LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Online-Befragung an deutschen Hochschulen zeigt, dass 54,3 Prozent der jüdischen Studierenden sich nicht oder eher nicht sicher fühlen. Die Studie der Universität Regensburg und der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin ordnet den wahrgenommenen Antisemitismus als stärksten Risikofaktor für Angst, Stress und Depressivität ein. Besonders relevant ist dabei nicht nur der konkrete Hochschulalltag, sondern auch die als feindselig erlebte gesellschaftliche Grundstimmung. Gleichzeitig berichten die Daten von stabilen resilienzbezogenen Merkmalen wie einem vergleichbaren Selbstwertgefühl.

Die psychische Gesundheit von Studierenden rückt an deutschen Hochschulen zunehmend in den Fokus von Wissenschaft und Hochschulpolitik. Eine neue Erhebung, durchgeführt von der Universität Regensburg und der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin unter Leitung von Dr. Irina Jarvers, liefert dafür einen klaren Befund: Jüdische Studierende berichten im Gruppenvergleich deutlich häufiger über Angst, allgemeine Belastung und depressive Symptome. Auffällig ist dabei, dass die Studie nicht nur aktuelle Belastungsindikatoren erfasst, sondern auch anschaut, welche Faktoren die Teilnehmenden als auslösend oder verstärkend erleben.
Datengrundlage der Untersuchung war eine Online-Befragung im Zeitraum von Juni bis September 2024. Insgesamt nahmen 320 Studierende aus ganz Deutschland teil, darunter 151 jüdisch. Im Vergleich zu nichtjüdischen Kommilitoninnen und Kommilitonen zeigten sich bei den jüdischen Studierenden signifikant höhere Werte bei Angst, Depressivität und allgemeinem Stress. Gleichzeitig zeichnen die Autoren ein differenziertes Bild: Beim gemessenen Selbstwertgefühl fanden sie zwischen beiden Gruppen keinen messbaren Unterschied. Das ist ein wichtiges Signal, weil es Belastung und Selbstwirksamkeitswahrnehmung nicht automatisch gleichsetzt, sondern eher auf spezifische Stressoren in der Umgebung verweist.
Als dominierender Risikofaktor wird in der Erhebung der wahrgenommene Antisemitismus identifiziert. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass die Furcht vor Anfeindungen und Vorurteilen unmittelbar das subjektive Sicherheitsempfinden beeinflusst. Die Kernaussage lautet, dass jüdische Studierende deutlich häufiger unsicher sind: 54,3 Prozent geben an, sich in Deutschland nicht oder eher nicht sicher zu fühlen. Dem stehen nur 5,3 Prozent gegenüber, die sich als sehr sicher beschreiben. Dieser Sicherheitsaspekt wirkt in der Studie nicht isoliert, sondern verknüpft sich mit psychischen Belastungsmaßen wie Angst und Stress, sodass Antisemitismus hier als ein Trigger verstanden wird, der über die emotionale Ebene hinaus den Alltag der Betroffenen strukturiert.
Zusätzlich beleuchtet die Erhebung, wie das gesellschaftliche Klima von den Befragten eingeschätzt wird. Danach berichten die Teilnehmenden eine verbreitete negative Haltung gegenüber jüdischen Menschen: Geschätzt werden rund 46,5 Prozent der Bevölkerung mit entsprechend ablehnenden Einstellungen. Für Hochschulen heißt das: Der Druck speist sich laut Studie nicht ausschließlich aus konkreten Vorfällen im universitären Kontext, sondern auch aus einer feindselig empfundenen Grundstimmung im gesellschaftlichen Umfeld. Besonders in Phasen politischer Eskalation kann ein solches Klima das Sicherheitsgefühl messbar unter Druck setzen, weil es die Erwartungshaltung an den eigenen Schutz im Alltag verändert.
Als zeitlichen und inhaltlichen Bezugspunkt nennt die Studie die geopolitischen Ereignisse im Nahen Osten. 86,8 Prozent der Befragten führen den wahrgenommenen Anstieg des Antisemitismus auf den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 zurück. Für die Interpretation ist das insofern relevant, als es eine Art „Zäsur“ beschreibt: Für die Mehrheit markieren diese Ereignisse eine Veränderung, die das Sicherheitsgefühl und die psychische Belastung im Hochschulalltag nachhaltig verschärft. Methodisch ordnen die beteiligten Institutionen die Aussagekraft ein: Die Repräsentativität der Resultate sei statistisch nicht prüfbar. Trotzdem liefern die Daten laut den Autoren ein empirisches Lagebild zu Belastungsmustern und Sicherheitsbedenken jüdischer Studierender.
Für Hochschulen und Beratungsstellen leitet sich daraus eine Konsequenz ab, die über klassische Einzelmaßnahmen hinausgeht. Die Studie betont, dass Prävention ein strukturiertes Vorgehen braucht, nicht nur punktuelle Reaktionen. Praktisch bedeutet das zum Beispiel, Sicherheit nicht lediglich als Polizei- oder Vorfallsfrage zu behandeln, sondern auch als Planungsgröße für niedrigschwellige Unterstützung: ansprechbare Strukturen, kurze Wege und ein Beratungsangebot, das die Hürde für das erste Gespräch reduziert. In derselben Logik lohnt es sich auch, Resilienzfaktoren nicht zu übersehen. Wenn das Selbstwertgefühl vergleichbar bleibt, könnte das ein Ansatzpunkt sein, um Unterstützungsangebote so zu gestalten, dass sie weniger an der „Persönlichkeit“ der Betroffenen ansetzen, sondern stärker an den Rahmenbedingungen, Erwartungen und Schutzmechanismen im Umfeld.
Der Befund passt in einen breiteren Trend, bei dem psychische Gesundheit zunehmend mit sozialen Sicherheitslagen und Diskriminierungserfahrungen zusammengedacht wird. Für Diversity- und Antidiskriminierungsarbeit entsteht damit ein messbarer Bezugspunkt: Die Wahrnehmung von Antisemitismus korreliert in den Daten nicht nur mit Einstellungen, sondern auch mit Angst, Stress und Depressivität. Für Entscheiderinnen und Entscheider in Verwaltung, Studienberatung und Campus-Management verschiebt sich damit auch die Priorisierung von Ressourcen: Wer Prävention wirksam umsetzen will, muss nicht nur auf die Reaktion bei konkreten Vorfällen setzen, sondern auch auf die Senkung von Unsicherheit im Alltag. Die Studie macht diesen Schritt nicht mit Technikbegriffen, aber mit klaren psychologischen Messgrößen sichtbar.
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