LONDON (IT BOLTWISE) – Ein KI-Modell soll einen bislang ungelösten deutschen Funkspruch vom 27. November 1918 entschlüsselt haben. Der Beitrag nennt als Plattform GPT-6 Astra und ordnet den Klartext einem ADFGVX-Chiffre-Kontext zu. Zentral ist dabei ein verwendetes Schl¨sselwort namens „TRUPPENVERSCHIEBUNG“, das laut KI für frühere Versuche zu spät verfügbar gewesen sein soll. Ob die Auflösung tatsächlich stimmt, hängt aktuell jedoch allein an der veröffentlichten Blog-Auswertung.

Über mehr als ein Jahrhundert galt ein deutscher Funkspruch aus dem Kriegsjahr 1918 als ungelöst – jetzt will ihn ein KI-getriebener Ansatz geknackt haben. Im Kern geht es um eine Nachricht, die am 27. November 1918 versendet worden sein soll und die bislang als „unl¨osbar“ bezeichnet wurde. Laut dem Blogeintrag stammt die Entschlüsselung aus einem KI-Modell des US-Anbieters OpenAI; das Ergebnis wird zudem auf eine bestimmte Modellvariante mit dem Namen GPT-6 Astra zurückgeführt. Auffällig ist dabei nicht nur die behauptete Entschlüsselung, sondern auch die konkrete Form des Klartexts: Er enthält Trennzeichen, mit denen der Beitrag die Satzteile voneinander abgrenzt.
Technisch ordnet der Kontext das Ereignis in die Welt klassischer Funksprüche ein, die das Militär mit dem ADFGVX-Verfahren verschlüsselte. Dabei wird jeder Buchstabe und jede Ziffer zunächst in Paare aus dem Zeichenalphabet A, D, F, G, V und X übersetzt. Anschließend verschiebt man diese Paare spaltenweise anhand eines geheimen Schl¨sselworts. Ohne das Schl¨sselwort lassen sich die Zeichenfolgen nach Angaben des Beitrags kaum wieder korrekt zusammensetzen – genau deshalb sind ADFGVX-Chiffren in der späteren Kryptologie so beliebt: Sie wirken auf den ersten Blick komplex, sind aber methodisch rekonstruierbar, sobald das Schlüsselmaterial bekannt oder richtig geraten ist.
Der Blog nennt als verwendetes Schl¨sselwort „TRUPPENVERSCHIEBUNG“. Als Quelle für dieses Schlüsselmaterial führt der Autor ein Buch von J. Rives Childs an, in dem die deutschen Militärschlüssel der Jahre 1914 bis 1918 dokumentiert sein sollen. In der KI-Vermutung prallt dabei eine zeitliche Annahme auf den Kalender: Der Beitrag argumentiert, frühere Versuche seien womöglich daran gescheitert, dass das Schl¨sselwort erst ab dem 9. Dezember 1918 in Gebrauch gewesen sei. Der fragliche Funkspruch wurde allerdings fast zwei Wochen früher gesendet; der Autor beschreibt den Grund für diese Abweichung als unbekannt. Für Kryptologie-Interessierte ist genau diese Diskrepanz der spannende Punkt, weil sie entweder auf eine reale Variation im Funkbetrieb hindeutet oder darauf, dass noch nicht alle Metadaten der Nachricht sauber konsistent sind.
Damit allein bleibt es jedoch nicht bei einer mathematischen Rekonstruktion. Der Autor versucht die Plausibilität zusätzlich über historische Aufzeichnungen zu stützen: Die KI habe den entschlüsselten Klartext mit dem Logbuch eines britischen Kreuzers abgeglichen. Im Logbuch wird demnach ein Eintreffen in Sewastopol am 24. November 1918 vermerkt, und zwei Tage später soll auch die Ankunft eines alliierten Geschwaders dokumentiert sein. Beide Angaben würden – so die Darstellung – zum entschlüsselten Funkspruch passen. Aus heutiger Sicht ist das ein pragmatischer Validierungsweg: Er ersetzt zwar nicht eine vollständige kryptografische Beweisführung, liefert aber eine belastbare Konsistenzprüfung auf der Ebene historischer Ereignisse.
Gleichzeitig bleibt die Aussagekraft begrenzt, weil die Auflösung bislang nicht durch Fachleute für historische Chiffren im Beitrag selbst bestätigt wird. Der Autor stellt das Ergebnis selbst als kleinen Fund ein und betont vor allem, was das Vorgehen über die Fähigkeiten des Modells zeigen soll. Damit steht die Nachricht auch für eine breitere Entwicklung: KI-Systeme werden zunehmend dazu genutzt, Suchräume in komplexen Problemstellungen zu durchmustern – etwa wenn klassische manuelle Entschlüsselungsarbeit wegen fehlender Schlüssel, Zeitverzögerungen oder unklarer Transkriptionsdetails besonders zäh wird. Solche Modelle sind dabei nicht „Magie“, sondern eine Mischung aus Wahrscheinlichkeitsabschätzung und Mustererkennung, die in kontrollierten Aufgaben oft erstaunlich zuverlässig ist.
Für den Markt und die Praxis der KI-Entwicklung ist das trotzdem mehr als eine Kuriosität. Besonders relevant ist, dass der Beitrag zeigt, wie ein KI-Ansatz in historischen Datensätzen mit strukturierten Regeln arbeiten kann: ADFGVX liefert ein festes Kodierschema, und das Schl¨sselwort steuert die Rekombination. Genau solche strukturierten Aufgaben sind ein gutes Einsatzfeld für KI, weil sie den Raum möglicher Interpretationen begrenzen. Unternehmen, die KI in Sicherheit, Archivierung oder Datenrückgewinnung evaluieren, können daraus zwei Lehren ziehen: Erstens brauchen Modelle oft eine enge Kopplung an deterministische Prüfmechanismen wie Konsistenzchecks gegen Quellen. Zweitens reicht ein einzelnes Ergebnis ohne unabhängige Wiederholung oder kryptografische Verifikation selten aus, um die Qualität in den produktiven Betrieb zu übernehmen.
Offen bleibt, ob die Entschlüsselung in jeder Detailfrage standhält – etwa bei der Frage, warum das Schl¨sselwort zeitlich so schwer mit dem Sendezeitpunkt in Einklang zu bringen ist. Gerade bei historischen Nachrichten kann schon eine kleine Abweichung im Schlüsselregime, in der Transkriptionsfassung oder in der genauen Datierung die Rekonstruktion beeinflussen. Bis eine unabhängige Nachprüfung die Schritte nachvollzieht, sollte die Meldung daher vor allem als Indiz für das Potenzial moderner KI-Modelle verstanden werden, nicht als endgültiger Beweis. Sicher ist jedoch: Die Kombination aus klar definierten Chiffreschemata, dokumentiertem Schlüsselmaterial und KI-gestützter Musterrekonstruktion eröffnet auch in der digitalen Gegenwart neue Wege, lange Zeit verschlossene Informationsräume zu erschließen.
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