LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Analyse von US-Medizindaten findet über 1,1 Millionen Menschen, die GLP-1-Medikamente gegen Fettleibigkeit einnehmen, obwohl in ihren Akten kein passendes Krankheitsbild wie Adipositas oder Diabetes dokumentiert ist. Die Off-Label-Verschreibung nahm zwischen 2021 und 2025 stark zu. Ärzte warnen zugleich vor fehlender Datenlage zu Risiken bei Personen mit normalem BMI und nennen mögliche Probleme wie Nährstoffmangel und Muskelschwund. Offen bleibt, warum besonders viele Off-Label-Anwender ausgerechnet über Telemedizin oder verordnete Zubereitungen an die Wirkstoffe gelangen.

GLP-1 auch ohne Diagnose: Studie zählt über 1 Mio. Off-Label-Nutzer
GLP-1 auch ohne Diagnose: Studie zählt über 1 Mio. Off-Label-Nutzer (Foto: IT BOLTWISE)
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GLP-1-Medikamente sind längst aus der reinen Stoffwechselmedizin herausgewachsen: Sie wurden zu einem gesellschaftlichen Gesprächsthema, teils befeuert durch öffentlich geteilte Erfahrungsberichte und aggressiveres Marketing. Genau darin liegt eine der Spannungen, die eine aktuelle Auswertung von US-Gesundheitsdaten sichtbar macht. Laut Analyse wurden 92 Millionen Erwachsene in den medizinischen Unterlagen geprüft; dabei identifizierten die Forschenden mehr als 1,1 Millionen Menschen, die GLP-1-Präparate einnahmen, ohne dass in den Akten eine typische Indikation wie Adipositas oder Diabetes erkennbar war.

Technisch betrachtet geht es dabei um Off-Label-Use: Das heißt, die Verordnung erfolgt außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete. Die Studie hat allerdings keine Ursache-Wirkungs-Kette untersucht, also nicht, warum Betroffene die Medikamente anfordern oder erhalten. In der Praxis berichten behandelnde Ärzte aber davon, dass viele Patientinnen und Patienten vermutlich in erster Linie Gewicht verlieren wollen – oder hoffen, dass sich weitere, viel diskutierte Effekte einstellen. Dr. Babak Orandi, Adipositas-Spezialist und transplantationsbezogener Arzt an der N.Y.U. Langone Health, beschreibt das Phänomen sinngemäß als eine Art „funktioniert vielleicht auch bei mir“-Sog: Öffentlich erzählte positive und negative Erfahrungen erhöhen die Neugier auf die Behandlung.

Ein zentraler Befund betrifft die Häufigkeit: Die Off-Label-Verschreibungen sind nicht nur vorhanden, sie nehmen auch zu. Während die Studie off-label Fälle über die Zeit betrachtet, heißt es, dass die Zahl zwischen 2021 und 2025 um das 15-Fache gestiegen ist. Gleichzeitig gehen die Forschenden davon aus, dass die tatsächliche Größenordnung vermutlich höher liegt, weil bestimmte Zugangswege nicht vollständig abgebildet sein könnten – etwa Nutzer, die über Telemedizin-Plattformen versorgt werden, oder Menschen, die auf sogenannte „compounded“ Zubereitungen zurückgreifen. Für Versorgung und Pharmakovigilanz ist das relevant, weil sich Abdeckung und Dokumentationsqualität im Alltag stark unterscheiden.

Besonders aufmerksam macht die Auswertung die Patientengruppe: Unter den Off-Label-Nutzerinnen und -Nutzern lag bei mehr als einem Drittel ein normaler Body-Mass-Index vor. Damit verschiebt sich die Risikoabwägung, denn die bekannten Effekte von GLP-1-Wirkstoffen sind zwar in zugelassenen Kontexten intensiv untersucht worden, nicht aber im gleichen Maße für Menschen ohne Übergewicht oder Diabetes. Zusätzlich zeigt die Studie, dass Off-Label-Patienten deutlich häufiger eine dokumentierte Essstörung aufwiesen als diejenigen, die keine GLP-1-Medikamente einnahmen. Auch wenn der Anteil der Betroffenen mit Essstörungen weiterhin nur ein Bruchteil der Gesamtgruppe ist, benennen Ärztinnen und Ärzte darin einen Grund zur Sorge, weil der Einsatz in solchen Konstellationen medizinisch anders gelagert sein kann.

Über den Gewichtsverlust hinaus deuten die Daten auf weitere Motivlagen hin. Laut Studie waren Off-Label-Patienten zudem häufiger von Bluthochdruck oder erhöhten Cholesterinwerten betroffen. Das passt zu einer Realität, in der viele Wirkversprechen heute nicht nur über die Indikation laufen, sondern über den Kontext: „Label“ ist eine regulatorische Kategorie, „Bedarf“ wird aber im Sprechzimmer oft breiter interpretiert. Dr. Orandi berichtet von Gesprächen, in denen Patientinnen und Patienten prüfen möchten, ob GLP-1 auch bei anderen Problemen helfen könnte, die nicht auf dem Etikett stehen. Dazu zählen frühe Forschungsansätze rund um Fertilität, das Eindämmen von Alkohol-Cravings und das Erleichtern von „brain fog“; entscheidend ist dabei, dass noch mehr Daten nötig sind, bevor daraus belastbare Behandlungsstrategien entstehen.

Daneben steht die Rolle der verordnenden Stellen. Dr. Andrew Kraftson, klinischer Professor an der University of Michigan Medical School, ordnet den Befund als Hinweis darauf ein, dass offenbar viele Ärztinnen und Ärzte diese Medikamente an Patientinnen und Patienten vergeben, die nicht eindeutig in die klassischen Kriterien passen. Sein Argument: Hausärztinnen und Hausärzte geraten in Zeitdruck, wenn Patientinnen und Patienten mit konkreten Medikamentenwünschen in die Praxis kommen. In solchen Momenten kann die Frage „Was kann schon passieren?“ kurzfristig plausibel wirken – langfristig droht aber eine Lücke in der umfassenden Versorgung. Genau hier sieht Kraftson die Gefahr: Wenn nicht gründlich geprüft wird, ob Nutzen und mögliche Nebenwirkungen im individuellen Fall zusammenpassen, kann der Einsatz medizinisch zu breit ausfallen.

Die eigentliche Risikodimension hängt dabei stark von der Körper-Ausgangslage ab. Dr. Nils Krüger, der GLP-1s bereits wissenschaftlich untersucht, betont, dass für Personen ohne Übergewicht derzeit vergleichsweise wenig Daten vorliegen, weil sie in großen klinischen Studien meist weitgehend ausgeschlossen waren. Er nennt als mögliche Risiken insbesondere Mangelernährung sowie den Verlust von Muskelmasse. Zwar können Nebenwirkungen grundsätzlich auch Menschen mit normalem Startzustand betreffen, das Problem sei aber, dass sich die Konsequenzen bei niedrigem Ausgangs-BMI potenziell stärker ausprägen könnten. Dr. Krüger formuliert deshalb eine vorsichtige Einordnung: Man sehe „eine große Ozempic-Experiment“-Situation, deren Verlauf sich erst noch zeigen müsse.


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