MÜNCHEN – Beim Gedanken an ein extra für das Oktoberfest gebrautes alkoholfreies Wiesnbier stoßen viele Brauereivertreter auf Skepsis. Der Vorstand Martin Leibhard verweist darauf, dass Wiesnbier traditionell über höhere Stammwürze und mehr Alkohol definiert ist. Auch der Geschäftsführer Andreas Maisberger sieht keinen großen qualitativen Mehrwert, weil bereits hervorragende alkoholfreie Biere verfügbar sind. Technisch sei zwar Entalkoholisierung möglich, aber geschmacklich und auch rechtlich sei der Zusatzaufwand nach Einschätzung der Brauer schwierig.

Die Frage nach einem alkoholfreien Wiesnbier wirkt auf den ersten Blick wie ein logischer Schritt in Richtung moderner Konsumgewohnheiten. Auf dem Oktoberfest steigen die Anteile alkoholfreier Angebote, viele Gäste greifen aber vor allem zu Produkten aus dem regulären Sortiment der Brauereien. Genau an dieser Stelle setzt die Skepsis der Münchner Brauereiwelt an: Für das Fest soll das Wiesnbier sein eigenes Profil behalten, statt es nachträglich umzubauen. Das führt zu einer Grundsatzdebatte darüber, ob „alkoholfrei“ beim Etikett „Wiesnbier“ überhaupt dieselbe Bedeutung haben kann wie bei anderen Bierkategorien.
Im Vereinsumfeld der Münchner Brauereien fällt die Antwort auf die Idee, ein eigens entalkoholisiertes Festbier auf den Platz zu bringen, klar aus. Vorstand Martin Leibhard argumentiert, dass Wiesnbier nicht zufällig nach „geheimem Rezept“ und mit hoher Wertigkeit gebraut wird, sondern traditionell über deutlich mehr Stammwürze und einen höheren Alkoholgehalt von anderen Bieren wie Helles, Export oder Lager unterscheidbar ist. Aus dieser Definition heraus erscheine ein alkoholfreies Wiesnbier wie ein Widerspruch. Auch Geschäftsführer Andreas Maisberger sieht keinen großen Vorteil: Wenn Wiesnbier ohnehin mit erheblichem Aufwand hergestellt wird, müsste der zusätzliche Schritt, das Bier anschließend zu entalkoholisieren, qualitativ mehr liefern als das, was bereits im Markt an alkoholfreien Bieren verfügbar ist.
Technisch lässt sich der Weg zwar grundsätzlich beschreiben, doch er löst nicht automatisch das Problem, das für Brauereien in München im Vordergrund steht: der Geschmack. Leibhard sagt, es sei zwar möglich, ein Bier mit höherer Stammwürze anzusetzen und ihm danach den Alkohol wieder zu entziehen. Genau hier liegt aber aus seiner Sicht das Risiko: Die Entalkoholisierung könnte den Charakter verändern, statt ihn zu verbessern. Dazu kommt, dass ein speziell entalkoholisiertes Wiesnbier nicht nur eine Prozessanpassung bedeutet, sondern einen zusätzlichen Aufwand über die gesamte Produktionskette. Für einen Festartikel, der innerhalb einer kurzen Zeitspanne in großen Mengen verfügbar sein muss, ist das keine triviale Entscheidung, sondern eine Abwägung zwischen Aufwand, Planbarkeit und dem, was der Gast am Glasrand tatsächlich erwartet.
Oberbürgermeister Dominik Krause ordnet die Debatte deutlich anders ein als die Brauer. Er räumte ein, dass er selbst noch nie gezielt über ein eigenes alkoholfreies Wiesnbier nachgedacht habe, und betonte zugleich, dass die Entscheidung bei den Brauereien liege. Bei seiner Anzapf-Premiere als OB, angestoßen gemeinsam mit Ministerpräsident Markus Söder, startete er die Saison mit der ersten Maß Bier. Krause bezeichnete die Idee zwar als „nette Idee“, ließ aber offen, ob aus dem Gespräch tatsächlich ein Projekt wird. Interessant ist dabei weniger der parteipolitische Kontext als die praktische Perspektive: Für das Oktoberfest zählt am Ende, ob das Ergebnis den Anspruch eines Wiesnbiers trifft oder ob man sich mit einer Lösung zufriedengibt, die außerhalb des Wiesnbier-Segments bereits funktioniert.
Historisch lohnt sich der Blick auf München als „Labor“ für alkoholfreie Bierstile. Bereits vor rund 40 Jahren wurde in der Stadt früh mit alkoholfreiem Bier gearbeitet, zunächst orientierten sich viele frühen Varianten geschmacklich stark am Pils oder an herberen Lagerbieren. In den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren setzte dann ein anderer Trend ein: Der Siegeszug des alkoholfreien Weißbiers. Dahinter standen laut Beschreibung einheimische Braumeister und Methoden, die sich besser in die sensorische Erwartung bei Weißbier einpassen ließen. Dabei zeigt sich eine wichtige Lernkurve: Entalkoholisierung ist nicht automatisch gleich „gleicher Geschmack ohne Alkohol“, sondern erfordert oft eine Anpassung von Fermentationslogik und Rezeptur.
Aus heutiger Sicht werden bei alkoholfreiem Bier in der Herstellung beide Schritte genutzt: Ein Teil des Biers wird entalkoholisiert, bei einem anderen Teil wird die Gärung gestoppt, sodass weniger Alkohol entsteht. Genau diese Kombination deutet an, warum viele Brauer beim Wiesnbier aktuell eher „nein“ sagen: Ein Festbier, das ohnehin mit hohen Werten angesetzt wird, würde in ein System eingezogen, das entweder die Fermentationsführung oder die Nachbehandlung stark verändert. Wenn das Ziel am Ende vor allem „mehr Verfügbarkeit für Gäste“ lautet, kann das effizienter über das bestehende alkoholfreie Sortiment gelöst werden. Für Unternehmen und Veranstalter heißt das zugleich: Die Differenzierung liegt weniger in der reinen Alkoholreduzierung als in der Prozessführung, der Sensorik und dem Zusammenspiel aus Produktion, Logistik und Erwartungsmanagement beim Publikum.
Auch die Größenordnung unterstreicht die praktische Dimension. Im Verein organisieren sich sechs Münchner Brauereien, die jährlich mit großem Aufwand ein eigenes Festbier für das Oktoberfest brauen. Insgesamt werden alljährlich rund sieben Millionen Liter Bier auf dem Fest getrunken. Für 2025 wird zudem genannt, dass alkoholfreie Varianten mit 4,5 Prozent noch keinen riesigen Anteil hatten, die Zahlen jedoch steigen. Damit bleibt die Entwicklung dynamisch: Nicht die Frage „ob“ steigt, sondern „wie“ wächst der Markt für alkoholfreie Produkte. Für die Zukunft dürfte entscheidend sein, ob sich der Aufwand für eine Wiesnbier-spezifische Entalkoholisierung gegen die bereits etablierte Lösung durch bewährte alkoholfreie Angebote im Sortiment durchsetzt.
Unterm Strich zeigen die Aussagen, dass es beim Thema alkoholfreies Wiesnbier weniger um ein Verbot von Genuss geht, sondern um Konsistenz im Marken- und Geschmackskonzept. „Marketingtechnisch“ sei die Idee zwar nachvollziehbar, aber rein technisch und auch rechtlich schwierig durchführbar, so die Einschätzung von Leibhard. Maisberger ergänzt, dass ein zusätzlicher Entalkoholisierungsschritt keinen großen qualitativen Unterschied liefern würde, wenn bereits hervorragende alkoholfreie Biere existieren. Für Entscheider im Umfeld des Oktoberfests bedeutet das: Wer Zielgruppen für alkoholfreie Varianten erreichen will, kann kurzfristig mit dem bestehenden Portfolio schneller Wirkung erzielen. Ein eigenes alkoholfreies Wiesnbier bleibt damit vor allem eine Frage von Prioritäten, Prozessreife und dem Risiko, das klare Profil des Wiesnbiers zu verwässern.
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