LONDON (IT BOLTWISE) – Automattic hat kurz nach einem gescheiterten Machtkampf im Unternehmen ein neu zusammengestelltes Board angekündigt. CEO Matt Mullenweg räumte die Beteiligten an dem Versuch, ihn zu beurlauben, offenbar wieder aus und nahm nach nur rund 33 Stunden erneut die Kontrolle zurück. In der neuen Besetzung tauchen unter anderem ein Science-Fiction-Autor sowie Mitgründer des inzwischen geschlossenen sozialen Apps IRL auf. Gleichzeitig wirft die Personalrochade um Rechtsberatung Fragen auf, wie stark der laufende Rechtsstreit mit WP Engine in die Governance-Frage hineinspielt.

Automattic formt neues Board nach gescheitertem Versuch, CEO Matt Mullenweg zu stoppen
Automattic formt neues Board nach gescheitertem Versuch, CEO Matt Mullenweg zu stoppen (Foto: IT BOLTWISE)
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Bei Automattic, dem Unternehmen hinter WordPress.com, Tumblr und WooCommerce, ist aus einem internen Governance-Konflikt sehr schnell ein Führungs- und Besetzungswechsel geworden. Laut den Mitteilungen im Unternehmen wurde das neu zusammengestellte Board am Freitag den Mitarbeitenden bekanntgegeben. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Nur wenige Wochen zuvor hatte es bereits einen Anlauf gegeben, CEO Matt Mullenweg aus der operativen Kontrolle zu drücken – mit der Konsequenz, dass Mullenweg nach eigenen Angaben nach einer kurzen Unterbrechung erneut die Kontrolle übernahm. Der Konflikt gilt damit als besonders eng getaktet, weil zwischen Abgang und Rückkehr nach Unternehmensangaben exakt „33 Stunden und 20 Minuten“ lagen.

Die neue Board-Zusammensetzung wirkt auf den ersten Blick bewusst heterogen. Neben US-Autorenfigur Hugh Howey, bekannt für die „Silo“-Buchreihe, kommen auch Persönlichkeiten an Bord, die aus Start-up- und Medienumfeldern stammen. Genannt werden zudem Amy Chan („Breakup Bootcamp“) sowie zwei Mitgründer des sozialen Apps IRL: Henry Khatachryan und Krutal Desai. Gleichzeitig enthält die Vorgeschichte zu IRL eine wichtige technische Komponente, denn das Netzwerk wurde nach Untersuchungen eingestellt, bei denen nahezu die gesamte Nutzerbasis als Bot-basiert beschrieben wurde. Solche Details spielen in einem Unternehmen, das stark auf Community-Ökosysteme setzt, auch deshalb eine Rolle, weil sie die Erwartung an Datenqualität und Governance-Anforderungen verschärfen.

Mit der Personalie Khatachryan verdichtet sich außerdem ein weiterer Story-Strang: Mullenweg hatte ihn öffentlich als „Founder and builder“ beschrieben und dabei auf eine längere Kollaboration mit bekannten Personen aus dem Tech-Journalismus verwiesen. Ergänzend wurden weitere neue Beraterinnen und Berater genannt, darunter Jaime Waydo (Curio Studio), Matt Van Horn (June) und Hiten Shah (KISSmetrics). Diese Mischung aus Autorenschaft, Produkt-/Startup-Erfahrung und analytischer Vermarktungs- bzw. Messkompetenz kann für ein Plattformunternehmen wie Automattic strategisch sein: Wer ein Board neu aufsetzt, will oft nicht nur das Stimmrecht ausbalancieren, sondern auch unterschiedliche Blickwinkel auf Skalierung, Community-Risiken und technisches Wachstum integrieren.

Der eigentliche Zündstoff liegt allerdings in dem, was zuvor scheiterte: Ein vorheriges Board hatte entschieden, Mullenweg auf bezahlten Urlaub zu setzen. Wie aus der Darstellung nach der Rückeroberung der Kontrolle hervorgeht, reagierte Mullenweg darauf, indem er die Beteiligten an dem Versuch entließ, beziehungsweise deren Rücktritte annahm. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, warum die Governance-Frage für Mitarbeitende so sichtbar ist: Mullenweg informierte laut Unternehmenskanal die Belegschaft über die Board-Änderungen, nachdem in einer früheren Meldung über ein Treffen zwar berichtet, aber die Gesprächspartner nicht offengelegt worden waren. In einer internen Nachricht räumte er zudem die durch den Konflikt ausgelöste Unruhe ein und erklärte, er habe die Schritte „notwendigerweise“ zurückgedreht, weil es dem früheren Board zufolge ohne Vorwarnung und ohne Gelegenheit zur sinnvollen Stellungnahme gehandelt habe.

Rechtlich und organisatorisch verschränkt sich der Konflikt dabei mit laufenden Auseinandersetzungen. Mullenweg teilte mit, dass er nach seiner Rückkehr einen neuen Prozessbevollmächtigten beauftragt habe, nämlich Susman Godfrey LLP. In den Quellen wird zugleich darauf verwiesen, dass diese Entscheidung Fragen aufwerfe, weil Automattic parallel einen Rechtsstreit mit dem Hostinganbieter WP Engine wegen Markenfragen und um die Frage der Beitragspflichten zum WordPress-Open-Source-Projekt führt. Wichtig ist dabei die Statuslage: Für konkrete Vorwürfe wie das angebliche Zerstören von Beweismitteln gilt, dass diese nach Angaben aus Gerichtsunterlagen von der Gegenseite erhoben wurden; ob sich diese Vorwürfe im Verfahren erhärten, ist damit nicht automatisch als feststehendes Ergebnis zu behandeln. Auch im Machtkampf selbst taucht eine juristische Logik auf: Mullenweg schrieb laut Mitteilung, dass er „für Zwecke des Delaware-Rechts“ als CEO, President, Treasurer und Secretary gelte, und betonte die Unterstützung aus dem Umfeld.

Technisch betrachtet wirkt dieser Governance-Krampf wie ein Beschleuniger für Entscheidungen, die sonst häufig in klar getrennten Prozessen ablaufen würden: Board-Remedien, Personalentscheidungen und die Wahl externer Rechtsberatung sind normalerweise Bestandteile unterschiedlicher Entscheidungszyklen. Hier aber überlagern sie sich zeitlich. Dazu passt, dass nach dem gescheiterten Board-Votum auch konkrete Rollen geräumt wurden, darunter ein Rücktritt eines Vorstandsmitglieds (Toni Schneider) und weitere Abgänge aus dem Board, sowie die Trennung von zentralen Unternehmensfunktionen. Laut den vorliegenden Angaben wurden zudem unter anderem der CFO sowie der Chief Legal Officer aus dem Übergangsszenario entfernt, was das Risiko erhöht, dass operative Stabilität kurzfristig mit Strategie- und Rechtsprioritäten kollidiert. Für Unternehmen, die auf Plattformen wie WordPress und die zugehörigen Ökosysteme setzen, ist das relevant, weil die Stabilität der Kernorganisation direkten Einfluss auf Roadmaps, Releases und die Durchsetzung von Partnervereinbarungen hat.

Aus Marktsicht zeigt die Episode, wie stark bei Plattformbetreibern heute Governance als Teil der Produkt- und Sicherheitsarchitektur wahrgenommen wird. Wenn ein Board mit sehr unterschiedlichem Background – von Science-Fiction-Autorinnen bis hin zu früheren Social-App-Gründern – neu aufgestellt wird, geht es nicht nur um Kultur, sondern auch um Risiken: Bot-getriebene Plattformausprägungen, Streit über IP und Marken, sowie die Frage, wer im Streitfall die letzte Verhandlungs- und Prozessführung kontrolliert. Hinzu kommt, dass Automattic als Muttergesellschaft verschiedener Web-Angebote ohnehin viele Stakeholder mitbringt: Entwicklercommunities, Plugins, Merchant-Integrationen und Hosting-Partner. In so einem Setup entscheiden knappe Zeitfenster über die Deutungshoheit – und genau darin liegt der Kern dieses Konflikts: Zwischen Versuch, den CEO zu beurlauben, und der Wiederherstellung seiner Position wurden die Weichen so gestellt, dass das neue Board auch als Signal an interne und externe Anspruchsgruppen verstanden werden kann.

Für Mitarbeitende und Partner bleibt damit vorerst die Frage offen, wie stabil die neue Konstellation tatsächlich ist und welche Themen das Board priorisieren wird. Mullenweg positioniert sich jedenfalls als operativ handlungsfähig und bindet die Kommunikationslinie über interne Kanäle ein. Gleichzeitig zeigt die Episode, dass Rechtsstreitigkeiten und Governance in solchen Unternehmen nicht getrennt laufen: Die Umstellung der Rechtsvertretung ist in diesem Kontext mehr als Verwaltung, weil sie die Prozessstrategie beeinflusst. Unabhängig davon, wie Gerichte oder Schiedsstellen über strittige Punkte entscheiden, dürfte die aktuelle Board-Umstrukturierung als weiterer Baustein dafür wirken, wie Automattic in den kommenden Monaten öffentlich und technisch agiert – etwa bei der Absicherung von Markenrechten und bei der Erwartung an Beiträge zum Open-Source-Kern.


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