LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft wächst Deutschlands Wirtschaft in den letzten sechs Jahren im Schnitt nur um 0,2 Prozent pro Jahr. Dieses Plus soll rechnerisch vor allem auf sehr hohe staatliche Ausgaben zurückgehen, ohne die das BIP sogar geschrumpft wäre. Besonders schwach sei die Privatwirtschaft: Investitionen in Wohn- und Gewerbebauten sowie in Maschinen und Fahrzeuge gingen deutlich zurück. Als Gegengewicht werden steigende Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie Software und Datenbanken genannt.

Deutschlands Wachstum wirkt derzeit klein genug, um leicht übersehen zu werden: In den letzten sechs Jahren soll die Wirtschaft im Schnitt nur um 0,2 Prozent pro Jahr zugelegt haben. Entscheidend ist dabei nicht nur die magere Dynamik, sondern die Aufteilung hinter der Zahl. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die vorab ausgewertet wurde, kommt das rechnerische Plus vor allem aus dem öffentlichen Sektor. Besonders deutlich wird das Bild, wenn man die staatlichen Impulse aus der Rechnung herausnimmt: Ohne diese Ausgaben wäre die Wirtschaftsleistung sogar gesunken. Das stellt die Frage, ob das bestehende Wachstumsmodell auf Dauer trägt – oder ob sich die Wirtschaft zu stark auf fiskalische Stützen verlässt.
Im Detail verortet die IW-Analyse die Schwäche in der Privatwirtschaft. Unternehmen und private Haushalte hätten demnach in den Jahren 2020 bis 2025 rechnerisch kaum zum Wachstum beigetragen. Bei den Investitionen wird ein Rückzug sichtbar, der sich in mehreren Bereichen gleichzeitig bemerkbar macht: Ausgaben für Wohn- und Gewerbebauten sowie für Maschinen und Fahrzeuge seien deutlich zurückgegangen. Das ist aus technologie- und industriepolitischer Sicht relevant, weil gerade solche Investitionen die Produktionskapazitäten und Modernisierungsschübe liefern, die später in Produktivität, Lieferfähigkeit und im Arbeitsmarkt spürbar werden. Im IW-Kontext werden als Treiber der Zurückhaltung unter anderem Geschäftseinbrüche nach der Corona-Pandemie genannt, zusätzlich Lieferkettenprobleme, unsichere Finanzierungsbedingungen und Handelskonflikte. Auch geopolitische Schocks werden explizit aufgeführt, darunter der russische Überfall auf die Ukraine.
Dass das nicht nur eine kurzfristige Konjunkturschwäche ist, versucht das IW über den Investitionsabgleich zwischen Staat und Privatwirtschaft zu unterstreichen. Für das zweite Quartal 2026 nennt die Studie eine preisbereinigte Entwicklung der öffentlichen Investitionen, die rund 20 Prozent über dem Jahresdurchschnitt von 2019 liegen soll. Privatwirtschaftliche Investitionen lägen demgegenüber um mehr als zehn Prozent unter diesem Referenzwert. Diese Gegenüberstellung macht den Kern des Befunds greifbar: Es verschiebt sich nicht nur die Ausgabenstruktur, sondern offenbar auch die Zeitachse, wann produktive Kapazität entsteht. Der IW-Konjunkturexperte Michael Grömling wird mit der Einschätzung zitiert, dass „ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem auf Dauer nicht normal“ sei, wenn Investitionen in der Breite ausbleiben und der Staat die Wachstumsbilanz trägt.
Technisch betrachtet steckt hinter der wirtschaftlichen Diagnose auch eine klare Infrastruktur- und Anlagenlogik. Wenn Maschinen und Anlagen nicht ausreichend modernisiert werden, sinkt die Qualität der Produktionsmittel über Jahre hinweg – und damit die ökonomischen Möglichkeiten, aus gegebenen Ressourcen mehr Wert zu schöpfen. In der Studie wird genau darauf verwiesen: Die Daten deuteten darauf hin, dass die Modernisierung in Deutschland zuletzt nicht im nötigen Umfang erfolgt sei. Grömling warnt zudem vor Folgen, die über einzelne Quartale hinausreichen: Eine schwächere Modernisierung reduziere die Produktionsmöglichkeiten und damit den Wohlstand, der daraus langfristig entsteht. Gleichzeitig benennt die Analyse den Mechanismus, wie Unternehmen wieder investieren könnten: Neben staatlichen Investitionen und Konsumausgaben – etwa im Bildungsbereich – seien Konjunktur- und Wachstumsimpulse aus der privatwirtschaftlichen Investitionstätigkeit nötig, um den Produktivpfad zu stabilisieren.
Interessant ist dabei, dass die IW-Studie nicht nur ein düsteres Gesamtbild zeichnet. Als „einziger Lichtblick“ werden steigende Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie für Software und Datenbanken beschrieben. Das kann man als Hinweis lesen, dass sich ein Teil der Investitionslogik verlagert: Statt großer Capex-Wellen in Anlagen und Fahrzeugflotten entstehen offenbar mehr Mittel für digitale und wissensintensive Komponenten. Gleichzeitig bleibt aber die Frage, wie stark diese Verschiebung die zurückgehenden Bau- und Maschineninvestitionen ausgleichen kann. Der Text deutet darauf hin, dass der Ausgleich nicht vollständig gelingt: Der negative Effekt niedriger Unternehmensinvestitionen konnte auch durch den Konsum der privaten Haushalte nicht vollständig kompensiert werden. Für Entscheider bedeutet das: KI-nahe Software- und Dateninvestments allein reichen nicht, wenn Produktions- und Standortinvestitionen ausbleiben.
Für die Wirtschaftspolitik und für Unternehmen ergibt sich daraus ein doppelt praktisches Bild. Erstens: Fiskalische Stützung kann kurzfristig verhindern, dass die Bilanz kippt – aber sie ersetzt nicht die private Investitionsmaschine, wenn diese aus Unsicherheit, Finanzierungslücken oder operativen Problemen herausbremst. Zweitens: Wer heute Modernisierung plant, muss die Finanzierungslage und die Planbarkeit verbessern, sonst verschieben sich Investitionsentscheidungen zwangsläufig in die Zukunft. In der Industrie trifft das besonders Branchen, die von Maschinen- und Anlageninvestitionen abhängen, weil dort die Hürde für den „Runway“ oft länger ist als die Dauer eines Konjunkturaufschwungs. Damit wird die IW-Studie weniger zu einer abstrakten Wachstumsstory, sondern zu einem konkreten Hinweis auf Engpässe im Investitionszyklus – und darauf, dass digitale Fortschritte parallel zu physischen Modernisierungsprogrammen geführt werden müssen, wenn Wohlstand über Jahre gesichert werden soll.
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