LONDON (IT BOLTWISE) – Rhizomatica nutzt die Ionosphäre als „Spiegel“, um mit kleinen HF-Funkgeräten Daten über hunderte Kilometer zu übertragen. Das HERMES-System arbeitet im Frequenzbereich von 3 bis 30 Megahertz und kommt mit rund 20 Watt Sendeleistung aus. Anstatt nur Sprache zu übertragen, schickt die Software komplette Dateien wie Fotos, E-Mails oder Sprachmemos. Besonders in Notfällen werden GPS-Positionen und SOS-Signale schneller koordinierbar, weil auch Anforderungen und Belege als Daten versendet werden können.

Wenn klassische Funknetze in abgelegenen Regionen scheitern, liegt das Problem oft nicht an fehlender Hardware, sondern an fehlender Infrastruktur: Glasfaser und Mobilfunkmasten sind teuer, Stromversorgung ist nicht überall stabil, und Straßenwege sind zuweilen schlicht nicht vorhanden. Genau hier setzt das HERMES-System der Organisation Rhizomatica an. Anstatt Satelliten oder spezialisierte Relais-Türme zu benötigen, nutzt es die Ionosphäre als eine Art „Spiegel“, der hochfrequente (HF) Funkwellen über sehr weite Strecken reflektiert. Damit lassen sich zwei Funkstationen über Distanzen verbinden, für die eine terrestrische Anbindung in der Praxis schwer zu realisieren ist.
Technisch basiert HERMES auf der Kombination aus kleinen Funkgeräten und einer Software-Stack-Architektur. Die Anlage arbeitet im HF-Band von 3 bis 30 Megahertz; auch der digitale Modem-Teil (Mercury) bewegt sich in diesem Bereich. Laut Beschreibung erreicht das System mit etwa 20 Watt Sendeleistung in vielen Fällen zuverlässige Links zwischen zwei Radios über 400 bis 600 Kilometer. Das ist bemerkenswert, weil die Datenraten von „herkömmlichen“ HF-Diensten für digitale Inhalte typischerweise nur im Bereich von hunderten Bits pro Sekunde liegen. HERMES verschiebt den Fokus daher weg von reiner Sprachübertragung hin zu tatsächlich nutzbaren Datenstrecken, die auch in Notlagen funktionieren sollen.
Der entscheidende Unterschied liegt weniger im Funkstandard an sich als in der Art, wie die Software Daten über HF „verpackt“ und transportiert. HERMES wird als softwarebasierte Umgebung beschrieben, die mehrere Programme zusammenführt, damit verschiedene Dateitypen übertragen werden können. Praktisch bedeutet das: Ein Bild, eine E-Mail oder eine Sprachnachricht wird nicht als fortlaufender Sprachstrom gesendet, sondern als Datei. So entsteht eine Art Datenpipeline über HF, die auf den ersten Blick vielleicht nur wie eine Komfortfunktion wirkt, in der Einsatzrealität aber stark zählt. Denn gerade in Krisensituationen reicht es oft nicht, „Ich bin hier“ per Funk zu vermitteln; benötigt werden auch Kontextinformationen, beispielsweise Koordinaten, Inventarlisten, technische Teilebeschreibungen oder telemedizinische Anfragen – also genau die Inhalte, die als Datei in der richtigen Reihenfolge ankommen müssen.
Eine zentrale Sicherheitskomponente ist dabei die Verschlüsselung. Die Quelle ordnet ein, dass Verschlüsselung im Amateurfunk je nach Land unterschiedlich behandelt wird; dadurch bleibt sie in vielen Fällen optional, also an- oder abschaltbar. Rhizomatica hat HERMES dennoch mit Verschlüsselungsfunktionen ausgestattet, weil einige Partner in besonders sensiblen Umfeldern arbeiten und verhindern wollen, dass übertragene Informationen leicht abgegriffen und gegen sie verwendet werden können. Damit geht das System über den reinen Technikbeweis hinaus: Es adressiert die Frage, wie man robuste HF-Verbindungen in Umgebungen betreibt, in denen Bedrohungen nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch und politisch sein können.
Wie stark das in der Praxis wirkt, zeigt ein Pilotprojekt mit artisanal Fischern in Bangladesch. Dort sollen laut Beschreibung mehrere Boote (im Text ist von 10 oder 11 Schiffen die Rede) HERMES an Bord haben. Bereits kurz nach der Installation kam es zu einem mechanischen Problem bei einem Boot in der Bucht von Bengalen, etwa 100 bis 200 Kilometer vor der Küste. Entscheidend war, dass die Crew GPS-Position und einen SOS-Hinweis senden konnte, woraufhin die Koordination der Rettung von Boot und Besatzung möglich wurde. Solche Abläufe sind in entfernten Regionen oft das Nadelöhr: Wenn Kommunikation nur langsam oder ausschließlich als Sprache funktioniert, fehlt Zeit für Rückfragen und das präzise Übermitteln von Lage- und Bedarfslage.
Aus Marktsicht erinnert das Projekt an einen langfristigen Trend: Weg vom „One-size-fits-all“-Ansatz hin zu Verbindungsklassen, die an Standortbedingungen angepasst sind. Während Satellitenkommunikation oft als allumfassende Lösung wahrgenommen wird, ist sie in abgelegenen Gebieten nicht immer die naheliegendste Option – Kosten, Geräteverfügbarkeit und Betriebsannahmen spielen hier mit hinein. HERMES nimmt deshalb HF als tragfähigen Unterbau, kombiniert ihn aber mit moderner Datenlogik, um die typische Limitierung digitaler HF-Verbindungen zu reduzieren. Für IT- und Telekommunikationsverantwortliche in Organisationen, die in Notfall- und Versorgungsszenarien arbeiten, ist das vor allem eine Frage der Betriebsstrategie: Wenn Funk nicht nur „etwas sendet“, sondern Dateien, Koordinaten und Einsatzkontexte zuverlässig transportiert, verändert sich die Art, wie Einsatzkräfte Prozesse planen und wie Partner Informationen vorbereiten.
Für die Weiterentwicklung solcher Systeme ist außerdem interessant, wie stark der Fokus auf Software-Stack und Modem-Integration gelegt wird. Denn sobald die HF-Fähigkeiten feststehen, entsteht Raum für Optimierungen auf Protokoll- und Datenebene: größere Dateitypen, effizientere Paketierung oder verbesserte Robustheit bei schwierigen Funkbedingungen. Gleichzeitig bleibt HERMES ein Beispiel dafür, wie sich „KI-freie“ Kommunikationstechnik in Richtung datenbasierter Workflows bewegt: Nicht Automatisierung durch KI steht im Zentrum, sondern die konsequente Umstellung von Sprachlogik auf Dateilogik. Genau diese Abkehr vom reinen Sprachkanal macht HERMES für viele Anwendungsfälle relevant – von Notfallkommunikation über Nachweiseinsatz bis hin zu logistischen Rückfragen, die im Feld nicht erst auf den nächsten Satellitentermin warten können.
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