CHILE / LONDON (IT BOLTWISE) – Sakurais Objekt zeigt nach Ausbruchsereignis von 1996 eine neue Phase: Der Stern entwickelt nun starke Sternwinde, wie sie für Wolf-Rayet-Sterne typisch sind. Forschende um Stefan Kimeswenger nutzen dafür das Very Large Telescope (VLT) und vergleichen die Daten mit physikalischen Simulationsmodellen. Die Spektralsignaturen verraten Temperatur und chemische Zusammensetzung der Sternatmosphäre. Damit wird ein besonders schneller Abschnitt der späten Sternentwicklung messbar, obwohl Astronomie sonst auf Zeiträume von Millionen Jahren angewiesen ist.

Sakurais Objekt ist für die Astronomie eine Ausnahmeerscheinung, weil es nicht einfach in gemächlichem Tempo altert. Während sich die meisten Sterne über Zeiträume bewegen, die deutlich über eine menschliche Lebensspanne hinausgehen, haben Beobachtungen dieses „wiedergeborenen“ Sterns gezeigt, dass sich seine Entwicklung innerhalb weniger Jahrzehnte stark beschleunigt. Auslöser war ein Ereignis im Jahr 1996, als der Stern unerwartet wieder aktiv wurde, nachdem seine Lebensphase eigentlich schon weit fortgeschritten war. Jetzt deutet eine neue Auswertungsrunde darauf hin, dass der Stern in eine weitere, diesmal klar definierte Entwicklungsstufe übergegangen ist und dabei Eigenschaften ausbildet, die man sonst eher bei Wolf-Rayet-Sternen kennt.
Technisch betrachtet liefert das Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Chile den entscheidenden Blick auf die aktuelle Atmosphäre. Das Forschungsteam untersucht den Himmelskörper seit nunmehr drei Jahrzehnten, und genau diese lange Beobachtungskette macht den Sprung in einer „Echtzeit“-Lesart überhaupt sichtbar. Im Zentrum der Ergebnisse steht der Umstand, dass sich Sakurais Objekt derzeit den für Wolf-Rayet-Sterne typischen, sehr starken Sternwind entwickelt. Damit rückt eine Phase der Sternentwicklung in den Fokus, in der sich äußere Schichten nicht nur langsam umordnen, sondern in kurzer Folge thermische und chemische Signaturen verändern.
Damit ist auch die physikalische Vorgeschichte greifbar: Die Forschung ordnet das Geschehen einem „sehr späten thermischen Impuls“ zu. Dabei zündet sich nach der zuvor abgeschlossenen Kernfusion erneut eine Heliumschicht im Inneren eines bereits „toten“ Sternkörpers. Der Effekt ist dramatisch: Der Stern dehnt sich rasch aus, kühlt ab und schleudert große Materialmengen in den Weltraum. Dass er sich dadurch vorübergehend in frühere Lebensstadien zurückversetzt, ist der Grund, warum Astronominnen und Astronomen ihn als wiedergeborenen Stern bezeichnen. Direkte Beobachtungen solcher „Wiedergeburten“ waren bislang selten; neben Sakurais Objekt wird als zweites Beispiel V605 Aquilae genannt.
Die aktuelle Datenerhebung war zudem durch eine Beobachtungs-Hürde geprägt, die man bei diesem Objekt fast schon als Markenzeichen behandeln muss: Nach dem Ausbruch verschwand der Stern zeitweise hinter dichten Gas- und Staubwolken, die während der Eruption ausgestoßen wurden. Um den gegenwärtigen Zustand trotzdem verlässlich zu erfassen, hat das Team das VLT-Beobachtungsmaterial mit ausgefeilten Computermodellen abgeglichen. Die Modellseite kommt dabei von Teamkollegen am Observatóriо do Valongo an der Universität in Rio de Janeiro, die die Atmosphären- und Windprozesse von Wolf-Rayet-Sternen simulieren. Entscheidend für die Diagnose sind die charakteristischen Spektralsignaturen von Kohlenstoff und Helium, die Rückschlüsse auf Temperatur, chemische Zusammensetzung und die physikalischen Eigenschaften des Sternwinds zulassen.
Aus der Analyse leitet sich ein konkreter Zahlenbereich ab: Die Oberflächentemperatur von Sakurais Objekt liegt derzeit etwa zwischen 27.000 und 36.000 Kelvin. In praktischer Hinsicht ist das mehr als eine Momentaufnahme, denn es dokumentiert, dass der Stern sich nach seinem Ausbruch vor fast drei Jahrzehnten wieder aufheizt. Gleichzeitig adressieren die Ergebnisse eine Kernfrage der Forschung: Wie schnell sollte sich der Stern nach dem dramatischen Wiederaufleben eigentlich erholen? Die Messungen sprechen dafür, dass der Wiederaufheizprozess langsamer verläuft, als es einige frühere Modelle vorhergesagt hatten. Für die Modellierer bedeutet das, dass Annahmen zur Energieumverteilung und zum zeitlichen Ablauf in den Phasen zwischen thermischem Impuls und Aufbau eines Wolf-Rayet-ähnlichen Windregimes überprüft werden müssen.
Auch der Vergleich mit V605 Aquilae liefert eine zusätzliche zeitliche Perspektive. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Sakurais Objekt sich in einem früheren Entwicklungsstadium befindet als V605 Aquilae, bei dem etwa 80 Jahre zuvor ein ähnliches Ereignis stattgefunden haben soll. Genau diese zeitliche Staffelung macht den Fall wissenschaftlich besonders wertvoll: Sie erlaubt es, die beobachtete Abfolge von Atmosphärenveränderungen und Windbildung über Zeitpunkte hinweg zu „kalibrieren“, statt nur einen einzelnen Zustand zu dokumentieren. Das Team will den Stern in den kommenden Jahren weiter beobachten, um die Entwicklungspfad-Treue der Modelle zu testen und zu sehen, ob sich die Wind- und Temperaturentwicklung weiterhin konsistent in das Bild der späten Sternentwicklung einfügt.
Für die Industrie der Datenanalyse ist der Fall vor allem deshalb spannend, weil Astronomie hier eine seltene Gelegenheit bekommt, Theorien nicht nur anhand vieler unterschiedlicher Objekte, sondern anhand eines einzigen „lebenden“ Targets zu prüfen. Üblicherweise sind Forschende auf den Vergleich verschiedener Sterne in unterschiedlichen Lebensphasen angewiesen, weil einzelne Entwicklungsprozesse zu langsam sind. Bei Sakurais Objekt verkürzt sich diese Beobachtungslogik deutlich, und das verbessert die Wahrscheinlichkeit, Modellparameter wie Temperaturentwicklung, chemische Signaturen oder Windstärke zeitlich korrekt zu treffen. Neben dem wissenschaftlichen Mehrwert entstehen so auch Erfahrungen, die bei der Auswertung komplexer Spektraldaten helfen können, etwa bei der Frage, wie sich modellbasierte Inferenz über Atmosphärenparameter stabil auf neue Messzeitpunkte übertragen lässt.
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