WÜRZBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das VOSÖ-Care-Programm startet im Schuljahr 2026/2027 für Kinder von 3 bis 14 Jahren und wächst auf rund 14.000 Teilnehmende. Trainiert werden Emotionsregulation und der Umgang mit Belastungen bereits im Schulalltag, ergänzt durch Eltern- und Pädagogenschulungen. Parallel zeigen Aktionen in verschiedenen Regionen, wie Kampagnen, Materialpakete und digitale Angebote die Früherkennung unterstützen. Entscheidend bleibt, wie schnell passende Versorgungswege nach der Schule greifen.

Wenn Bildungseinrichtungen psychische Gesundheit nicht nur thematisieren, sondern in wiederkehrende Praxis überführen, verschiebt sich der Blick auf Prävention deutlich. Das VOSÖ-Care-Programm der Vereinigung der Ordensschulen Österreichs setzt genau hier an und adressiert Kinder im Alter von 3 bis 14 Jahren, Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen. Start war im Schuljahr 2026/2027, inzwischen umfasst das Programm 85 Standorte in acht Bundesländern mit insgesamt rund 14.000 Kindern und Jugendlichen. Damit wird aus einer lokalen Initiative eine Infrastruktur für Resilienzförderung, die Schulen als Teil des Unterstützungssystems begreift und nicht als „Zulieferer“ für spätere Behandlungen.
Der Umfang macht sichtbar, dass es nicht bei punktuellen Workshops bleibt. In der Aufbauphase wurden bereits 95 Pädagogen und Schulleitungen geschult, parallel nahmen rund 700 Erstklässler an elf Volksschulen in Niederösterreich und Wien an Trainings zur Emotionsregulierung teil. Die Ausweitung spiegelt sich auch in den Zielgruppen: 9.700 Erziehungsberechtigte wurden in die VOSÖ-Akademie eingeladen, während 8.800 Schülerinnen und Schüler an 31 Schulen an entsprechenden Aktionstagen teilnahmen. Für die Finanzierung nennt der Träger einen Schwerpunkt bei VOSÖ selbst, ergänzt durch einen Elternbeitrag von 5 Euro. Zugleich verweist die VOSÖ-Geschäftsführung auf steigende Faktoren wie Einsamkeit, Druck und Zukunftsängste, wobei laut Meldung Mädchen stärker belastet seien als Buben.
Auch an einzelnen Standorten wird das Konzept durch konkrete Formate mit Leben gefüllt. An der HTL Pinkafeld fanden in der vierten Woche des Schuljahres 2026/27 zum zweiten Mal Aktionstage zur mentalen Gesundheit für rund 1.200 Schülerinnen und Schüler der Tagesschule statt. Die einstündigen Klassenworkshops wurden von der Psychologin Daniela Schmid geleitet und vom Verein VsUM unter Obmann Golli Marboe durchgeführt; inhaltlich standen Leistungsdruck, Prüfungsangst, Sucht, Depression, Suizidalität und Ängste im Fokus. Ergänzend kamen zweite Klassen über Angebote der AIDS-Hilfe Steiermark in Berührung mit sexualpädagogischen Bausteinen. Solche Verzahnungen sind aus fachlicher Sicht wichtig, weil Belastungen im Jugendalter selten isoliert auftreten und Unterrichtssituationen oft der erste Ort sind, an dem Veränderungen sichtbar werden.
Flankierend setzt das Gesamtprogramm auf Materialien und auf die Ebene „zwischen“ Schule und Alltag. Rund um den Welttag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober 2026 verteilt die Fachstelle für Prävention Niederösterreich gemeinsam mit dem Land Niederösterreich 100 Unterstützungspakete an Schulen im Bundesland. Dazu gehört auch ein Leitfaden, der laut Beschreibung eine Checkliste zur Resilienzförderung, fünf Übungen zur Emotionsregulierung sowie einen Gesprächsleitfaden für Eltern und Pädagogen bündelt. In der Praxis übernehmen Bildungs-Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister und Schulleitungen die Übergabe solcher Pakete samt Broschüre zur Resilienzförderung, etwa an der Sportmittelschule Wölbling unter der Schulleitung von Petra Schrott. Parallel wird das Thema in anderen Kontexten weitergedacht: In Lippstadt läuft nach Angaben der Darstellung ein auf zwei Jahre angelegtes Resilienzprojekt zur Stärkung von Kindern.
Interessant ist dabei, dass parallel zu schulischen Programmen regionale und technische Ansätze wachsen. Im Rems-Murr-Kreis startet eine zweijährige Pilotphase für die kosten- und werbefreie Anwendung „Between The Lines“ für junge Menschen, finanziert über die Stiftung der Kreissparkasse Waiblingen ohne Mehrkosten für den Kreis. Die gemeinnützige Gesellschaft, die vom Kreisjugendamt beauftragt ist, stellt darin Informationen sowie eine Kartenansicht zu Praxen, Beratungsstellen und Kliniken bereit. So entsteht eine Brücke von der ersten Ansprache zu konkreten Anlaufstellen. Mitgründer Oliver Kröger und Landrat Richard Sigel betonen dabei spürbar gestiegene seelische Belastungen im Jugendalter – ein Hinweis darauf, dass sich Prävention auch an der Frage messen lassen muss, ob sie Zugänge zu Hilfe verkürzt.
Der Blick über Österreich hinaus zeigt, wie breit die Präventionslandschaft inzwischen angelegt ist. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention setzt gemeinsam mit einem Außenwerber auf Plakate in deutschen Großstädten; die Angaben nennen zudem eine Spanne von 8 bis 15 Prozent aller Jugendlichen, die innerhalb eines Jahres von Depression betroffen sein sollen. Ergänzend verweist die Darstellung auf Daten der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts für 2024: In Deutschland sterben demnach jährlich 216 Jugendliche unter 20 Jahren durch Suizid. Auf globaler Ebene wird zum Welttag der psychischen Gesundheit eine von UNICEF geleitete Koalition für mentale Jugendgesundheit genannt, die unter anderem einen 85-sekündigen Kurzfilm vorgestellt hat. Solche Kampagnen wirken vor allem dann, wenn sie lokal verfügbare Hilfen sichtbar machen – genau daran arbeiten schulnahe Programme, kommunale Angebote und digitale Verzeichnisse zugleich.
Für Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger bleibt damit eine zentrale Frage: Wie gut lassen sich Schulprogramme in echte Versorgungswege überführen? Die österreichische Ärztekammer fordert laut Darstellung am Welttag der psychischen Gesundheit eine stärkere Prävention und Versorgung, um Engpässe bei Fachärzten zu adressieren. Auch das Hilfswerk mit dem Unterstützungsprogramm Keep Balance wird als Beispiel genannt, das zeigt, dass psychische Belastungen nicht an der Schultür enden. Am 12. Oktober 2026 soll zudem in Würzburg der erste Bayerische Präventionstag stattfinden, organisiert vom Deutschen Zentrum für Präventionsforschung und Psychische Gesundheit gemeinsam mit dem Bayerischen Gesundheitsministerium; thematisch wird dabei von Cybermobbing bis zur Suchtprävention eine ganze Spannbreite abgedeckt. In Summe deutet die Breite der Maßnahmen darauf hin, dass erfolgreiche Prävention mehr ist als ein Curriculum: Sie braucht Dauer, Anschlussfähigkeit und geschulte Ansprechpartner im System Schule.
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