ALBERTA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie mit 7.781 Männern in Alberta zeigt: Alkoholbezogene Probleme hängen deutlich mit Rückfällen zusammen, auch wenn Betroffene gleichzeitig über vergleichsweise starke soziale und kognitive Fähigkeiten verfügen. In den Daten traten innerhalb von drei Jahren bei 38% mindestens ein Rückfall und bei 20% eine neue Gewalttat auf. Überraschend war zudem, dass bestimmte Stärken in der Perspektiv- und vorausschauenden Denkfähigkeit bei manchen Gruppen mit höheren Rückfallquoten einhergingen. Die Arbeit empfiehlt deshalb, sowohl Alkoholinterventionen als auch Trainings sozial-kognitiver Fähigkeiten systematisch in der Betreuung unter Aufsicht zu integrieren.

Wenn Männer nach einer Verurteilung wegen Partnerschaftsgewalt unter gemeinschaftliche Aufsicht kommen, rückt häufig nur ein Faktor in den Fokus: Alkohol. Genau hier setzt die jetzt publizierte Untersuchung an, die die Verknüpfung zwischen alkoholbezogenen Problemen und sozialen beziehungsweise kognitiven Fähigkeiten als möglichen gemeinsamen Verstärker für neue Rückfälle prüft. Das Ergebnis ist für die Praxis bemerkenswert nüchtern: Alkohol und Fähigkeitsdefizite wirkten jeweils für sich riskant, aber sie schienen sich in den untersuchten Daten nicht in einer Weise zu addieren, die das Risiko bei Kombination überproportional erhöhen würde.
Die Studie unter Leitung von Crystal J. Giesbrecht und Kaila C. Bruer an der University of Regina stützt sich auf bereits vorhandene Erhebungs- und Nachbeobachtungsdaten. Analysiert wurden 7.781 Männer in Alberta, die zwischen 2009 und 2012 Partnerschaftsgewalt begangen hatten und anschließend eine Betreuung im Community-Setting starteten. Die Altersverteilung lag zwischen 18 und 84 Jahren, im Mittel bei rund 35, etwa 27% der Teilnehmenden waren indigener Herkunft. Insgesamt macht die Konstruktion deutlich, warum die Befunde eher für die Risikoeinschätzung und Programmplanung als für die kausale Erklärung taugen: Es handelt sich um eine Auswertung realer Entscheidungs- und Erfassungsprozesse, nicht um einen kontrollierten Eingriff.
Erfasst wurde die Ausgangslage mit dem Service Planning Instrument, das Betreuungspersonen bei Beginn der Aufsicht ausfüllen. Es kombiniert Interviewdaten, Aktenlage, frühere Bewertungen sowie Informationen aus Umfeldquellen wie Familie, Partnerinnen oder Arbeitgebern. Als Endpunkte galten innerhalb von drei Jahren sowohl allgemeine Rückfälle, also etwa neue Anklagen oder Verstöße wie das Brechen von Auflagen, als auch gewalttätige Rückfälle, darunter Übergriffe oder das Aussprechen von Drohungen. In den Datensätzen zeigte sich zunächst eine breite Verbreitung von Alkohol: 93% der Männer tranken, ungefähr ein Drittel an mindestens drei Tagen pro Woche. Für etwa die Hälfte trug Alkohol zu ihrem strafrechtlichen Verhalten bei, bei 27% hatte der Konsum ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigt.
Die statistische Auswertung liefert dann die zentrale Richtung: Selbst nachdem andere Faktoren berücksichtigt wurden, waren Männer, deren Trinken ihre Funktionsfähigkeit gestört hatte, mit etwa 27% höheren Chancen auf irgendeinen Rückfall und rund 28% höheren Chancen auf gewalttätigen Rückfall verbunden. Alkoholbezogene kriminelle Verhaltensanteile zeigten in dieser Logik eine ähnliche Größenordnung für beide Endpunkte. Interessant ist dabei die Differenz zwischen Häufigkeit und Wirkung: Häufiges Trinken war zwar mit mehr allgemeinen Rückfällen assoziiert, aber nicht zuverlässig mit gewalttätigem Rückfall. Das legt nahe, dass nicht allein der Konsumstatus zählt, sondern die Frage, ob Alkohol als belastender Faktor im Alltag und im Verhaltenskontext wirksam wird.
Auch bei den sozialen und kognitiven Fähigkeiten finden sich mehrere Zielgrößen, wobei nicht alles das hält, was man aus früheren, vereinfachenden Modellen erwarten würde. Bei den Skill-Messungen erwiesen sich insbesondere Impulsivität als relevantes Merkmal für beide Rückfalltypen. Schwächere Zielsetzung und Planung standen vor allem mit irgendeinem Rückfall in Verbindung. Hostile Attributions, also die Tendenz, neutrale Handlungen als feindselig zu interpretieren, waren mit höherer Wahrscheinlichkeit für gewalttätiges Wieder-Delinquieren gekoppelt. Dagegen ließen sich Problem-Lösungsstrategien, Verhaltenskontrolle im engeren Sinne sowie zwischenmenschliche Kompetenzen nicht robust mit den Outcomes verbinden, sobald weitere Einflussgrößen im Modell kontrolliert wurden.
Besonders diskussionswürdig sind zwei Gegenbefunde: Männer ohne Probleme beim Perspektivnehmen hatten höhere Chancen auf allgemeine und gewalttätige Rückfälle, und ebenso waren fehlende Schwierigkeiten im vorausschauenden Denken mit gesteigerten Risiken für gewalttätige Rückfälle verbunden. Die Autorinnen und Autoren führen hierfür eine mögliche Erklärung an, die nicht auf einen simplen Schutzmechanismus hinausläuft: Bestimmte Fähigkeiten könnten, wenn Selbstkontrolle und prosociale Ziele fehlen, auch zur strategischen Steuerung anderer oder zur selbstdienlichen Navigation des Justizsystems beitragen. Gleichzeitig bleibt offen, ob hier im Datensatz nicht erfasste Variablen wirken, denn die Modelle erklären nur etwa 3% der Varianz bei irgendeinem Rückfall und rund 2% bei gewalttätigem Rückfall. Bei einem so komplexen Verhalten wie Rückfälligkeit ist das jedoch eher typisch als überraschend, weil viele relevante Einflüsse nicht vollständig in standardisierten Instrumenten abgebildet sind.
Für die Betreuung unter Aufsicht folgt aus der Studie ein pragmatischer Schluss: Alkoholprobleme und Skill-Defizite gehen zwar tendenziell miteinander einher, indem Männer mit beeinträchtigtem Alltag oder alkoholbezogenem Tatbeitrag häufiger in sämtlichen Skill-Bereichen schlechter bewertet wurden. Dennoch liefert die Analyse wenig Evidenz für eine echte Wechselwirkung, die das Risiko im Kombinationsfall über die Einzelwirkung hinaus anhebt. Daher spricht vieles dafür, beides parallel zu adressieren: Alkoholinterventionen als eigenständige criminogene Notwendigkeit sowie sozial-kognitive Trainings, statt Maßnahmen rein nach dem Muster zu priorisieren, ob Alkohol und bestimmte Fähigkeiten gleichzeitig „am schlechtesten“ abschneiden.
Konkrete Konsequenzen nennt die Arbeit bereits in der Logik der Daten: Beim Einstieg in die Aufsicht sollten sowohl Alkoholprobleme als auch soziale und kognitive Fähigkeiten systematisch gescreent werden, und Alkoholbehandlung sollte in Programme zur Partnerschaftsgewalt integriert werden. Solche Programme schließen in der Praxis mitunter Personen aus, die aktiv Substanzen konsumieren; zugleich ist der Zugang zu entsprechender Behandlung je nach Region und Versorgungslage unterschiedlich. Die Ergebnisse müssen dabei im Rahmen ihrer Grenzen gelesen werden: Es fehlten Informationen zu Opferbezug und Kontext, sodass die neuen Delikte nicht spezifisch als erneute Partnerschaftsgewalt gegen dieselbe Person eingeordnet werden können. Außerdem beruhen die Befunde auf offiziellen Aufzeichnungen, die Untererfassung nicht-polizeilich bekannt gewordener Taten einschließen. Schließlich zeigen Beobachtungsdaten Assoziationen statt Kausalität, und zukünftige Forschung sollte untersuchen, ob Alkohol in bestimmten Täterprofilen stärker mit Gewalt zusammenhängt als in anderen.
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