MÜNCHEN – Die Verteidigung von Markus Braun versucht, den Wirecard-Prozess kurz vor dem geplanten Abschluss noch aussetzen zu lassen. Rechtsanwältin Theres Kraußfläch begründet den Antrag mit einer „grundlegend geänderten“ Sachlage und verweist darauf, dass das Verfahren sonst aus ihrer Sicht drohen könnte, von einem früheren Betrugsprozess beeinflusst zu werden. Sie will den Ausgang eines separaten Verfahrens gegen eine frühere Wirecard-Managerin abwarten, die mutmaßlich eine Schlüsselrolle im Milliardenbetrug gespielt haben soll. Das Gericht kündigte hingegen an, über den Aussetzungsantrag voraussichtlich sehr zeitnah zu entscheiden.

Im Münchner Wirecard-Verfahren forciert die Verteidigung von Markus Braun das Tempo in die Gegenrichtung: Statt auf ein baldiges Urteil hinzuwirken, soll der Prozess noch auf den letzten Metern gestoppt werden. Grundlage ist ein Aussetzungsantrag, den Brauns Anwältin Theres Kraußfläch gestellt hat. Sie argumentiert mit dem „Recht Brauns auf ein faires Verfahren“ und sieht die Sachlage mittlerweile als „grundlegend geändert“. Konkret verweist sie darauf, dass eine Aussetzung den bereits seit fast vier Jahren laufenden Ablauf nicht nur verzögern, sondern faktisch neu aufrollen würde: Das seit Dezember 2022 laufende Hauptverfahren müsste dann von vorn beginnen.
Für das Gericht ist das ein heikler Zielkonflikt zwischen Verfahrensökonomie und rechtsstaatlicher Absicherung. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch signalisierte, dass die Kammer zügig entscheiden will. Damit bekommt der Antrag eine zusätzliche prozessuale Spannung: Einerseits steht der Anspruch auf Verfahrensfairness im Raum, andererseits befindet sich die Sache nach eigener Verfahrenslogik bereits in einer Phase, in der die Beteiligten mit dem Ende des ersten großen Verhandlungsabschnitts rechnen. Dass sich die Verteidigung gerade jetzt bewegt, passt zudem zu dem, was sich prozessual häufig abzeichnet: Neue Erkenntnisstände, Umstände aus parallel laufenden Verfahren oder organisatorische Entwicklungen können die Frage aufwerfen, ob ein Abwarten rechtlich geboten ist.
Der Kern des Arguments liegt bei Kraußflächs Wunsch, den Ausgang eines separaten Betrugsverfahrens abzuwarten, das gegen eine frühere Wirecard-Managerin läuft. Diese war laut Darstellung im Ausgangsprozess mutmaßlich an einer zentralen Phase des 2020 aufgedeckten Milliardenbetrugs beteiligt und habe dabei eine wichtige Rolle gespielt. Die Verteidigung stellt die Aussagekraft der Frau für die Wahrheitsfindung in den Mittelpunkt; ohne sie, so der Gedanke hinter dem Antrag, könne das Risiko steigen, dass das Hauptverfahren zu stark auf andere Beweispunkte abstellt. Kraußfläch knüpft dabei an eine konkrete Befürchtung an: Sie will verhindern, dass der Prozess zu einem Fehlurteil zu Lasten von Herrn Dr. Braun führt.
Aus Sicht der Anklagebehörde steht dem ein anderes Kalkül gegenüber. Die Staatsanwaltschaft sieht keinen Grund, den Ablauf auszusetzen. Der Vorsitzende Richter erklärte dazu, man werde den Antrag „wahrscheinlich sehr zeitnah“ entscheiden. Dabei spielt auch die Einordnung der Rolle der in Singapur lebenden Managerin eine Rolle: Sie war den deutschen Strafverfolgern über Jahre nicht greifbar, wurde aber Anfang dieses Jahres ausgeliefert. Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz hatte bereits im Juli Anklage gegen sie erhoben. In dem früheren Systemkontext wird zudem beschrieben, dass die Managerin im Vertrieb für Asien zuständig gewesen sei und eng mit dem seit 2020 untergetauchten früheren Vertriebsvorstand Jan Marsalek zusammengearbeitet haben soll.
Technisch betrachtet ist der Begriff „Wahrheitsfindung“ in Strafverfahren natürlich kein Ingenieursproblem, aber er folgt einem ähnlichen Prinzip wie in der Datenanalyse: Man braucht belastbare Belege, die sich zeitlich und sachlich stimmig in das Gesamtbild einordnen lassen. Die Verteidigung argumentiert hier, dass die Aussage dieser Zeugin früher im Prozess hätte eine Rolle spielen können oder sollen. Laut Darstellung hat sie jedoch von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Im Raum steht damit nicht nur die Frage, ob die Person als Zeugin zur Verfügung stand, sondern auch, wie die Beweiswürdigung im Hauptverfahren ohne oder mit eingeschränkten Angaben zu einer tragfähigen Gesamtschau kommt. Dass die Rolle „für die Wahrheitsfindung von zentraler Bedeutung“ sei, ist damit der zentrale Brückengedanke zwischen dem parallel laufenden Verfahren und der Frage, ob im Hauptprozess eine Aussetzung rechtlich sinnvoll ist.
Während die juristische Auseinandersetzung ums Timing läuft, zeichnet sich zugleich ein weiterer, für den Prozessausgang entscheidender Kontext ab: Markus Braun steuert laut Berichterstattung auf eine mögliche Verurteilung zu. Seine Verteidigung betont allerdings, er sei nicht Täter, sondern Opfer der wahren Betrügerbande, zu der nach Darstellung auch Marsalek gehören soll. Brauns Unschuld wird mehrfach beteuert. Gleichzeitig macht das Gericht in der öffentlichen Prozessbeobachtung eine wichtige juristische Unterscheidung deutlich: Das Gericht darf nicht vorverurteilen, kann aber erkennen lassen, wie es die Verteidigungsstrategie bewertet. Der Vorsitzende Richter hatte im Vorfeld des Aussetzungsantrags Brauns Verteidigungsansatz bereits als „nicht nachvollziehbar“ und „nicht schlüssig“ bezeichnet. Dazu kommt ein faktischer Druckpunkt, der in Untersuchungshaft besonders spürbar ist: Braun sitzt seit über sechs Jahren ununterbrochen in Untersuchungshaft.
Unter der Annahme, die Richter würden Brauns Sicht als vollständig überzeugend ansehen, müsste ein Freispruch konsequenterweise auch eine Aufhebung des Haftstatus nach sich ziehen. Genau daran knüpft die Aussetzungsdebatte indirekt an: Wenn die Kammer der Auffassung ist, dass zusätzliche Beweise oder die Klärung in einem anderen Verfahren das Risiko einer falschen Tatsachengrundlage verringern, kann das eine Aussetzung nahelegen. Umgekehrt gilt: Wenn das Gericht den Antrag ablehnt, setzt es ein Signal, dass es die vorhandene Beweislage als ausreichend tragfähig einschätzt, um im Hauptverfahren zu einem Urteil zu kommen. Für alle Prozessbeteiligten ist die kurzfristige Entscheidung daher mehr als ein formaler Zwischenschritt; sie entscheidet darüber, ob sich die Verfahrensmaschinerie im engeren Zeitfenster fortsetzt oder ob sie durch eine vollständige Neuauflage faktisch neu gestartet wird.
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