RONALD REAGAN WASHINGTON NATIONAL AIRPORT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die FAA verzögert die Zertifizierung der 737 MAX 10 und untersucht dabei einen Software-Glitch im Flight-Management-Computer. Dabei geht es um mögliche erhöhte Arbeitsbelastung für Piloten beim Anflug, wenn nach einem verpassten Durchstarten die Flugroute geändert wird. Boeing muss die Zulassung so lange zurückhalten, bis die Behörde das Problem bewertet hat. Für Kunden wie Alaska Air rückt damit ein geplanter Auslieferungszeitraum spürbar in die Ferne.

FAA bremst Boeing: Zertifizierung der 737 MAX 10 wegen Software-Glitch verzögert
FAA bremst Boeing: Zertifizierung der 737 MAX 10 wegen Software-Glitch verzögert (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Nachricht trifft Boeing direkt an einer der empfindlichsten Stellen der gesamten Lieferkette: der Zulassung der 737 MAX 10. Am Montag fiel die Aktie um 6,18% auf 185,82 US-Dollar, nachdem die Federal Aviation Administration (FAA) die Zertifizierung aufschiebt. Hintergrund ist eine Untersuchung zu einer Software-Problematik, die in bestimmten Situationen die Arbeitsbelastung der Piloten beim Landeanflug erhöhen könnte. Laut FAA-Administrator Bryan Bedford geht es dabei zunächst nicht um eine bereits abschließend bewertete Sicherheitsbehauptung, sondern um die Frage, ob der Vorfall die Kriterien einer „safety of flight“-Relevanz erfüllt: „We don’t have an issue here.“

Technisch setzt der Knackpunkt im Flight-Management-Computer (FMC) an: Betroffen sind die Software-Versionen 14 und 14.1. Das System steuert die Flugführung über definierte Wegpunkte und Modi; in dem beschriebenen Szenario geht es um den Moment nach einem verpassten Anflug (missed approach). Wenn ein Pilot danach die programmierte Flugroute verändert, kann das vertikale Navigationsmodul (VNAV) aus einem geplanten Verhalten aussteigen und in einen einfacheren Pitch-Modus zurückfallen. Genau in dieser Übergangsphase liegt das Risiko einer höheren kognitiven Last: Die Crew muss dann zusätzliche Aufmerksamkeit auf die Flugzustandssteuerung legen, gerade wenn der Zeitpunkt räumlich und zeitlich bereits durch den Flughafenbezug verdichtet ist.

Für Boeing ist der regulatorische Zeitverlust doppelt relevant. Erstens verschiebt sich dadurch der Zertifizierungsabschluss für die finale MAX-Variante, die in der Produktlinie als „letzter Baustein“ gilt. Zweitens entsteht ein Dominoeffekt auf den Handels- und Planungsrahmen der Airlines. In den Angaben zur Unternehmenslage wird die Brisanz über den Anteil sichtbar: Der 737 MAX 10 mache rund 31% der bei Boeing ausstehenden 737-Bestellungen aus (Stand Ende Juni). Damit ist die Verzögerung nicht nur ein Randproblem der Softwarevalidierung, sondern berührt die Größenordnung, in der Boeing Lieferverpflichtungen terminiert und Barmittelströme plant.

Auch die Korrekturstrategie zeigt, warum Airlines kurzfristig besonders genau hinschauen. Boeing hatte bereits im Februar 2025 entschieden, dass die betreffende Abweichung kein Sicherheitsproblem darstellt. Nachdem in diesem Jahr jedoch zusätzliche Informationen von Betreibern eingegangen sind, wurde eine formale Sicherheitsprüfung veranlasst; außerdem wurden die 737-Operatoren laut Berichten im späten August über den Sachverhalt informiert. Ein dauerhafter Software-Fix wird dabei nicht vor 2028 erwartet, auch wenn das Unternehmen parallel versucht, die Umsetzung zu beschleunigen. Parallel dazu nennt Boeing Maßnahmen, die sofort im Betrieb ansetzen: bestehende Pilotprozeduren wurden verstärkt, der Autopilot soll weiterhin funktionieren, selbst wenn VNAV aussetzt; zudem seien Piloten auf Landungen ohne VNAV trainiert.

Besonders deutlich wird die operative Konsequenz bei Alaska Air Group. Der Carrier hatte nach Berichten 105 MAX 10 in der festen Bestellung plus Optionen für 35 weitere, darunter der größte Einzelauftrag in der Geschichte der Fluggesellschaft. Für die Planung war vorgesehen, dass die erste Auslieferung im Frühjahr 2027 erfolgt und der Passagierbetrieb zwischen April und Mitte Mai startet. Zwar hatte der Alaska-Air-COO Jason Berry noch bis Ende September auf eine Zertifizierung gehofft, doch genau diese Erwartung wird durch die FAA-Entscheidung faktisch entwertet. An der Börse spiegelt sich der Unsicherheitshebel: Die Aktie von Alaska Air lag am Montag nachbörslich mit -1,73% bei 40,23 US-Dollar, während der Zeitplan für die Auslieferung als unklar gilt.

Für den Markt ist die unmittelbare Lehre weniger „ob“ ein Update kommt, sondern „wie schnell“ und „unter welchen Betriebsbedingungen“ es abgesichert werden kann. In der Luftfahrt sind Software-Freigaben selten isoliert; sie hängen an dokumentierter Validierung, an der Nachweisführung für Flugzustände und an der Frage, wie zuverlässig Prozeduren im Alltag funktionieren, wenn ein System in einen alternativen Modus übergeht. Für Boeing und seine Kunden bedeutet das: Selbst wenn der Autopilot die Flugführung teilweise abfedert, bleibt die Zertifizierungslogik der FAA der Taktgeber für Fahrpläne, Asset-Planung und Investitionsbudgets. Gleichzeitig zeigt sich, wie wichtig eine robuste Software- und Prozedurkette ist – denn ein VNAV-Moduswechsel kann sich in der Praxis als „kleine“ Korrektur in der Schnittstelle zwischen Flugplanung und Crew-Arbeitsablauf darstellen, aber genau dort entscheidet sich die Bewertung der Sicherheitswirkung.

Unternehmen, die die Branche beobachten oder als Zulieferer in Wartung, Simulation und Trainingsprozesse eingebunden sind, lesen die Meldung deshalb als Signal für erhöhte Validierungs- und Change-Management-Anforderungen. In der Praxis dürften Betreiber ihre Schulungsunterlagen und Betriebsanweisungen für die betroffenen FMC/VNAV-Konstellationen weiter schärfen, bis ein dauerhafter Fix verfügbar ist. Für Boeing ist der nächste Messpunkt weniger die Veröffentlichung neuer Zeitlinien, sondern die Fähigkeit, die Behörde von der Stabilität des Softwareverhaltens über relevante Flugprofile hinweg zu überzeugen. Damit rückt das Zusammenspiel aus Software-Release, Betriebsprozeduren und regulatorischer Beweisführung in den Fokus – und es entscheidet, wie schnell aus einer verzögerten Zertifizierung wieder planbare Serienlieferungen werden.


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