PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Staatschefs aus Libanon, Frankreich und Jordan beraten in Paris über die Zukunft einer international gestützten Offensive gegen die Verwundbarkeit der libanesischen Armee. Im Mittelpunkt steht die Vorbereitung einer Geberkonferenz, die nach Verschiebungen durch die Eskalation im Nahen Osten erneut auf die Agenda rückt. Gleichzeitig geht es um die Lage im Süden des Landes und um einen Plan für die Zeit nach dem ablaufenden UNIFIL-Mandat Ende des Jahres. Der politische Spagat ist groß: Die Armee steht zwischen dem Druck durch Israel und der Weigerung von Hisbollah, ihre Waffen abzugeben.

In Paris treffen am Donnerstag die Staatsoberhäupter von Libanon, Frankreich und Jordan aufeinander, um Unterstützung für eine Armee zu organisieren, die nach Jahren finanzieller und organisatorischer Erosion zunehmend an Handlungsfähigkeit verliert. Der konkrete Anlass ist die Vorbereitung einer Geberkonferenz für die finanziell ausgehöhlte libanesische Armee. Ursprünglich war ein Termin im Februar vorgesehen, doch die Zuspitzung der militärischen Lage in der Region führte dazu, dass die Initiative aufgeschoben wurde. Damit verschiebt sich auch die Frage, wie schnell internationale Hilfe in operative Fähigkeit übersetzt werden kann, während sich die Sicherheitslage im Süden des Libanon weiter verfestigt.
Technisch betrachtet ist der Kern des Problems weniger eine fehlende Strategie als die Umsetzungskette: Wer Geld bereitstellt, muss es in Beschaffung, Ausbildung, Logistik und Personalbindung überführen. Laut den Hintergründen der Verabredungen rund um die libanesisch-israelischen Gespräche hängt die spätere Aufgabenverteilung im Süden davon ab, dass die libanesische Armee nach einem schrittweisen Rückzug Israels tatsächlich die Kontrolle übernehmen kann. Gleichzeitig bleibt die Bedingung politisch und militärisch hochkomplex, weil ein Abbau nichtstaatlicher Waffen in der Vereinbarung zwar vorgesehen ist, die Umsetzung jedoch ins Stocken geriet. So entsteht ein Risiko-Szenario, in dem Zeitfenster für Übergaben entstehen, aber die institutionellen Voraussetzungen in der Ausrüstung und im Personalbestand nicht mitwachsen.
Der zeitliche Druck erhöht sich zusätzlich dadurch, dass die Planungen für einen internationalen Einsatz im Süden nach dem Auslaufen des UNIFIL-Mandats am Ende des Jahres neu austariert werden. Der israelisch besetzte bzw. stark beeinflusste Raum im Süden ist dabei nicht nur ein geographischer Faktor, sondern auch ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit staatlicher Kontrolle. In dieser Gemengelage wird verständlich, warum die Staatsführung in Beirut die Gefahr einer unmittelbaren Konfrontation mit Hisbollah besonders betont: Aus Regierungssicht könnte ein Aufeinanderprallen zwischen regulärer Armee und bewaffneter Oppositionsstruktur die innenpolitische Stabilität so stark belasten, dass daraus leicht eine Eskalation mit weitreichenden Konsequenzen wird.
Ein weiterer Belastungsfaktor liegt in der demografischen und arbeitsmarktpolitischen Realität der Streitkräfte. Seit der Finanzkrise ab Ende 2019 sollen viele Soldaten den Dienst verlassen oder Zweitjobs angenommen haben; der Hintergrund ist eine staatliche Strukturkrise, die zuvor solide Gehälter und Zusatzleistungen möglich machte, während nun Inflation die laufenden Ausgaben treibt und staatliche Budgets schrumpfen. Für die Einsatzfähigkeit bedeutet das: Selbst wenn Mittel zur Verfügung stehen, müssen sie schnell genug wirken, um Qualifikation im Bestand zu halten, Ersatz zu sichern und die Motivation im Alltag zu stützen. Genau hier hatten sich in der Vergangenheit internationale Geber als entscheidender Stabilitätsanker erwiesen, darunter die USA, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien.
Historisch zeigt sich außerdem, wie stark politische Rahmenbedingungen die Waffen- und Ausbildungsfinanzierung beeinflussen können. Saudi-Arabien hatte bereits 2013 Mittel in Höhe von 3 Milliarden US-Dollar eingeplant, um die libanesische Armee mit französischen Waffen zu unterstützen. Der Betrag wurde jedoch nicht dauerhaft mobilisiert: Zwischen 2016 und späteren Jahren soll die Förderung gestoppt worden sein, als Hisbollah politisch an Einfluss gewann und sich die Beziehungen der libanesischen Regierung zum Königreich verschlechterten. Das wirkt bis in die Gegenwart nach, weil die Armee dadurch nicht nur unterfinanziert, sondern auch strukturell abhängig von wechselnden politischen Signalen bleibt – ein Zustand, der langfristige Modernisierung erschwert.
Für die anstehende Geberkonferenz in Paris dürfte daher entscheidend sein, dass Unterstützung nicht als einmaliger Rettungsschirm geplant wird, sondern als verlässliche Finanzierungs- und Modernisierungslinie mit überprüfbaren Etappen. Die Gespräche sollen zudem die Situation im Süden und die Nach-UNIFIL-Übergänge in den Mittelpunkt rücken, also jene Phase, in der internationale Präsenz und libanesische Zuständigkeiten neu aufeinander abgestimmt werden müssen. Damit rückt auch die Frage nach der politischen Bedienbarkeit der Hilfe in den Vordergrund: Hisbollah hat laut den Hintergründen die Forderungen nach einer Aufgabe der Waffen zurückgewiesen, während die Regierung zugleich auf eine größere und besser ausgestattete Armee setzt, um im gesamten Land präsent zu sein und Zustimmung in Teilen der Bevölkerung zu gewinnen. In Summe ist das Treffen in Paris weniger eine reine Diplomatie-Übung als eine Art Infrastruktur-Gating für die nächste Sicherheitsphase – und ohne Belastbarkeit bei Finanzierung, Personalbindung und Übergabeplänen wird aus einer Vereinbarung schnell eine Lücke.
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