DILLINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeskanzler Friedrich Merz sieht den Umbau der Stahlindustrie hin zu „grünem Stahl“ auf einem guten Weg. In Dillingen und Völklingen läuft die Transformation bereits, die Inbetriebnahme ist für 2028/29 geplant. Das Saarland setzt dabei auf Wasserstoff statt Kohle und will die CO2-Emissionen bis Anfang der 2030er Jahre um bis zu 55 Prozent senken. Parallel startet der Aufbau einer Wasserstoffpipeline, um die künftigen Anlagen ab 2029 mit Wasserstoff zu versorgen.

Merz und Rehlinger stärken grünen Stahl: Saarland senkt CO2 mit Wasserstoff
Merz und Rehlinger stärken grünen Stahl: Saarland senkt CO2 mit Wasserstoff (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Umbau der Stahlindustrie weg von kohlebasierten Hochöfen hin zu wasserstoffbasierten Verfahren rückt im Saarland deutlich in die Umsetzungsphase. Bei seinem Besuch der Dillinger Hütte stellte Bundeskanzler Friedrich Merz den Standort als Beispiel für eine industrielle Transformation dar, die „Mut für Deutschland“ machen soll. Gemeinsam mit der Ministerpräsidentin Anke Rehlinger ordnete er die Investitionen in einen größeren industriepolitischen Rahmen ein: Deutschland müsse Industrieland bleiben, und dafür brauche es eigene Stahlerzeugung, die sich klimafreundlich modernisieren und gleichzeitig wettbewerbsfähig halten lässt.

Technisch entscheidet sich das Thema „grüner Stahl“ an einer konkreten Stellschraube: In Direktreduktionsanlagen soll Wasserstoff die in klassischen Prozessen eingesetzte Kohle und den Koksanteil ersetzen. Dabei entzieht Wasserstoff dem Eisenerz den Sauerstoff; entscheidend ist, dass bei der Produktion kein klimaschädliches Kohlendioxid anfällt. Das Saarland folgt diesem Pfad mit neuen Anlagen in Dillingen und Völklingen, die laut Angaben der Stahl-Holding-Saar (SHS) zunächst schrittweise ans Ziel geführt werden. Zu Beginn soll Erdgas genutzt werden, später dann Wasserstoff; die Inbetriebnahme ist für 2028/29 vorgesehen.

Finanziell und zeitlich ist der Umbau ambitioniert. Die Transformation an der Saar kostet rund 4,6 Milliarden Euro, gefördert werden davon Bund und Land mit 2,6 Milliarden Euro; den Rest übernehmen die Unternehmen. Die SHS verweist zugleich darauf, dass die Arbeiten „aktuell im Zeitplan“ seien. Auf den Baufeldern in Völklingen und Dillingen sei bereits „viel in Bewegung“: Erste Bauwerke seien fertiggestellt, der Hochbau habe begonnen. Für die Dekarbonisierung nennt SHS ein konkretes Zielbild: Bis Anfang der 2030er Jahre sollen die CO2-Emissionen um bis zu 55 Prozent sinken, das entspricht 4,8 Millionen Tonnen pro Jahr; für 2045 wird CO2-Neutralität angestrebt.

Damit rückt jedoch ein zweiter Engpass in den Fokus, der häufig im Schatten der Technologie steht: Wasserstoff ist heute deutlich teurer als fossile Alternativen, und die Versorgungssituation bleibt zunächst heterogen. Experten gehen davon aus, dass die Kosten für grünen Wasserstoff zwar sinken werden, aber auch 2030 voraussichtlich mindestens doppelt so hoch bleiben wie für „grauen“ Wasserstoff, der aus Erdgas produziert wird. Entsprechend wird grüner Stahl selbst mit staatlicher Förderung voraussichtlich deutlich teurer ausfallen als konventionell hergestellter Stahl. Hinzu kommt der Hinweis aus der Branche, dass grüner Wasserstoff derzeit nicht in ausreichender Menge verfügbar ist.

Genau hier setzt das Saarland auf Infrastruktur, insbesondere auf den Aufbau einer Wasserstoffpipeline. Im August hat der Bau einer Leitung zwischen Dillingen und Leidingen an der französischen Grenze begonnen; sie soll an das grenzüberschreitende Wasserstoffnetz „mosaHYc“ angebunden werden. Ab 2029 ist die Versorgung der Dillinger Hütte mit jährlich 6.000 Tonnen Wasserstoff geplant. Zusätzlich soll Dillingen in den Jahren 2032/2033 an das deutsche Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden. Solche Zeitachsen sind für die Stahlindustrie entscheidend, weil sich der Hochlauf von Direktreduktionsanlagen nicht beliebig verschieben lässt: Strom- und Wasserstoffverfügbarkeit müssen im selben Takt mit den Bau- und Inbetriebnahmesequenzen zusammenpassen.

Neben den technischen und preislichen Faktoren beeinflusst der Markt heute spürbar, ob Unternehmen den Umstieg wirtschaftlich durchhalten. Eine zentrale Herausforderung sind Importe von günstigem Stahl aus außereuropäischen Märkten, der oft unter weniger strengen Umweltauflagen produziert wird. Auf EU-Ebene wurde deshalb laut Quelle zum 1. Juli eine Verordnung erlassen, die den europäischen Stahlmarkt vor Billigstahl-Importen schützen soll; sie soll Importe begrenzen und zugleich teilweise verteuern. In diesem Spannungsfeld fordert SHS-Chef Stefan Rauber zudem wettbewerbsfähige Energiepreise und Arbeitskosten sowie die Schaffung sogenannter „grüner Leitmärkte“, in denen öffentliche Aufträge gezielt die Nachfrage nach CO2-reduziertem Stahl anstoßen können, etwa bei Bauvorhaben im Schienennetz.

Über das klassische Stahlprojekt hinaus machte Merz bei dem Besuch auch ein weiteres Technologiefeld stark: Die Stahl-Holding-Saar beteiligt sich an dem Startup „Y-SIC“. Dessen patentiertes Verfahren zielt auf die Produktion von hochreinem Siliziumkarbid (SiC) ab, einem Material, das insbesondere für die Halbleiterindustrie benötigt wird. Laut Angaben soll der Stoff bereits im nächsten Jahr in Dillingen produziert werden. Als Botschaft formulierte Merz, dass die Transformation der Wirtschaft bereits stattfinde, während viele noch zweifeln oder zögern; die Beteiligung an einer Zuliefer- und Werkstofftechnologie zeigt dabei, wie Dekarbonisierung in der Praxis häufig mit Industrialisierung und Wertschöpfungsverschiebungen Hand in Hand geht.

Für die weitere Einordnung lohnt deshalb auch der Blick über den Einzelfall hinaus: Das Saarland bündelt Technologieumstellung, Wasserstofflogistik und marktseitige flankierende Instrumente in einem Paket, das die häufigsten Eintrittshürden gleichzeitig adressiert. Die entscheidende Frage wird weniger sein, ob die Verfahren grundsätzlich funktionieren, sondern ob die Kostenkurve bei Wasserstoff schnell genug nach unten rückt und ob ausreichend Nachfrage nach CO2-reduziertem Stahl entsteht, um die Mehrkosten in den ersten Jahren abzufedern. Für Industrieunternehmen und Zulieferer bedeutet das: Wer Dekarbonisierung plant, muss künftig frühzeitig Energie- und Lieferkettenrisiken mitdenken und gleichzeitig in Folgekompetenzen investieren, die über die reine Werkstattumrüstung hinausgehen.


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