LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie von Imperial College und Emlyon Business School untersucht, wie Anleger bei Venture-Backed-Startups Betrug nicht nur übersehen, sondern teils indirekt mit ermöglichen können. Die Forscher beschreiben eine Eskalation von übertriebenen Erfolgsversprechen über gefälschte Belege bis hin zu Inszenierungen bis in die Technik. Grundlage ist eine Datenbank zu Zivil- und Strafverfahren wegen Wertpapierbetrugs zwischen 2000 und 2023. Im Fokus steht damit weniger die Frage „Täter allein“ als die Rolle von Erwartungen, Governance und wiederholter Finanzierung.

Unternehmerisches Fehlverhalten im Startup-Kontext wird in der Praxis oft auf einzelne Gründerpersönlichkeiten reduziert. Genau diese Perspektive greift eine neue Untersuchung von Imperial College und Emlyon Business School an, indem sie Investoren als aktiven Faktor im Entstehungsprozess von Wertpapierbetrug in den Blick nimmt. Die Autoren stellen nicht infrage, dass es Betrugshandlungen gibt, sie verschieben aber die Ursache: Zwischen Erwartungsdruck, Bewertungslogik und wiederholter Finanzierung können Fehlanreize entstehen, die Täuschung stabilisieren. Besonders auffällig ist, dass die Arbeit die typischen Muster nicht nur narrativ beschreibt, sondern aus einer systematischen Auswertung von Gerichtsverfahren ableitet.
Dafür haben die Forschenden laut Auswertung eine Datenbank aufgebaut, die zivil- und strafrechtliche Verfahren zu Securities-Fraud von 2000 bis 2023 erfasst. Dabei spielten sowohl die US-Wertpapieraufsicht (SEC) als auch das US-Justizministerium (Department of Justice) in vielen Fällen eine Rolle. Aus technischer Sicht ist an der Methodik vor allem die Operationalisierung interessant: Die Studie versucht, aus rechtlichen Dokumenten und Verfahrensbezügen eine Art „Eskalationsmodell“ abzuleiten. Das ist inhaltlich relevant, weil die Darstellung zeigt, wie aus einem anfänglichen Übertreiben Schritt für Schritt eine belastbare Täuschungsinfrastruktur wird, die sich schwerer allein durch moralisches Fehlverhalten erklären lässt.
Die Studie arbeitet dabei drei zunehmend unehrliche Stufen heraus, die sie im Kontext des betrugstypischen „Verblassens“ bzw. „faßadierenden“ Vorgehens unterscheidet. In der ersten Phase geht es um Aussagen der Gründer über den Erfolg oder die Aussichten der Firma, wobei die Forschenden betonen, dass sich solche Behauptungen von einer rein visionären Marketing-Story abgrenzen lassen. Sobald diese Schicht etabliert ist, folgt die zweite Stufe: gefälschte Belege. Als anschauliches Beispiel wird die Inszenierung eines mobilen Test-Setups genannt, das nicht echte Kundendaten, sondern Vertragsunterlagen, Rechnungen und daraus abgeleitete Umsatzzahlen produziert. Genau diese dokumentenbasierte Nachweiskette senkt die kognitive Hürde für eine Investitionsentscheidung und bindet spätere Korrekturen an hohe Kosten, weil das „Befundbild“ bereits in die Investment-Logik eingegangen ist.
Mit der dritten Stufe verschiebt sich der Betrug schließlich von Unterlagen hin zur technologischen Ausgestaltung. Die Arbeit beschreibt diese Eskalation als Aufbau von „parallelen Realitäten“ um die falschen Behauptungen herum, inklusive gefälschter Demos. Aus Compliance- und Engineering-Perspektive ist das ein Kernpunkt: Wenn eine Demonstration nicht nur ein Pitch-Slide ist, sondern z. B. durch technische Ablaufbilder, vermeintlich echte Integrationen oder kontrollierte Testumgebungen unterstützt wird, werden Due-Diligence-Prozesse stärker abhängig von kurzfristig verifizierbaren Signalen. Gleichzeitig wird klar, warum die in Startups häufig vorhandene Geschwindigkeit ein Risiko verstärken kann: Je schneller Wachstum und Skalierung „beweisbar“ gemacht werden müssen, desto eher gewinnen externe Validierungsmechanismen an Bedeutung.
Die Untersuchung führt zudem aus, dass Investoren-Erwartungen und der Umgang mit Abweichungen eine Rolle spielen können. Unangemessen hohe Ziele für schnelles Wachstum werden dabei als potenzieller Treiber für Fehlverhalten genannt, weil sich Lücken zwischen Versprechen und realen Ergebnissen sonst nur schwer erklären lassen. Daneben adressiert die Studie einen subtilen Mechanismus: Einige Investoren stützen Gründer auch dann weiter, wenn bereits Vorwürfe im Raum stehen. Damit kann sich Betrug (oder zumindest Täuschung) in der Wahrnehmung normalisieren, selbst wenn niemand aktiv „fälscht“. Der Impuls ist also weniger „Schuldzuweisung“, sondern ein Governance-Thema: Wenn Finanzierungsrunden zum Selbstzweck werden, steigen die Kosten für eine Korrektur, während die Belohnung für die Fortsetzung steigt.
Um die Diskussion zu bremsen, bringt die Arbeit zusätzlich Ergebnisse aus einem separaten Forschungsvorhaben der University of Toronto ein, das 654 Betrugsfälle gegen US-venture-backed Startups über den Zeitraum 2000 bis 2023 hinweg betrachtet. Dabei fanden die Autorinnen und Autoren wenig Evidenz dafür, dass entsprechende Vorwürfe Gründer dauerhaft daran hindern, erneut Kapital für ein neues Startup einzusammeln – selbst dann nicht, wenn die Fälle medial stark präsent waren. Ergänzend wird die Rolle der Board-Strukturen herausgestellt: Gründerkontrollierte Boards sollen demnach doppelt so häufig in Verbindung mit Betrug stehen wie investor-controlled oder gemeinsam kontrollierte Modelle. Auch der Marktbezug spielt eine statistische Rolle, denn Startups, die in „überhitzten“ Märkten mit schwacher Aufsicht starten, sollen laut dieser Auswertung später 19% häufiger Betrug begehen.
Aus den Befunden leiten die Forschenden konkrete Forderungen ab, die über reine Rückschau hinausgehen. Tim Weiss schlägt als Ansatz vor, dass die SEC routinemäßige Prüfungen bzw. Untersuchungen und formale Audits veranlasst, sobald Startups eine bestimmte Investitionsschwelle überschreiten. Wichtig ist dabei die Logik der Timing-Frage: Die Aufsicht wartet in der Regel eher auf Whistleblower-Hinweise oder Klagen, statt proaktiv früher einzusteigen. Gleichzeitig richtet sich der Blick auch auf Investoren selbst: Wenn Anleger Gründer durch harte, unrealistische Wachstumsvorgaben indirekt in Richtung Täuschung drängen, sollte das Verantwortungsprinzip stärker in den Investitionsprozess integriert werden. Für die Praxis bedeutet das vor allem, dass Due Diligence weniger als einmalige Hürde verstanden wird, sondern als fortlaufende Validierung von Zahlen, Verträgen und technischen Nachweisen.
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