LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Psychological Science zeigt einen deutlichen Einbruch der psychischen Gesundheit bei Eltern transgender Jugendlicher direkt nach der US-Präsidentschaftswahl 2025. Während Eltern cisgeschlechtlicher Jugendlicher ähnlich hohe Ausgangswerte hatten, stiegen bei den Eltern transgender und nichtbinärer Jugendlicher Depression und Angstwerte in den Wochen nach der Amtseinführung stärker an. Als mögliche Erklärung nennen die Forschenden vor allem erhöhte Sorgen und wahrgenommene institutionelle Signale, nicht fehlende soziale Unterstützung. Auch wenn die Jugendlichen selbst weniger stark reagierten, blieb der Unterschied bei der Angstentwicklung auch über den Beobachtungszeitraum hinweg sichtbar.

Die Ergebnisse einer Studie aus dem Bereich der Psychologie wirken vor allem im Familienalltag nach: Nach der US-Präsidentschaftseinführung 2025 verschlechterte sich die psychische Gesundheit der Eltern von transgender und nichtbinären Jugendlichen messbar schneller als die von Eltern cisgeschlechtlicher Jugendlicher. Die Untersuchung ordnet diesen Effekt nicht als isolierte Stimmungswelle ein, sondern als unmittelbare Reaktion auf einen politischen Stimmungsumschwung. Im Kern geht es damit um die Frage, wie stark institutionelle Signale – also öffentliche Botschaften durch politische Entscheidungen – auf das Wohlbefinden von Menschen einwirken, die selbst direkt von diesen Signalen betroffen sind, aber auch auf deren engste Bezugspersonen.
Veröffentlicht wurde die Arbeit in Psychological Science. Die Forscherinnen und Forscher um Rachel A. Leshin von der Princeton University verglichen die psychischen Verläufe zweier Gruppen: transgender oder nichtbinäre Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren zusammen mit ihren Eltern, versus cisgeschlechtliche Jugendliche und deren Eltern. Insgesamt flossen Daten von 160 Jugendlichen und 167 Eltern in die Analysen ein; 73 Jugendliche identifizierten sich als transgender oder nonbinary, 87 als cisgender. Die Teilnehmenden wurden aus großen, bereits laufenden Längsschnittstudien zur Entwicklung von Geschlechtsidentität in den USA rekrutiert, was wichtig ist, weil dadurch bereits vorhandene Ausgangslagen und typische Schwankungen besser eingeordnet werden können.
Entscheidend ist der zeitliche Schnitt der Datenerhebung: Das Forschungsteam kombinierte jährliche Messungen aus der Phase 2022 bis 2024 mit wöchentlichen Selbstberichten in den sieben Wochen nach der Amtseinführung im Januar 2025. Jugendliche und Eltern füllten dabei getrennte Fragebögen aus, die Depression, Angst und positive emotionale Zustände abbildeten. Dabei ging es nicht um abstrakte Selbsteinschätzungen, sondern um die Häufigkeit konkreter Symptome innerhalb der jeweils letzten Tage – etwa das Gefühl, Traurigkeit nicht abstellen zu können, oder das Grübeln vor dem Einschlafen. Schon in dieser Primärauswertung wird sichtbar, dass die Gruppen zuvor weitgehend vergleichbare Werte hatten, sich aber nach dem politischen Ereignis klar auseinanderbewegten: Eltern transgender Jugendlicher berichteten nach der Amtseinführung höhere Depressionswerte und weniger positive Emotionen als Eltern cisgeschlechtlicher Jugendlicher.
Auch bei der Angst zeigt die Studie eine besonders klare Dynamik. Zwar lag der Angstgrad bei Eltern transgender Jugendlicher schon vor der Wahl höher als bei der Vergleichsgruppe, doch nach der Amtseinführung verdoppelte sich die Differenz in den folgenden Wochen. Um auszuschließen, dass dieser Effekt nur Reflex einer Wahlentscheidung oder einer eigenen Geschlechtsidentität der Eltern ist, führten die Forschenden zusätzliche Analysen durch, indem sie wenige Eltern herausnahmen, die für den damaligen Amtsinhaber gestimmt hatten oder selbst transgender bzw. gender-divers waren. Die Muster blieben bestehen, was die Interpretation stärkt, dass hier nicht primär „Abstimmungspräferenzen“ als solche die Unterschiede erklären, sondern der Kontext politischer Entscheidungen. In einer zweiten, ergänzenden Auswertung über acht Wochen um das Ereignis herum zeigte sich zudem ein linearer Anstieg von Angst und Depressionswerten bei den Eltern transgender Jugendlicher, während die Werte bei den Eltern cisgeschlechtlicher Jugendlicher stabiler blieben.
Spannend ist dabei auch, welche Faktoren die Forschenden als Mechanismen prüfen. Für die Erklärung der Eltern-Effekte analysierten sie wöchentliche Angaben zu elterlicher Sorge und zu wahrgenommener sozialer Unterstützung. Explorative Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein höheres Maß an Sorge über die Kinder einen Teil der unterschiedlichen psychischen Verläufe erklären könnte. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren, dass die kausale Richtung nicht eindeutig festgelegt werden kann: Die Daten zeigen die zeitliche Parallelität, lassen aber offen, ob die Sorge zuerst stärker ansteigt und dann die psychische Belastung treibt, oder ob beide Entwicklungen aus dem gleichen Kontextstress entstehen. Sozialer Rückhalt unterschied sich hingegen nicht systematisch zwischen den Gruppen und konnte die Belastung offenbar nicht ausreichend abfedern – ein Hinweis darauf, dass „Community“ allein nicht automatisch gegen den Stress schützt, der aus einem neuen, als feindlich wahrgenommenen politischen Umfeld folgt.
Bei den Jugendlichen selbst verlief die Geschichte deutlich weniger dramatisch. In der Hauptvergleichslogik zwischen Vor- und Nach-Ereignis-Zeitraum waren die Unterschiede im Wohlbefinden zwar vorhanden, aber in den meisten Modellen subtil und nicht eindeutig statistisch signifikant. Transgender Jugendliche zeigten allerdings einen Rückgang positiver Emotionen nach der Amtseinführung. Wenn es Unterschiede gab, dann am konsistentesten bei Angst: Während die Angstwerte cisgeschlechtlicher Jugendlicher im postinauguralen Zeitraum abnahmen, blieb sie bei transgender Jugendlichen stabil. Um zu verstehen, warum die elterliche Belastung stärker hervortritt als die der Jugendlichen, werteten die Forschenden außerdem offene Antworten aus, bei denen zwei unabhängige, gegenüber den demografischen Daten verblindete Auswerter die Aussagen kodierten. Eltern transgender Jugendlicher erwähnten demnach deutlich häufiger explizit transgenderbezogene Themen und äußerten ausgeprägtere negative Emotionen als die Jugendlichen selbst – etwa in Form von Aussagen, die nahelegen, dass die wöchentliche Erfahrung von Angst und Entsetzen bei Eltern früher und stärker greifbar wird.
Als plausible Einordnung nennt das Autorenteam einen Unterschied in der Perspektive: Eltern antizipieren langfristige Risiken offenbar intensiver als Jugendliche. Zudem lagen die exekutiven Anordnungen, die auf transgender Jugendliche zielten, zum Zeitpunkt der Befragungen laut Studie zwar vielfach weiterhin unter gerichtlichem Stopp und hatten den Alltag vieler Teilnehmender noch nicht vollständig verändert. Genau diese Lücke – institutionelles Signal bereits spürbar, unmittelbare Alltagsfolgen (noch) nicht überall eingetroffen – kann erklären, warum Eltern dennoch sofort psychisch reagieren. Gleichzeitig zeigt die Studie Grenzen in ihrer Übertragbarkeit: Die Stichprobe bestand überwiegend aus liberal eingestellten, unterstützenden Eltern und war außerdem in weiten Teilen weiß, hochgebildet und mit höherem Einkommen. Ob sich die Muster bei Familien mit anderen politischen Einstellungen oder mit größerer Diversität in Bezug auf Herkunft und sozioökonomischen Status in gleicher Weise zeigen, bleibt offen und erfordert weitere Forschung. Auch die Gruppengrößen deuten darauf hin, dass die Effekte bei Jugendlichen kleiner und weniger konsistent waren als bei den Eltern, weshalb Folgeuntersuchungen mit größeren Stichproben sinnvoll wären.
Für Unternehmen, Bildungsträger und medizinische Versorgungsstrukturen ist die Botschaft weniger eine politische als eine psychosoziale: Politische Klimaveränderungen können über „Signale“ und Antizipation indirekt Belastungsreaktionen erzeugen – besonders bei Menschen, die Verantwortung für das sichere Aufwachsen ihrer Kinder tragen. Praktisch bedeutet das, dass Beratungsangebote und psychotherapeutische Unterstützung für Familien nicht nur auf akute Vorfälle reagieren sollten, sondern auch auf Phasen, in denen Unsicherheit zunimmt und Zukunftsszenarien wieder stärker in den Vordergrund rücken. Gleichzeitig unterstreicht die Studie, dass soziale Unterstützung zwar wichtig ist, aber nicht automatisch ausreicht, um den Effekt institutioneller Kontextwechsel zu neutralisieren. Künftige Arbeiten sollten deshalb die langfristigen Verläufe prüfen: Ob sich eine anhaltende Verschlechterung der Eltern psychisch später in Veränderungen bei den Jugendlichen übersetzt, oder ob Jugendliche trotz Belastung eine stabilere Resilienz aufbauen, ist eine zentrale offene Frage.
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