BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag von Green Planet Energy sprechen sich 88 Prozent der Befragten dafür aus, dass Deutschland möglichst unabhängig von Energieimporten aus dem Ausland wird. Fast zwei Drittel bewerten dieses Ziel sogar als „sehr wichtig“. Gleichzeitig zeigt sich beim Thema „günstigster Strom“ ein deutlicher Technologie-Streit: Solar nennen 36 Prozent, Atom 35 Prozent, Wind nur 17 Prozent. Die Ergebnisse fallen zeitlich zusammen mit einer Energiewende-Demonstration in Berlin, die gegen Pläne zum Netzpaket und zum Erneuerbare-Energien-Gesetz protestiert.

Die Energiewende wird in Deutschland nicht nur an technischem Ausbau gemessen, sondern zunehmend auch an der Frage, wie unabhängig das Land von volatilen Energieimporten wird. Steigende Strom- und Heizkosten sowie anhaltend hohe Preise an Tankstellen schaffen dabei einen unmittelbaren Kostendruck im Alltag. Genau diese Stoßrichtung greift eine repräsentative Civey-Umfrage auf: 88 Prozent der Befragten halten es für wichtig, dass Deutschland möglichst unabhängig von Energieimporten aus dem Ausland wird. Für 65 Prozent steht dieses Ziel sogar „sehr“ im Vordergrund. Die Botschaft ist politisch klar, denn Unabhängigkeit wird hier nicht als abstrakter Slogan verstanden, sondern als Schutz vor Preisrisiken.
Interessant ist jedoch, dass sich die Einigkeit beim Ziel „Unabhängigkeit“ nicht 1:1 in Einigkeit über die besten technischen Wege übersetzt. Bei der Frage, mit welcher Technologie sich am günstigsten Strom erzeugen lässt, verfehlen die Meinungen deutlich die Schwarmlogik vieler Kampagnen. Solarenergie landet mit 36 Prozent vorn, Atomkraft folgt mit 35 Prozent auf Augenhöhe. Windenergie kommt dagegen nur auf 17 Prozent. Am unteren Ende liegen Gas- und Kohlekraftwerke mit jeweils drei Prozent. Diese Verteilung zeigt, dass in der öffentlichen Debatte nicht nur Fakten zur Kostenstruktur zählen, sondern auch unterschiedliche Vertrauensbilder, etwa bei der Frage, wie schnell Kapazitäten aufgebaut werden können oder wie zuverlässig die Stromerzeugung geplant werden kann.
Die Detailauswertung verschiebt den Fokus noch stärker auf gesellschaftliche Unterschiede. Laut Umfrage gelten Atomkraftwerke als besonders „günstig“, vor allem in Ostdeutschland sowie in Sachsen und Sachsen-Anhalt, wo 49 beziehungsweise 48 Prozent Atom als günstigste Stromquelle einstufen. Bei der Parteienpräferenz liegt dieser Effekt noch stärker: 71 Prozent der Befragten mit AfD-Präferenz sehen Atomkraft hinter der günstigsten Stromoption. Solche Muster sind nicht nur politisch relevant, sondern auch kommunikativ. Wenn Teile der Bevölkerung eine Technologie als günstiger wahrnehmen, als sie es aus Kostenrechnungen heraus ist, entsteht ein Spannungsfeld zwischen Informationslage und Energiepolitik. Genau an dieser Stelle lohnt ein genauer Blick auf die Kostenkennzahlen, weil „günstig“ in der Wahrnehmung oft anders definiert ist als in der Modellierung von Stromgestehungskosten.
Die Kluft zwischen Wahrnehmung und Rechenlogik wird besonders bei den Stromgestehungskosten sichtbar. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE weist für neue Atomkraftwerke Stromgestehungskosten in einer Spanne von 13,6 bis 49 Cent pro Kilowattstunde aus. Dagegen werden Freiflächensysteme für Photovoltaik sowie Windkraftanlagen an Land deutlich niedriger angesetzt: Für eine Kilowattstunde Strom nennt das Institut Bandbreiten von 4,1 bis 9,2 Cent. In der öffentlichen Debatte werden dabei laut dem Vorstand von Green Planet Energy, Sönke Tangermann, häufig drei Kostenblöcke unterschätzt: hohe Investitionskosten, lange Bauzeiten sowie Kosten für Rückbau und die Lagerung von Atommüll. Aus technischer Perspektive macht gerade dieser Mix einen großen Unterschied. Hohe Anfangsinvestitionen und lange Projektlaufzeiten erhöhen den Kapitaldienst, während beim Rückbau und bei der Entsorgungs- bzw. Lagerinfrastruktur oft Kosten anfallen, die in populären Kurzdebatten seltener präsent sind.
Auch der Blick auf die Arbeitskräfte im Energiesektor macht die Lage anspruchsvoll: In der Umfrage geben 29 Prozent an, keine Ahnung zu haben, wie viele Menschen in erneuerbaren Energien beschäftigt sind. Weitere 54 Prozent glauben, es seien weniger als 400.000. Tatsächlich werden in Deutschland nach Angaben der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) bereits rund 436.000 Menschen in diesem Bereich gezählt. Für Unternehmen ist das mehr als eine statistische Korrektur. Wer den Beschäftigungsumfang unterschätzt, unterschätzt oft auch den Aufbau von Know-how entlang der Lieferketten: von Planung und Anlagenbau über Netzanschluss und Inbetriebnahme bis hin zu Betrieb und Wartung. Das wirkt wiederum auf Skalierungsgeschwindigkeit und auf die Frage, wie schnell Kapazitäten in Richtung Unabhängigkeit von Importen verschoben werden können.
Damit werden zwei Ebenen miteinander verkoppelt: öffentliche Zielpräferenzen und reale Technologiepfade. Die geplante Energiewende-Demonstration in Berlin (am Freitag um 14:00 Uhr) unter dem Motto „Ausbauen statt Ausbremsen!“ richtet sich laut Ankündigung gegen anstehende Pläne der Bundesregierung zum Netzpaket und zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Auch wenn die Umfrage die politischen Detailkontroversen nicht ersetzt, liefert sie eine klare Präferenzlandschaft: Unabhängigkeit hat breiten Rückhalt, aber die Akzeptanz einzelner Ausbauoptionen hängt stark davon ab, wie „günstig“ verstanden wird. Für die nächsten Monate heißt das: Die Debatte muss gleichzeitig technisch präziser werden und kommunikativ stärker erklären, wie Stromgestehungskosten entstehen, welche Annahmen dahinterliegen und warum Kostenblöcke wie Bauzeiten, Rückbau und Entsorgung in die Rechnung gehören.
Für Entscheider in Industrie und Verwaltung bleibt daraus eine praktische Konsequenz: Es reicht nicht, nur Ausbauziele zu formulieren, wenn parallel das Kostenbild in Teilen der Bevölkerung systematisch verzerrt ist. Wer Netze, Genehmigungen und Erzeugungsportfolios plant, braucht Akzeptanz für die technischen Prioritäten. Umgekehrt können sich öffentliche Narrative negativ auf Projekte auswirken, wenn beispielsweise eine als „günstig“ wahrgenommene Technologie in der Kostenlogik nicht trägt. Die Umfrage zeigt schließlich auch, dass Informationsdefizite existieren – etwa bei der Beschäftigungslandschaft – und dass Datenlücken politisch nutzbar sind. Eine belastbare Energiewende setzt daher nicht nur auf Technik, sondern ebenso auf nachvollziehbare Rechenwege und messbare Fortschritte, die unabhängig von Tagesmeinungen verständlich bleiben.
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