WOLFSBURG / BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – VW-Chef Oliver Blume bringt längere Arbeitszeiten für rund 130.000 Beschäftigte in Deutschland ins Spiel. Er argumentiert, dass die Arbeitskosten hier etwa doppelt so hoch seien wie in anderen europäischen Ländern, in denen VW tätig ist. Neben mehr Jahresarbeitszeit nannte er auch eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich als möglichen Verhandlungspunkt. Gleichzeitig läuft der Konzern nach der Kündigung mehrerer Tarifverträge weiter auf eine neue Runde der Grundsatzdebatte zu.

VW zieht die Arbeitszeitfrage offen auf den Verhandlungstisch: Oliver Blume, Chef des Volkswagen-Konzerns, hat höhere Arbeitszeiten für die rund 130.000 Beschäftigten in Deutschland als Option in die Diskussion gebracht. Im Kern geht es um den Kostenabstand. Blume verweist darauf, dass die Arbeitskosten in Deutschland etwa doppelt so hoch lägen wie in anderen europäischen Ländern, in denen VW aktiv ist. Damit verschiebt sich die Debatte weg von allgemeinen Sparankündigungen hin zu konkreten Stellschrauben im tariflich geprägten Arbeitsalltag.
Aus dieser Logik heraus nennt Blume mehrere Ansatzpunkte, darunter eine höhere Jahresarbeitszeit. Praktisch kann das bedeuten, dass weniger Urlaubstage als bisher die verfügbare Arbeitszeit erhöhen. Noch konkreter wird es bei der Überlegung, die Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich anzuheben. Damit würde der Konzern nicht nur über Kalender- oder Urlaubsmodelle arbeiten, sondern die regelmäßige Arbeitsbelastung neu strukturieren. Blume ordnet das als Thema ein, das in den kommenden Wochen und Monaten verhandelt werden müsse.
Die Ausgangslage dafür ist bereits geschaffen: Volkswagen hat am Mittwoch zehn Tarifverträge gekündigt, darunter auch den Manteltarifvertrag, der unter anderem Arbeitszeit und Urlaubstage regelt. Der Konzern verbindet die Kündigungen offenbar mit dem Ziel, den „Raum für Verhandlungen“ zu öffnen. Aus Arbeitnehmersicht stößt dieser Schritt allerdings auf scharfe Kritik, und es wird Widerstand angekündigt. Hintergrund ist zudem ein Beschluss aus dem Aufsichtsrat vor rund einem Monat, der umfangreiche Sparmaßnahmen vorsieht, darunter Milliarden beim Personal; der Vorstand will dazu auch Zehntausende Stellen abbauen.
Technisch und wirtschaftlich zeigt sich hier ein typisches Muster aus der Industrie: Mehr Arbeitszeit kann kurzfristig helfen, Kapazitätsengpässe abzufedern und im Zeitverlauf sogar den Bedarf an zusätzlicher Personalaufstockung zu reduzieren. In Bereichen, in denen heute Mehrarbeit anfällt und der Autobauer deshalb zusätzliche Menschen einstellt, könnte eine Verlängerung der Arbeitszeit laut Konzernlogik die Kosten unmittelbar senken. Anders gelagert ist es jedoch in Organisationseinheiten mit Personlüberschuss, wo eine längere Arbeitszeit keinen Sinn ergebe. Diese Differenzierung ist wichtig, weil sie erklärt, warum Arbeitszeitmodelle im Werkalltag selten als „einheitliche Lösung“ funktionieren, sondern stark von Schichtplanung, Auslastung und Qualifikationsmix abhängen.
Damit wird eine Grundsatzdebatte neu entfacht, denn die 35-Stunden-Woche ist in der deutschen Autoindustrie bei tarifgebundenen Unternehmen zwar verbreitet, aber nicht gesetzlich zwingend. In der Vergangenheit hat vor allem Mercedes-Benz eine ähnliche Diskussion angestoßen. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hatte dort die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche für dasselbe Gehalt angeregt und damit das Thema Arbeitsstunde und Kostenrelation wieder in den Mittelpunkt gerückt. Auch bei BMW und in der Industrie gab es zuletzt Anfragen, die 35-Stunden-Woche infrage zu stellen. Aus Gewerkschaftssicht ist der Widerstand dagegen klar formuliert: Die IG Metall kündigte an, die Regelung nicht kampflos aufzugeben, und verwies bei Aktionen auf die Notwendigkeit, die 35 Stunden als tarifliches Fundament zu verteidigen.
Für VW entsteht nun eine Konfliktlage, die zugleich arbeitsrechtlich, betriebswirtschaftlich und strategisch ist. Die Tarifkündigungen und die gleichzeitig geplanten Personalmaßnahmen legen nahe, dass der Konzern im Ergebnis eine Mischung aus Produktivitätshebel (Arbeitszeit), Kapazitätssteuerung (Personalabbau) und Kostenanpassung durchsetzen will. Für Unternehmen in der Liefer- und Zulieferkette kann das indirekt ebenfalls Wirkung entfalten: Steigen oder verändern sich Arbeitszeitmodelle bei OEMs, verschieben sich oft auch Taktzeiten, Schichtfenster und die Planbarkeit für Material- und Logistikprozesse. Welche konkreten Wochenarbeitszeiten VW am Ende vorschlägt, war zuletzt noch nicht klar; ebenso offen bleibt, wie sich die Verhandlungen auf die Balance zwischen Kostendruck und sozialer Absicherung auswirken.
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