ULM / LONDON (IT BOLTWISE) – In Ulm startet ein Strafverfahren gegen drei junge Männer und eine Frau wegen Bauschaum-Attacken auf hunderte Fahrzeuge. Laut Staatsanwaltschaft sollen die Angeklagten Bauschaum in Abgasrohre gefüllt und Aufkleber mit der Botschaft „SEI GRÜNER!“ angebracht haben. Der entstandene Schaden soll mehr als 13.000 Euro betragen. Die Ermittler ordnen die Taten in einen möglichen Einflussversuch auf die Bundestagswahl 2025 ein, während das Bundesamt für Verfassungsschutz seit längerem vor Rekrutierungsversuchen russischer Geheimdienste warnt.

Vor Gericht geht es in Ulm um eine Form der Sabotage, die auf den ersten Blick banal wirkt, in der Praxis aber erhebliche Folgeschäden nach sich ziehen kann: Bauschaum, der in Abgasrohre von Autos eingebracht und anschließend ausgehärtet wird. Laut Anklage standen dabei hunderte Fahrzeuge im Fokus, verteilt auf mehrere Orte in vier Bundesländern. Die Strafverfolgung richtet sich gegen drei junge Männer und eine Frau im Alter von 18 bis 21 Jahren; zum Auftakt sind zunächst zwei Zeugen vorgesehen, wie eine Sprecherin des Amtsgerichts erklärte.
Technisch betrachtet besteht das Risiko für Autobesitzer weniger im „Zerstörungsprinzip“ als in der mechanischen und thermischen Unverträglichkeit ausgehärteten Materials im Abgaskreislauf. Ist der Montageschaum einmal ausgehärtet, lässt er sich laut Darstellung der Ermittler nicht mehr so leicht entfernen, was Funktionsstörungen am Abgassystem begünstigen kann. Zusätzlich soll die Gruppe nach Angaben der Anklagebehörde nicht nur Schaden verursacht, sondern auch eine Botschaft inszeniert haben: An den betroffenen Fahrzeugen seien Aufkleber mit dem Schriftzug „SEI GRÜNER!“ sowie ein Bild des damaligen grünen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck angebracht worden.
Die juristische Einordnung lautet gemeinschaftliche Sachbeschädigung. Der von der Staatsanwaltschaft genannte Schaden bewegt sich dabei über der Schwelle, die viele Fälle in der Kategorie „Bagatelle“ verschwinden lässt: Es soll sich um mehr als 13.000 Euro handeln. Dass eine einzelne, leicht zugängliche Substanz wie Bauschaum zu einem wiederholten Muster wird, ist ein klassisches Merkmal solcher Deliktserien, weil Täter damit einen standardisierten Ablauf erzeugen können: Werkstoff vorbereiten, in einen gezielt ausgewählten Bereich einbringen, aushärten lassen, anschließend die Störung abwarten. Genau diese Wiederholbarkeit macht die Taten aus Ermittlersicht auch „nutzbar“ für eine flankierende politische Botschaft.
Besonders brisant ist der von der Staatsanwaltschaft skizzierte Hintergrund. Im Kern wird laut Anklagebehörde ein Einflussversuch auf die Bundestagswahl 2025 vermutet, also nicht nur spontane Frustration an Einzelfahrzeugen, sondern ein strategisches Ziel. In diesem Zusammenhang heißt es, ein Auftraggeber habe die Aktionen gezielt ausgelöst, um das Wahlverhalten in Deutschland zu beeinflussen; als Gegenleistung seien 100 Euro je beschädigtem Auto versprochen worden. Dass damit eine Verbindung nach Russland hergestellt wird, ist als Behauptung in den Ermittlungen angelegt: Der Prozessauftakt steht unter dem Eindruck, dass frühere Hinweise auf eine Beauftragung durch einen wohl serbischen Staatsangehörigen aus Russland hindeuteten, wobei dessen Identität weiterhin ungeklärt ist.
Auch sicherheitspolitisch ordnen die Behörden das Muster ein, und hier kommt das Bundesamt für Verfassungsschutz ins Spiel. Laut Darstellung warnt die Behörde seit längerem vor Versuchen russischer Geheimdienste, in Deutschland „Wegwerfagenten“ zu rekrutieren. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um offiziell angestellte Geheimdienstmitarbeiter, sondern um Personen, die für Sabotage, Propaganda oder Ausspähung eingesetzt werden. Die Ermittlungen, so die Einordnung, passen damit in das Bild einer „hybriden Bedrohung“, die Deutschland vor allem seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ausgesetzt sei.
Für die Betroffenen bleibt trotzdem vor allem die konkrete Alltagsebene entscheidend: Ein Auto ist ein technisches System mit enger Toleranzkette, und Sabotage an der Abgasführung kann je nach Fahrzeugtyp zu Reparaturen führen, die Zeit und Geld kosten. Für Unternehmen und Infrastrukturbetreiber ist der Fall zugleich ein Hinweis darauf, wie schnell physische Störaktionen mit informatorischer Wirkung zusammenfallen können, selbst wenn der operative Teil wie ein „handwerklicher“ Eingriff aussieht. Auffällig ist außerdem, dass die Ermittlungen gegen die „Drahtzieher“ nach früheren Angaben der Staatsanwaltschaft inzwischen eingestellt worden sein sollen; wie sich die verbleibenden Annahmen im Gerichtssaal erhärten oder widerlegen, wird sich daher im weiteren Prozessverlauf zeigen.
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