LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Analyse zeigt: Höhere Griffkraft geht mit einer deutlich niedrigeren Sterblichkeit einher. In den Daten zu älteren Frauen beträgt der Zusammenhang rund 12 % pro Standardabweichung mehr Kraft. Gleichzeitig liefern Reviews zu Multivitaminen kein einheitliches Signal für eine direkte Sterblichkeitsreduktion. Für die Praxis rückt damit vor allem die Muskel- und Funktionsorientierung in den Fokus.

Die Diskussion um Nahrungsergänzungsmittel im Alter bekommt neuen Gegenwind – nicht, weil alle Ansätze grundsätzlich falsch wären, sondern weil die Datenlage deutlich widersprüchlicher ist als viele Werbeaussagen vermuten lassen. In aktuellen wissenschaftlichen Zusammenfassungen wird die biologische Plausibilität zwar betont, doch der praktische Nutzen für Mobilität, Muskelkraft und Vitalität zeigt je nach Präparat und untersuchtem Inhaltsstoff heterogene Ergebnisse. Genau darin liegt die strategische Botschaft für Gesundheits- und Risikomanagement: Wenn sich Effekte nicht konsistent in harte Endpunkte wie Sterblichkeit übersetzen lassen, müssen Messgrößen und Interventionen schärfer ausgerichtet werden – und zwar an Mechanismen, die sich im Alltag real messen lassen.
Beim Blick auf konkrete Supplement-Formulierungen fällt auf, wie stark sich Ergebnisse zwischen Modellorganismen und Studien am Menschen unterscheiden. In Tests mit dem C.-elegans-Modell verbesserte das Produkt V14 Daily Reds von Youth&Earth zwar die Beweglichkeit, zeigte aber keine konsistente Lebensverlängerung. Für das Produkt AG1 wurden im selben Modell sogar Hinweise auf eine Reduktion der Bewegung beobachtet – ein Befund, der ohne klare Kontextwirkung schwer in einen Nutzenplan für gesundes Altern übersetzbar ist. Für Colgevity von Avea Life wird wiederum in Versuchen mit Würmern eine Lebensverlängerung zwischen 6 % und 27 % berichtet, während eine begleitende Beobachtungsstudie am Menschen nach sechs Monaten eine Reduktion des biologischen Alters um 1,37 Jahre zeigte. Ergänzt wird das Bild durch einen Review, der 19 Meta-Analysen mit über 5,5 Millionen Teilnehmern aus dem Zeitraum 2000 bis 2025 auswertete: Multivitamin-Präparate zeigten demnach selektive Vorteile, eine klare Verringerung der Sterblichkeit sei jedoch nicht belegt.
Technisch betrachtet verschiebt sich damit die Frage von „Welches Supplement wirkt?“ hin zu „Welche Messung sagt mir zuverlässig genug, ob mein Alterungsprozess gerade günstig oder ungünstig verläuft?“. Genau hier setzt die Griffkraft-Datenlage an, die in der Women’s Health Initiative mit 5.472 Frauen erhoben wurde: Eine um eine Standardabweichung höhere Griffkraft korrelierte mit einer um etwa 12 % niedrigeren Sterblichkeit. Wichtig ist dabei, dass der Zusammenhang selbst unter Berücksichtigung des Aktivitätsgrades und von Entzündungsmarkern bestehen blieb. Das macht Griffkraft zu mehr als nur einem Fitnesswert; sie spiegelt in der Biologie komplexe Faktoren wie Muskelqualität, neuromuskuläre Funktion und systemische Belastung wider. Als weiterer Baustein werden ernährungsbezogene Muster erwähnt: Ernährungsdaten aus dem DZNE verknüpfen die mediterrane Diät und die DASH-Diät mit einem langsameren biologischen Altern, und genetische Analysen von über 850.000 DNA-Stellen deuten darauf hin, dass bei verschiedenen gesunden Ernährungsweisen große Teile relevanter Signalwege identisch sind – besonders ausgeprägt bei Rauchern.
Damit rückt auch die Frage nach Muskel- und Stoffwechselstrategien in den Vordergrund, weil der Erhalt der Muskelmasse als zentraler Faktor für gesundes Altern gilt. Eine im Fachjournal Nutrients veröffentlichte Studie mit Unterstützung von Abbott Nutrition untersuchte 40 g Whey-Protein im Vergleich zu einer Kombination aus Whey und 3 g Calcium-HMB bei 24 gesunden Personen im Alter von 65 bis 75 Jahren. Laut den Ergebnissen stieg die Muskelproteinsynthese bei älteren Frauen durch die zusätzliche HMB-Gabe stärker, während dieser Effekt bei Männern nicht beobachtet wurde. Zudem verringerte die Kombination den Muskelproteinabbau in der späten Phase stärker als alleiniges Whey. Solche Geschlechtsunterschiede sind praktisch relevant: Sie legen nahe, dass Interventionen nicht nur dosis- sondern auch phänotypbasiert gedacht werden sollten – etwa im Sinne von Muskelstoffwechsel, Ausgangslage und Zielgröße Funktionsfähigkeit.
Im Bereich medikamentöser Unterstützung wird parallel eine vorsichtige Einordnung von Langzeitchancen vorgenommen. Analysen der SELECT-Studie zu Semaglutid beschreiben ein stabiles Sicherheitsprofil auch bei ausgeprägter Gebrechlichkeit und nennen Hinweise auf eine gesteigerte Lebensqualität sowie einen Rückgang funktioneller Einschränkungen. Gleichzeitig bleibt hier die Übersetzungsleistung entscheidend: Sicherheit ist eine Voraussetzung, aber die Frage nach dem Mechanismus und der Übertragbarkeit in den Alltag entscheidet darüber, ob sich „bessere Funktion“ langfristig in weniger Ereignisse oder bessere Versorgungsverläufe einweben lässt. Auf der Therapie-Seite für Gewichtsregulation und Körperzusammensetzung ist außerdem die Phase-2-Studie EMBRAZE erwähnenswert: Sie untersuchte Tirzepatid in Kombination mit Apitegromab, wobei die Gewichtsreduktion in beiden Gruppen bei etwa 11 bis 12 % lag, die Kombination aber den Verlust an fettfreier Masse (Lean Mass) deutlich stärker begrenzte. Allerdings wurde keine Verbesserung der Muskelkraft oder -funktion festgestellt – ein Hinweis darauf, dass weniger Masseverlust nicht automatisch mehr Funktion bedeutet, zumindest nicht in dieser Studienlogik und Zielgröße.
Für die Biomarker- und Präventionsforschung ist der nächste Schritt bereits absehbar: Biomarker-Scores sollen Risiken für Funktionsverluste, kognitiven Verfall und Multimorbidität früh und skalierbar vorhersagen. In diesem Kontext wird Prof. Eline Slagboom von der Universität Leiden genannt, die am 23. September 2026 auf dem Jahreskongress der DGG/DGGG in Frankfurt den Score „Personal-MetaboHealth“ vorstellen will. Ergänzend zeigen Langzeitbeobachtungen, wie stark einfache physische Parameter mit harten Outcomes verknüpft sind, während Ernährungsmuster die zugrunde liegenden Signalwege beeinflussen könnten. Für Unternehmen und Organisationen in der Gesundheitsversorgung bedeutet das: Statt sich auf pauschale Supplement-Versprechen zu verlassen, werden Messketten aus Funktionsdaten (etwa Griffkraft), Lebensstilvariablen und – wo sinnvoll – Biomarker-Scores entscheidend. So lassen sich Programme zur Prävention eher so designen, dass sie nicht nur kurzfristig messbar sind, sondern auch die Richtung des biologischen Alterns treffen.
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