ESSEN/BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Drohnenhersteller Stark Defence will bei einer Großbestellung der Bundeswehr „bald mit der ersten Auslieferung“ starten. Für eine erste Charge nennt das Unternehmen 275 Millionen Euro, der Rahmenvertrag umfasst insgesamt 2,9 Milliarden Euro. Im Mittelpunkt steht die „Loitering Munition“ Virtus, die Ziele per Aufklärungskette ansteuern und im Einschlagmodus explodieren soll. Gleichzeitig setzt Stark Defence auf KI-gestützte Steuerung mehrerer Drohnen durch einen Operator, während parallel ein deutsch-ukrainischer Partner für KI-Upgrade von Drohnensystemen wirbt.

Kamikaze-Drohnen für die Bundeswehr: Start der Lieferung rückt näher
Kamikaze-Drohnen für die Bundeswehr: Start der Lieferung rückt näher (Foto: IT BOLTWISE)
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Die nächste Phase der deutschen Drohnenbeschaffung scheint sich zu konkretisieren: Der Drohnenhersteller Stark Defence bereitet nach eigenen Angaben den Start von Auslieferungen an die Bundeswehr vor. Auf der Euro Defence Expo (Eudex) in Essen sagte Josef Kranawetvogl, Senior Vice President des Berliner Unternehmens, dass man „bald mit der ersten Auslieferung an die Bundeswehr zu beginnen“ plane. Hintergrund ist eine Großbestellung mit einer ersten Charge von 275 Millionen Euro, deren Stückzahl das Unternehmen allerdings nicht nannte. Stark Defence wurde 2024 als Startup gegründet, beschäftigt inzwischen 750 Mitarbeitende und positioniert sich damit früh im Wettbewerb um Systeme, die in kurzer Zeit von der Beschaffung bis zum operativen Einsatz gelangen sollen.

Finanziell ordnet sich das in einen größeren Rahmenvertrag ein: Stark Defence erhielt dem Bericht zufolge einen Vertrag über insgesamt 2,9 Milliarden Euro, wobei der Bundestag für eine Milliarde Euro bereits grünes Licht gegeben hat. Dass mehrere Hersteller parallel in solchen Größenordnungen berücksichtigt werden, zeigt zudem, wie stark die Nachfrage nach unbemannten Wirkmitteln in Europa gestiegen ist. Mit Helsing und Rheinmetall werden laut Angaben ebenfalls milliardenschwere Verträge adressiert – die Beschaffung folgt damit nicht einem Einzelfall, sondern einem mehrgleisigen Ansatz. Für operative Planung und industrielle Skalierung ist genau diese Parallelität wichtig, weil nicht nur die Entwicklung zählt, sondern auch die Lieferfähigkeit in mehreren Produktionsstandorten.

Technisch geht es bei Stark Defence um „Loitering Munition“, also herumlungernde Munition, häufig auch als Kamikaze-Drohnen bezeichnet. Das Modell Virtus kann Herstellerangaben zufolge bis zu 75 Minuten in der Luft bleiben und Reichweiten von bis zu 130 Kilometern abdecken. Das Konzept zielt auf das Zusammenspiel aus Flugzeit und Zielsuche: Wenn bis dahin kein feindliches Objekt erkannt wird, soll die Drohne abstürzen und explodieren, ohne dass ein Ziel gefunden werden muss. Virtus selbst ist mit kleinen Propellern an den vier Flügeln ausgelegt und hebt mit einer Masse von bis zu 33 Kilogramm ab; die Einsatzlogik folgt damit dem Gedanken, dass nicht nur „schießen“, sondern auch „suchen“ innerhalb eines definierten Zeitfensters möglich sein soll.

Besonders relevant für die operative Umsetzung ist, wie Stark Defence die Steuerung und Zielzuweisung an einen einzelnen Operator anbindet. Kranawetvogl argumentiert, Drohnen seien „Ergänzung und nicht als Ersatz für schweres Gerät“ wie Panzer und Artillerie. In den Aussagen steckt aber auch der Personalaspekt: Ein Operator könne mit softwareunterstützten KI-Mechanismen mehrere Drohnen steuern. Der Mensch bleibe dabei weiterhin in Kontrolle – und genau diese Human-in-the-Loop-Logik ist für viele Streitkräfte der zentrale Designrahmen, um Automatisierung dort einzusetzen, wo sie Tempo bringt, aber Verantwortlichkeiten nicht vollständig aus der Hand gibt. Zudem ist die Virtus-Kampfdrohne mit zwei Kameras ausgestattet und soll mit Aufklärungsdrohnen verbunden sein, die Ziele zuweisen können; dadurch entsteht eine Kette von Aufklärung zu Wirkeinheit.

Für die Kosten-Nutzen-Rechnung spielt laut Kranawetvogl auch der Stückpreis eine Rolle: Der Preis pro Virtus-Drohne liege bei unter 100.000 Euro, während der Panzer, der damit ausgeschaltet werden könne, „mehrere Millionen Euro“ kostet. Entscheidend ist dabei nicht nur der reine Preis, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein abgewehrtes oder abgeleitetes Ziel trotzdem bekämpft werden kann. Genau an dieser Stelle wird der defensive Gegenentwurf greifbar: Der Ukraine-Krieg treibt nicht nur die Weiterentwicklung von Drohnen voran, sondern auch den Schutz von Panzern. Die russische Seite setze dem Bericht zufolge unter anderem auf Käfige, um Schäden durch heranfliegende Drohnen zu minimieren. In der Diskussion geht es dann um die Frage, ob ein Gefechtskopf aufgrund solcher Schutzmaßnahmen zu früh ausgelöst wird und damit seine Wirkung gegen den Panzerstahl verliert.

Kranawetvogl beschreibt als Gegenmaßnahme, dass man Schwachstellen bei Käfigsystemen identifizieren könne und damit „doch den Panzer zu erreichen“ versuche. Auch die Schwarm-Logik wird als Redundanz verstanden: Normalerweise flögen Drohnen als Verbund, etwa zwei bis vier Einheiten; wenn eine Drohne den Käfig zerstört, könne sich die zweite dennoch auf das Ziel stürzen. Die erste Drohnen-Charge soll nach seinen Angaben nach Litauen gehen, wo sie einer dort stationierten deutschen Brigade zufließen soll. Gleichzeitig kündigte er einen engen Austausch mit der Bundeswehr an und verwies auf eine Nato-Übung im November in Litauen, bei der die Systeme eingesetzt werden sollen – bei Übungen ohne Sprengstoff an Bord und mit der Möglichkeit, dank der Propeller wieder zu landen.

Neben Stark Defence zeigt auch eine zweite Achse, wie dynamisch der Markt für KI-Funktionen bei Drohnensystemen wird. Die deutsch-ukrainische Firma United Unmanned Systems (UUS) verkündete eine Partnerschaft mit einem estnisch-ukrainischen KI-Spezialisten namens DOD Solution. UUS will Drohnen bauen, deren Software automatisch Ziele erfasst und weitere Funktionen ausführt. Der praktische Nutzen liegt dabei vor allem in der Betriebslogik: Eine Drohne soll künftig am Boden aktiviert werden und erst bei Annäherung eines feindlichen Fahrzeugs in die Luft aufsteigen, statt permanent in der Schwebe zu bleiben. DOD liefert laut eigenen Angaben bereits mehr als 10.000 Drohnen an die Ukraine; gefertigt wird in der Ukraine, und im Unternehmen sollen mehr als 70 Beschäftigte arbeiten. UUS selbst stellt laut Bericht drei Drohnentypen her – von Abfangjägern über Plattformen, die Bomben abwerfen und zurückfliegen, bis hin zu Kamikaze-Drohnen.

Für Entscheider in Industrie und Streitkräften ergibt sich daraus ein klares Bild: Die Beschaffung bewegt sich weg von singulären Plattformen hin zu Systemketten aus Sensorik, Zielzuweisung und Wirkmodus, wobei KI die Steuerung und Reaktionszeit in der Praxis verbessern soll. Gleichzeitig bleiben typische Integrationsfragen offen, etwa wie sich Latenzen in der Zielzuweisung über mehrere Plattformen hinweg im Feld auswirken und wie sich Betriebsgrenzen bei Training, Übungen und realen Einsätzen unterscheiden. Wenn die erste Stark-Defence-Charge tatsächlich wie angekündigt in den nächsten Schritten an die Brigade in Litauen übergeht, wird sich zudem zeigen, wie schnell sich neue Loitering-Munition-Ansätze in bestehende Einsatz- und Ausbildungsprozesse übertragen lassen – und damit, ob „Lieferstart“ schon bald auch in der operativen Routine ankommt.


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