Contract-Umstellung am 19. Mai 2026 erfolgt sein soll.

KREMLIN-Banking-Malware missbraucht Chrome- und Edge-Erweiterungen zum Diebstahl von Zugangsdaten
KREMLIN-Banking-Malware missbraucht Chrome- und Edge-Erweiterungen zum Diebstahl von Zugangsdaten (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Zentrum der aktuellen Analyse steht eine Banking-Malware, die in Brasilien entwickelt und seit mindestens Mai 2025 aktiv ist: KREMLIN, verfolgt unter dem Namen REF9334. Der Einstieg beginnt nicht mit einem automatischen Drive-by-Download, sondern mit einem gezielt präparierten JavaScript, das sich als Bank-, Rechnungs- oder Firmendokument tarnt und vom Opfer manuell ausgeführt wird. Danach startet ein mehrstufiger Loader, der weitere Komponenten nur dann nachlädt, wenn die Ausführung nicht in einer Sandbox oder in einer virtuellen Maschine erfolgt. Damit verknüpft die Kampagne gleich zwei typische Ziele aus dem Banking-Kontext: erstens die Umgehung klassischer dynamischer Analyse, zweitens den Zugriff auf browserbasierte Identitäten, die bei vielen Nutzern zentral für Webbanking und Zahlungsportale sind.

Technisch setzt KREMLIN auf eine modulare Kette aus JavaScript-Loadern, einem proprietären C++-Installer und einer schadhaften Browser-Erweiterung für Chromium-basierte Browser. Entscheidend ist dabei, wie die Erweiterung die Integritätsmechanismen von Chromium aushebelt: Laut der Untersuchung manipuliert der Prozess die Secure Preferences und regeneriert die für die Registrierung benötigten HMACs sowie App-gebundene verschlüsselte Hashes. Praktisch heißt das, dass die Erweiterung nicht über die üblichen Installationspfade „sauber“ in den Browser gelangt, sondern über eine gefälschte Registrierung, die typische Schutzlogiken im Hintergrundsystem überlisten soll. Ergänzend nutzt die Malware Verfahren, die als öffentlich dokumentierte Umgehungstechniken wie Phantom Extension und GhostChrome-X beschrieben werden, wobei der Angriff den Schutzmechanismus der Secure Preferences nicht auslöst.

Besonders detailliert werden die Evasionsmechanismen im Installer und im späteren DLL-Stadium beschrieben. Die zweite Stufe legt zunächst Persistenz über einen geplanten Task an, holt anschließend Download-Standorte aus einem Ethereum-Smart-Contract und führt dann eine dritte Komponente aus. Zu den beschriebenen Ziel-Payloads gehört unter anderem ein „.NET PE Injector“ sowie ein C++ Installer, der eine Datei aus dem SentinelOne-Umfeld missbraucht, um eine unsigned Hauptpayload nachzuladen und als „SentinelAgentCore.dll“ zu starten. Danach folgen weitere Prüfungen: Das Schadprogramm scannt laufende Prozesse gegen eine hardcodierte Liste und bricht die Ausführung ab, sobald bestimmte Bedingungen erfüllt sind – etwa wenn die Maschine weniger als zwei CPUs hat oder mehr als 3 GB RAM überschreitet. Diese Bedingungen deuten darauf hin, dass die Kampagne bewusst auf eine typische Analyseumgebung zielt, in der die Hardwareprofilierung oft abweicht.

Ein definierendes Merkmal ist die Nutzung von Blockchain-Logik zur Verschleierung der Angreifer-Infrastruktur. Laut der Darstellung agieren Ethereum-Smart-Contracts als eine Art „Dead Drop Resolver“, um C2-Endpunkte und Hosting-Orte für Payloads dynamisch zu aktualisieren. Konkret wird im Verlauf der Infektion über den Smart Contract nach zwei Domains abgefragt, darunter volmira[.]site und zaviro[.]online; anschließend liefert die Abfrage offenbar die Version sowie die ID der Browser-Erweiterung. Der Name der schadhaften Erweiterung wird dabei als „AVSync System Inc.“ beschrieben. Die Erweiterung selbst wird nur dann heruntergeladen, wenn entweder keine lokale Installation gefunden wird oder die Versionen nicht übereinstimmen – so reduziert das Team offenbar wiederholtes Ausrollen und verringert die Spuren, die bei identischen Installationsversuchen entstehen würden.

Nachdem die Erweiterung installiert ist, beginnt sie mit dem Sammeln und Exfiltrieren von Browserdaten pro Nutzerprofil. Dazu fordert sie umfangreiche Rechte an Browser-Tabs, Cookies, Storage und über die webRequest-API auch an Interception-Fähigkeiten. Für die Kommunikation mit dem Server baut sie zusätzlich eine eindeutige Kennung auf, die im Browser-Storage abgelegt wird und in den C2-Nachrichten wieder auftaucht. Als C2-Ziel wird unter anderem „luizestrelhashapr[.]online: 443“ genannt; der Funktionsumfang umfasst Screenshots des aktiven oder ausgewählten Tabs, das Auflisten von Tabs und Domains, das Abgreifen von cookies sowie sessionStorage und localStorage, das Extrahieren der kompletten HTML-Quelle sowie das Laden und Anzeigen von attacker-kontrolliertem HTML. Auch „Refresh configuration“ und gezielte HTTP-Interception-Regeln werden über regelmäßig gepollte Pfade übertragen, die als vermeintliche CSS-Abrufe getarnt sind.

Für Verteidiger ist in der Analyse außerdem relevant, wie KREMLIN interne Abwehrmaßnahmen gegen Analyseumgebungen überprüft. Neben den prozess- und hardwarebezogenen Checks wird ein Netzwerk-„canary“ verwendet: Die Malware versucht, eine Seite von einer nicht registrierten Domain herunterzuladen, und bricht gezielt ab, wenn eine gültige Antwort zurückkommt. Das lässt sich als Indikator für eine Sandbox lesen, die Netzwerkzugriff simuliert; in so einem Fall „crasht“ die Malware absichtlich, statt weiter zu laufen. Laut der untersuchten Telemetrie registrierte das Team diese Network-Canary-Domain und identifizierte 1.515 Systeme, die darauf reagierten; mehr als 98% der betroffenen Hosts wurden dabei in Brasilien verortet. Das unterstreicht: Selbst wenn die finale Komponente auf den Systemen vorhanden ist, können solche Mechanismen die Kampagnenlogik vorübergehend so verändern, dass die Verteidigung durch zusätzliche Zeitfenster gewinnt.

Ein Blick auf den Verlauf der Kampagnen-Entwicklung rundet das Bild ab. Den Angaben zufolge nutzte das KREMLIN-Cluster zunächst die mehrstufige Browser-Extension-Strategie mit den beschriebenen Loadern und später – mit der Transition zu Ethereum-Smart-Contracts – eine zusätzliche Ebene zur dynamischen Steuerung. Die Smart-Contract-Umstellung wird auf den 19. Mai 2026 datiert; außerdem wird erwähnt, dass die Angreifer über sieben Kampagnen hinweg aktiv gewesen sein sollen, beginnend spätestens ab dem 16. Juni 2025. Für Unternehmen folgt daraus vor allem ein operatives Lernziel: Browser-Erweiterungen sind nicht nur „Endgeräte-Anwendungen“, sondern können als privilegierte Datenabfluss-Punkte wirken, insbesondere wenn sie Rechte für Tabs, Storage und webRequest erhalten. Wer Kontrollen um Telemetrie zu Browser-Extension-Installationen erweitert und die Kommunikation zu den genannten C2-Patterns in Monitoring-Regeln berücksichtigt, kann schneller zwischen legitimen Updates und bösartigen Umgehungsinstallationen unterscheiden.

Gleichzeitig zeigt die Kombination aus Phantom Extension-/GhostChrome-X-artigen Techniken, gezielten Hardware-/Prozess-Evasionschecks und der Blockchain-basierten Verschleierung, wie stark moderne Banking-Malware auf konkrete Plattforminternas abzielt. Für die IT-Security-Teams bedeutet das: Eine reine Signaturstrategie greift zu kurz, weil sich Installations- und Ausführungswege stark variieren können, während die Logik hinter dem Datenabgriff wiederkehrt. Entscheidend ist daher die Kopplung aus Host-Detektion (geplante Tasks, unerwartete DLL-Sideloading-Verläufe, Installer-Ketten) und Browser-Runtime-Überwachung (Abgleich installierter Erweiterungen, Monitoring ungewöhnlicher Storage- und webRequest-Nutzung). So wird der Schutz nicht nur reaktiv, sondern kann bereits in den frühen Phasen der KREMLIN-Kette ansetzen, bevor Session-Tokens dauerhaft kompromittiert werden.


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