ROM / LONDON (IT BOLTWISE) – Der „Nonna Maxxing“-Trend macht den Alltag italienischer Großmütter zum Vorbild für junge Menschen. Auf Instagram und TikTok geht es dabei um selbst anbauen, frisch kochen, lesen, stricken und weniger auf Karriere oder Dauer-Feiern zu setzen. Eine zentrale Rolle spielt die 68-jährige Rosella Mercuri aus Rom, die den Mythos der vermeintlichen Mühelosigkeit mit eigener Biografie kontert. Sie rät zugleich dazu, öfter das Handy wegzulegen und echte Begegnungen zu suchen.

„Nonna Maxxing“ klingt nach einem Lifestyle-Hack, doch die Idee dahinter wirkt eher wie eine Gegenbewegung zu zwei Symptomen moderner Arbeits- und Medienkultur: digitaler Dauerpräsenz und Selbstoptimierung. Gemeint ist der Versuch, den Alltag nach dem Bild einer italienischen Oma zu gestalten – mit eigenem Gemüse, frischem Kochen, Handarbeiten und einem bewussteren Umgang mit Freizeit. Gerade weil der Begriff in sozialen Netzwerken schnell an Zugkraft gewinnt, lohnt sich ein genauer Blick darauf, was dabei von echten Lebensrealitäten übrig bleibt und was romantisiert wird.
Im Zentrum der Debatte steht Rosella Mercuri aus Rom. Die 68-Jährige tritt als „Nonna Rosi“ auf und zeigt, wie Nudelteig zu einer hauchdünnen Basis wird, während sie Touristen Kochkurse gibt. Ihre Pointe ist dabei nicht nur kulinarisch, sondern biografisch: Hinter der gelassenen Pose stecke ein arbeitsreiches Leben. Schon als Jugendliche arbeitete Mercuri bei der Ernte, pflückte Trauben, Pfirsiche und Oliven und wechselte später in einen Obstladen sowie eine Pilzhandlung. In dieser Phase dauerten ihre Arbeitstage häufig mehr als zwölf Stunden – ein Detail, das das häufig gezeichnete Bild vom gemütlichen Dolce Vita deutlich korrigiert.
Der Trend greift vor allem bei jungen Frauen, die ihn als Gegenentwurf zu ständiger Sichtbarkeit und Leistungsdruck lesen. Friederike Herrmann, Journalistik- und Kommunikationswissenschaftlerin, beschreibt „Nonna Maxxing“ in diesem Kontext als Absage an Selbstoptimierung: Nicht die öffentliche Performance zählt, sondern der Alltag, wie er sich im Kleinen organisiert. Gleichzeitig knüpft der Ansatz an eine ältere Sehnsucht an – nach einem weniger entfremdeten Leben, in dem man Tätigkeiten wieder als sinnvoll erlebt. Gerade das erklärt, warum der Begriff sowohl Routine als auch Identität adressiert: Kochen und Handarbeiten werden zu Ausdrucksformen, nicht nur zu Beschäftigungen.
Mercuris eigene Praxis steht jedoch für eine nüchterne Grenze zwischen Inspiration und Verkürzung. Sie macht „alles selbst“, heißt es in ihrem Selbstverständnis, und ihre Arbeit endet nicht mit dem Eintritt in den Ruhestand: Sie steht auch mit 68 in der Küche, zu Hause oder bei Kochkursen. Ihre Lebensstrategie basiert auf dem, was sich im Alltag eben ergibt: Überschüssiges Obst wird zu Marmelade, weniger knackige Auberginen werden zu einem Gericht, übrig gebliebene Karotten werden zu Brüche. Diese „Verwertung“ ist bei ihr keine nostalgische Geste, sondern Kompetenz aus Notwendigkeit. Wenn viel im eigenen Umfeld selbst erledigt werden kann, sagt Mercuri sinngemäß, reicht sogar ein kleiner, schlecht bezahlter Job – wichtig ist die Unabhängigkeit durch Können.
Genau hier setzt eine zweite Ebene des Trends an: mit zunehmendem Alter habe Mercuri gelernt, sich weniger Sorgen zu machen, mehr zu wagen und auszusprechen, was sie denke. Erfahrung spielt dabei die Rolle, die der Algorithmus sozialer Medien selten liefert. Daraus leitet sie auch praktische Ratschläge für Jüngere ab: das Handy öfter wegzulegen und direkte Begegnungen zu suchen. Früher, so erinnert sie, habe es im Dorf genügt, „vor die Tür zu gehen“, um Freundinnen zu treffen; heute sei das in der Stadt schwieriger, auch wenn sie in ihrem Wohnhaus viele Menschen kenne. Der Kern ist nicht Rückzug, sondern Neuausrichtung: Kontakte sollen nicht automatisch aus dem Bildschirm heraus entstehen, sondern durch Wege, Zeit und echte Aufmerksamkeit.
Gleichzeitig macht der Artikel auch sichtbar, wo „Nonna Maxxing“ schief abbiegen kann. Die romantische Darstellung greife häufig nur einen Ausschnitt heraus: Kochen, Einkochen, Putzen und Fürsorge waren historisch oft nicht freiwillige Freizeit, sondern notwendige – und vielfach unbezahlte – Arbeit. Hinzu kamen Erwerbsarbeit, finanzielle Unsicherheit und eine geringere wirtschaftliche Unabhängigkeit. Das macht aus dem Trend nicht automatisch etwas Falsches, aber es verschiebt den Interpretationsrahmen: Wer „Gelassenheit“ nur als Lifestyle kauft, übersieht die Bedingungen, unter denen diese Gelassenheit überhaupt entstehen konnte.
Für junge Menschen kann „Nonna Maxxing“ trotzdem praktische Anregungen bieten. Dazu gehören etwa weniger Lebensmittel zu verschwenden, Dinge länger zu nutzen, Fähigkeiten selbst zu erlernen und soziale Kontakte nicht ausschließlich digital zu pflegen. Technisch betrachtet ist das fast schon eine Art „Handwerk statt Feed“: Statt Inhalte zu konsumieren, wird Zeit in konkrete, messbare Handlungen investiert – auch wenn das Ergebnis am Ende nicht zwingend in einem Profil „performt“ wird. Entscheidend bleibt jedoch die Haltung, die der Trend an sich nicht automatisch mitliefert: Die Inspiration sollte nicht in eine idealisierte Rückkehr zu traditionellen Rollen umkippen, sondern als Einladung verstanden werden, Alltag resilienter und unabhängiger zu gestalten.
Mercuris Geschichte macht den Unterschied zwischen Mythos und Methode greifbar. Ihre Gelassenheit ist nicht aus einem dauerhaft entspannten Lebensstil entstanden, sondern aus jahrzehntelanger Arbeit, Erfahrung und dem Umgang mit begrenzten Mitteln. Genau darin liegt der Mehrwert von „Nonna Maxxing“, wenn man ihn ernst nimmt: Er kann eine bewusste Kritik an digitalem und ökonomischem Druck sein. Verkürzt bleibt er dort, wo die Belastungen hinter dem Bild der zufriedenen italienischen Oma verschwinden. Eine nachhaltige Lesart verbindet daher zwei Ebenen – das praktische Lernen aus dem Alltag und die klare Erinnerung, dass Selbstbestimmung nicht nur durch ästhetische Routinen entsteht, sondern auch durch echte ökonomische und soziale Spielräume.
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