LONDON (IT BOLTWISE) – KI-betriebene Bild- und Videomanipulationen treiben offenbar neue Propaganda-Trends im Ukraine-Krieg. Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) ordnet mehrere russische Videos zwischen Juni und August als verdächtig ein. Im Fall eines vermeintlich eroberten ukrainischen Orts soll ein „Riesensoldat“ per KI erzeugt worden sein. Entscheidend ist: Die Videos wirken dabei auf den ersten Blick plausibel, obwohl die Details nicht zusammenpassen.

KI-Manipulationen im Ukraine-Krieg: Der Riesensoldat als Propagandatrick
KI-Manipulationen im Ukraine-Krieg: Der Riesensoldat als Propagandatrick (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Wirkung solcher KI-Fakes liegt weniger in der Technik selbst als in der psychologischen Logik der Inszenierung. Wer im Kriegsverlauf laufend „Geländegewinne“ meldet, braucht eine fortschreibbare Erfolgserzählung. Genau dort setzt der beschriebene Mechanismus an: laut Analyse des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) werden verdächtige russische Erfolgsvideos offenbar nicht zufällig gestreut, sondern so in der Militärkette gehandhabt, dass Putins Bild eines fortschreitenden, inzwischen „mehr als vier Jahre“ dauernden Feldzugs unterstützt wird. Damit verschiebt sich die Rolle von Medienkompetenz: Nicht mehr nur der Inhalt, sondern auch die Lieferkette der Wahrnehmung wird zum Ziel.

Technisch interessant ist, warum diese Manipulationen gerade jetzt so überzeugend aussehen können. Der Ausgangspunkt sind offenbar echte Aufnahmen: In dem beschriebenen Beispiel mit Bäumen am Rand eines ukrainischen Dorfes im Nordosten sieht man zunächst eine Szene, die geografisch plausibel wirkt, etwa weil sich der Ort auf Satellitenkarten wiederfinden lässt. Anschließend wird aber ein Element „eingebaut“, das mit dem Rest der Bildwelt nicht konsistent ist. Das ISW verweist auf die Rolle von im Internet verfügbaren Werkzeugen, die aus Bildmaterial und einfachen Anweisungen täuschend echte Ergänzungen erzeugen können. In der Praxis reicht dann nicht mehr nur das Prüfen der Bildauflösung oder des Rauschmusters; stattdessen müssen Proportionen, Bewegungsabläufe und räumliche Logik genauer unter die Lupe genommen werden.

Im konkreten Fall rund um das Dorf Bilyi Kolodyaz zeigt sich das Problem in einer Art Größenvergleich. In dem Video soll ein einzelner Soldat mitsamt Fahne in einer Weise erscheinen, die mit den Perspektiven im Hintergrund nicht zusammenpasst. Der Effekt wird dadurch verstärkt, dass die Szene wie ein „normaler“ Gefechtsmoment wirkt, in dem Menschen sich bewegen und die Kamera schwenkt. Sobald der „Riesensoldat“ jedoch über die Zeit hinweg weiter verfolgt wird, verschwinden Figur und Fahne abrupt. Solche Brüche sind für KI-gestützte Bild- und Videoerzeugung typisch, wenn die zeitliche Konsistenz nicht vollständig gelingt oder das Modell die Logik von Maßstab und Hintergrund nicht dauerhaft beachtet. Aus Nachrichtensicht ist damit klar: Plausibilität durch einzelne stimmige Frames ist noch lange keine Beweisführung.

Zur Einordnung gehört auch die Frage, was die „Faktengrundlage“ des Videos in der realen Lage ist. Laut ISW waren zum 31. August die meisten der in KI-Videos vorkommenden Orte noch unter ukrainischer Kontrolle; die Invasion laufe demnach schleppend. Außerdem wird das Dorf Bilyi Kolodyaz in einer im Artikel genannten Kriegskarte „Deep State“ als bislang nicht von Russland erobert geführt. Das ist für die Bewertung zentral, weil es den Unterschied zwischen „eingeblendeten“ Bilddetails und behaupteten territorialen Veränderungen sichtbar macht. Wenn geografischer Abgleich und Lagekarten widersprechen, wird der manipulative Charakter wahrscheinlicher, auch wenn das Rohmaterial teilweise echt ist.

Gleichzeitig zeigt der Bericht, wie schnell sich solche Fakes organisatorisch verbreiten. Das Video mit Fahne und „Riesensoldaten“ wurde einem russischen Militärblogger zugeschrieben; als Verantwortliche für die vermeintliche Eroberung wird unter anderem das 127. Regiment der russischen Armee genannt, außerdem wird berichtet, dass nach der Veröffentlichung zwei Kommandeure entlassen worden seien. Unabhängig davon, wie man die internen Konsequenzen bewertet: Der Fall illustriert, dass KI-Fälschungen offenbar nicht nur in unabhängigen Kreisen auftauchen, sondern in das öffentliche Signaling hineinreichen. Für Analysten ist das besonders anspruchsvoll, weil die Fälschung nicht unbedingt als „Fake“ angekündigt wird, sondern als vermeintlicher Beleg für einen lokalen Erfolg dient.

Auch für die Gegenaufklärung und die technische Erkennung bleibt der Befund ernst. Das ISW ordnet die Lage dabei nicht als vollständig ausgerolltes, weitverbreitetes Phänomen ein, sondern als wachsende, aber noch nicht flächendeckende Herausforderung. Dennoch deuten die genannten Zahlen auf eine gewisse Dynamik hin: Zwischen Juni und August seien mindestens 35 russische Videos registriert worden, die im Verdacht einer KI-Manipulation stehen. Entscheidend ist die Richtung der Entwicklung, denn laut Bericht dürfte die Zahl dieser Fakes zunehmen. Der Grund ist weniger „böse Absicht“ als Verfügbarkeit: Wenn leistungsfähigere KI-Anwendungen entstehen, sinkt die Einstiegshürde für hochwertige Manipulationen, und zugleich steigt die Hürde für die Erkennung.

Damit bekommt der Wettbewerb um KI-Tools eine direkte operative Dimension. Im Text wird auf US-amerikanische Anbieter wie OpenAI und chinesische Wettbewerber wie ByteDance verwiesen, die an immer leistungsfähigeren Anwendungen arbeiten. In der Praxis heißt das: Verbesserte Bild- und Videogenerierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Manipulationen weniger „handwerklich“ wirken und eher in der Wahrnehmung unauffällig werden. Für Unternehmen und Sicherheitsverantwortliche außerhalb des unmittelbaren Schlachtfelds verschiebt sich der Fokus deshalb weg von reinen Quellenchecks hin zu robusteren Verfahren, die auch räumliche Plausibilität und zeitliche Konsistenz in Videos bewerten. Genau solche Kriterien sind bei „Riesensoldat“-Szenen sichtbar geworden.

Am Ende bleibt die wichtigste Lehre: Der Schaden entsteht nicht nur durch die einzelne Fälschung, sondern durch die Wiederholung im passenden Narrativ. Ein „Riesensoldat“ ist nicht nur ein Effekt, sondern ein Symbol für unbeantwortete Fragen: Was wurde wirklich erobert, was nur visualisiert, und wie schnell erreichen solche Bilder politische Botschaften, bevor Korrekturen überhaupt sichtbar werden? Gleichzeitig zeigt der Fall, dass eine gründliche Analyse weiterhin wirkt: Satellitenabgleich, Lagekarten und Proportionsprüfung können KI-ergänzte Details entlarven. Die Aufgabe für die Zukunft wird deshalb nicht sein, Fakes komplett zu verbieten, sondern die Informationsprozesse so zu gestalten, dass aus dem nächsten überzeugenden Video nicht automatisch die nächste strategische Schlussfolgerung wird.


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