LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, warum viele Wähler trotz starker Parteibindung eher pro-demokratische Kandidaten wählen, wenn sie die liberal-demokratischen Institutionen ernst nehmen. Die Analyse basiert auf einem Kandidaten-Experiment mit 5.951 Teilnehmenden aus den USA, Polen und Südkorea. Der wichtigste Hebel ist die Unterstützung für Kerninstitutionen wie Rechtsstaatlichkeit, freie Meinungsäußerung und gleiche Wahlrechte. Gleichzeitig bleibt die Wirkung begrenzt: Selbst hohe demokratische Bindung verhindert nicht automatisch, dass Menschen ihre Partei überstimmen.

In vielen Ländern ist „Democratic Backsliding“ längst mehr als ein politikwissenschaftliches Schlagwort. Der Begriff steht dafür, dass gewählte Amtsträger demokratische Institutionen Schritt für Schritt abbauen – etwa indem freie Wahlen ausgehöhlt werden, Gerichte an Unabhängigkeit verlieren oder die Presse eingeschränkt wird. Entscheidend ist dabei weniger, ob die Demokratie in einem Lehrbuch gut klingt, sondern ob Wähler im Wahlmoment auch dann bei demokratiefeindlichem Verhalten Nein sagen, wenn es ausgerechnet zum eigenen Lager gehört. Genau an dieser Spannung setzt die neue Studie an: Sie fragt, welche persönlichen Werte als Puffer wirken, wenn Parteitreue eigentlich das Gegengewicht sein sollte.
Die Forschung geht von einem bekannten Befund aus: Theoretisch lehnen viele Menschen antidemokratisches Verhalten ab. Praktisch aber unterstützen sie häufig Politiker, die demokratische Regeln brechen – sobald diese Personen zur bevorzugten Partei gehören oder zentrale Positionen mit ihnen teilen. In solchen „cross-pressured choices“ müssen Wähler also zwischen zwei Kandidaten entscheiden, die jeweils auf unterschiedliche Weise gegen demokratische Normen verstoßen oder sie verteidigen. Federführend ist Christopher Claassen, Professor für politisches Verhalten an der School of Social and Political Sciences der University of Glasgow. Sein Ausgangspunkt verbindet aktuelle Debatten zur rückwärtsgerichteten Demokratiemodernisierung mit älterer Literatur zur politischen Kultur: Nicht nur „allgemein demokratisch“ zu sein, sondern bestimmte demokratische Orientierungen zu besitzen, könnte im Wahlverhalten messbar werden.
Um das zu prüfen, analysierte Claassen Daten von insgesamt 5.951 Teilnehmenden aus drei Demokratien unter besonderem Rückgangsrisiko. In den Datensätzen finden sich 1.983 Personen aus den USA, 1.967 aus Polen und 2.001 aus Südkorea. Die Probanden nahmen an einem Kandidaten-Auswahl-Experiment teil, das eine Wahlumgebung simuliert: In zwölf Aufgaben sahen sie jeweils zwei hypothetische Kandidaten und entschieden, wen sie wählen würden. Die Kandidaten unterschieden sich dabei zufällig unter anderem nach Alter, Geschlecht, beruflichem Hintergrund, Parteizugehörigkeit sowie nach Positionen zu Steuern und Gleichstellung. Zentral war jedoch die Gegenüberstellung: Zu jedem Zeitpunkt stand ein pro-demokratischer Kandidat einem antidemokratischen gegenüber. Letztere sollten zum Beispiel Wahlkampfanweisungen enthalten, die Wahllokalstrukturen in oppositionellen Gebieten beschneiden, Gerichtsentscheidungen ignorieren oder Journalistinnen und Journalisten strafrechtlich verfolgen; die pro-demokratischen Kandidaten boten entsprechend die Anerkennung demokratischer Institutionen an.
Vor der simulierten Wahl erhob der Fragebogen sechs Dimensionen der politischen Kultur, darunter die Präferenz, Demokratie gegenüber Autokratie zu bevorzugen, sowie die Unterstützung für liberale demokratische Institutionen und das Vertrauen in politische Institutionen. Zusätzlich wurden politische Toleranz erfasst – also die Bereitschaft, politischen Gegnern zivilrechtliche Rechte zuzugestehen. Außerdem unterschied die Studie zwischen emanzipativen Werten (Fokus auf Autonomie und Gleichheit) und autoritären Werten (Fokus auf Gehorsam und Konformität). Über die drei Länder hinweg zeigte sich ein besonders konsistenter Zusammenhang: Die Unterstützung für liberale Demokratie war der stabilste Prädiktor dafür, ob Teilnehmende eher den pro-demokratischen Kandidaten wählten. Dabei ging es explizit um die Zustimmung zu Kerninstitutionen, die in der Praxis die „Regeln des demokratischen Spiels“ tragen – wie freie Meinungsäußerung, gleiche Wahlrechte und Rechtsstaatlichkeit. Wer in dieser Kategorie hoch punktete, belohnte antidemokratische Kandidaten deutlich seltener.
Die Effekte zeigen zugleich die Grenzen einer einfachen Hoffnungserzählung. Claassen beschreibt die Gesamtwirkung als bedeutend, aber nicht „enorm“: In einem cross-pressured Kontext, in dem Parteizugehörigkeit besonders stark zieht, erhöhte ein Anstieg der liberal-demokratischen Unterstützung um eine Standardabweichung die Wahrscheinlichkeit, über Parteigrenzen hinweg den pro-demokratischen Kandidaten zu wählen, um etwa 2 bis 12 Prozentpunkte. Dass die Spanne je nach Land und statistischem Modell variiert, ist dabei methodisch plausibel, weil Wahlkontexte und Parteigrenzen unterschiedlich stark wirken können. Gleichzeitig hatten andere Dimensionen ein gemischtes oder schwaches Profil: Eine generelle Demokratie-gegen-Autokratie-Präferenz und emanzipative Werte konnten in einzelnen Fällen helfen, sagten aber nicht durchgehend in allen Ländern und Szenarien verlässlich voraus. Besonders auffällig war zudem, dass Vertrauen in politische Institutionen im Kern kaum mit dem Widerstand gegen antidemokratische Kandidaten zusammenhing.
Der Befund ist politisch relevant, weil Vertrauen in Institutionen häufig als Synonym für demokratische Stabilität diskutiert wird. In der Studie deutet sich jedoch an, dass es im Wahlmoment weniger auf ein allgemeines Gefühl gegenüber Politiksystemen ankommt als auf konkrete Verpflichtungen gegenüber Institutionen und ihren Regeln. Ebenso überraschend waren die schwachen Zusammenhänge bei autoritären Werten: Obwohl sie theoretisch mit autoritären politischen Systemen verwandt wirken, erklärten sie die Wahlentscheidung in diesem Design nur begrenzt. Methodisch betont Claassen außerdem die Grenzen: Die Entscheidungen wurden in einer simulierten Umfrage-Umgebung getroffen. Reale Wahlen bringen intensives Kampagnen-Framing, soziale Druckmechanismen und eine Vielzahl zusätzlicher Signale mit, die die Gewichtung von Regelverletzungen gegenüber Parteibindung verschieben könnten. Zudem handelt es sich bei der Erhebung politischer Kultur um eine Beobachtungsbeziehung, nicht um eine vollständig kausale Manipulation: Die Kandidatenattribute wurden zwar experimentell randomisiert, die demokratischen Orientierungen der Teilnehmenden jedoch nicht.
Für die Praxis lässt sich daraus eine nüchterne Schlussfolgerung ableiten. Demokratische Resilienz ist nicht vollständig „außerhalb“ der Bürgerhand, denn die Unterstützung für liberale Institutionen beeinflusst die Wahlentscheidung auch über Lagergrenzen hinweg. Gleichzeitig reicht diese Unterstützung allein nicht, um in jeder Situation eine Mehrheit zu erzeugen, die eigene Parteigrenzen bewusst übertritt, wie die Studie in den polnischen und südkoreanischen Substichproben zeigt. Künftig will Claassen die Messinstrumente weiter verfeinern, etwa indem demokratische Orientierungen „feinkörniger“ erfasst werden, statt sie nur grob als generelle Demokratiehaltung oder als institutionelles Vertrauen zu behandeln. Genau dort liegt auch eine Chance für politische Bildung und für Parteien, die demokratische Institutionen glaubwürdig verteidigen wollen: Nicht jede demokratische Grundeinstellung schlägt im Wahlmoment gleichermaßen durch, aber eine klare Bindung an die Institutionen selbst scheint besonders wirksam zu sein. Die Studie mit dem Titel „Voting for Democracy? Testing Political-Cultural Constraints on Democratic Backsliding“ wurde von Christopher Claassen verfasst.
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