BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem Wegfall der Zollfreigrenze von 150 Euro im Onlinehandel zeigt der bevh spürbare Folgen für asiatische Plattformen. Die Umsatzentwicklung im Gesamtmarkt bleibt schwach: Im 3. Quartal wächst der Onlinehandel nur um 2,9 Prozent auf rund 18,5 Mrd. Euro. Shein, Temu und AliExpress brechen zugleich um 35,5 Prozent ein, während ihr Marktanteil in Deutschland auf 3,1 Prozent sinkt. Die Branche fordert zudem konsequenteres EU-Vorgehen bei Marktüberwachung und Zollumsetzung.

Die Abschaffung der Zollfreigrenze wirkt im Onlinehandel inzwischen deutlich messbar: Laut einer Verbraucherbefragung des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) schlagen zusätzliche Abgaben bei Kleinsendungen aus Drittstaaten besonders bei Niedrigpreisangeboten durch. Während in der ersten Jahreshälfte noch Erholungssignale erkennbar gewesen seien, drücke die erneut schlechter werdende Konsumstimmung den digitalen Absatz weiter nach unten. Im 3. Quartal liegt der Online-Umsatz danach nur noch bei einem Plus von 2,9 Prozent auf rund 18,5 Mrd. Euro im Vergleich zum Vorjahresquartal, jeweils inklusive Umsatzsteuer und nicht inflationsbereinigt. Damit bleibt das Wachstum unter der Inflationsrate von 3,3 Prozent im September.
Hinter dieser Entwicklung stehen aus Sicht des bevh vor allem zwei Hebel: steigende Energiepreise und sinkende Einkommenserwartungen. Alien Mulyk, Hauptgeschäftsführerin des bevh, ordnet die Verlangsamung im Kaufverhalten direkt in diesen Kontext ein. Ein weiterer Faktor kommt aber gerade von der Zollseite: Viele Billigpakete aus Asien finden derzeit weniger reibungslos ihren Weg nach Europa. Der Verband verweist dabei auf eine Abkühlung des Wachstums bei Temu und Shein in Deutschland; der Effekt zeigt sich nicht nur auf Ebene einzelner Händler, sondern auch in der gesamten Dynamik des Online-Gesamtmarkts.
Belastbar werden die Auswirkungen nach Angaben des bevh erstmals durch konkretere Umsatzkennzahlen zu den großen asiatischen Plattformen. Demnach brachen die Umsätze von Shein, Temu und AliExpress im 3. Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 35,5 Prozent auf aktuell 566 Mio. Euro ein. Auch beim Marktanteil wird der Bruch sichtbar: Auf Basis der drei größten Plattformen in Deutschland fällt er auf 3,1 Prozent, nach 5,3 Prozent im 2. Quartal. Diese Zahlen verknüpft der bevh unmittelbar mit der zum 1. Juli eingeführten neuen Zolllogik für Kleinsendungen aus Drittstaaten, die seitdem nicht mehr unter die frühere Freigrenze fällt.
Technisch und prozessual entscheidet beim Warenweg weniger die Werbung als der Preishebel an der Grenze. Mit dem Wegfall der Zollfreigrenze von 150 Euro gilt nach Angaben des bevh jede Sendung aus Drittstaaten grundsätzlich als zollpflichtig. Für Kleinsendungen bis 150 Euro fällt eine Pauschale von 3 Euro pro Warengruppe (Zollposition) an; ab November soll außerdem eine pauschale Bearbeitungsgebühr von 2 Euro hinzukommen. Genau das trifft Niedrigpreisprodukte besonders hart, weil selbst kleine Aufschläge die Zahlungsbereitschaft der Kundschaft sichtbar senken können. Der bevh macht gleichzeitig deutlich, dass Zollabgaben allein nicht das einzige Problem sind: Für fairen Wettbewerb müsse die EU Marktüberwachungsbehörden stärken und bestehendes Recht konsequent durchsetzen.
Im Gesamtbild entwickelt sich der Onlinehandel damit zweigeteilt. Ungebrochen wächst der Handel mit Medikamenten (+ 15,4 Prozent), Drogerieartikeln (+ 14,3 Prozent) und Lebensmitteln (+ 9,1 Prozent). Daneben bleibt auch Mode ein Stabilisator: Im Modehandel legen Kleidung um 4,9 Prozent und Schuhe um 6,4 Prozent zu, also schneller als der Gesamtmarkt. Weniger stabil zeigen sich dagegen große Warengruppen wie „Elektronikartikel und Telekommunikation“ (- 4,6 Prozent) sowie „Möbel, Lampen und Dekoration“ (- 5,2 Prozent). Auch im Bereich „Unterhaltung“ (- 2,6 Prozent) sinken vor allem Umsätze mit Bild- und Tonträgern sowie Video- und Musik-Downloads um 5,3 Prozent.
Auch bei den Versendertypen verschiebt sich die Marktdynamik, wenn auch weniger stark. Am stärksten wächst dem bevh zufolge der Verkauf über Online-Marktplätze (+ 5 Prozent). D2C-Anbieter (Direct-to-Consumer) schneiden ebenfalls wieder stark ab, während Multichannel-Anbieter über ihre Online-Kanäle nur moderate Zuwächse von 2,5 Prozent erzielen. Reine Online-Shops bleiben dagegen wie schon in den Vorquartalen hinter der Gesamtmarktentwicklung zurück und kommen auf – 0,8 Prozent. Für Anbieter bedeutet das: Wer im digitalen Handel erfolgreich bleiben will, muss nicht nur die Produkt- und Servicequalität liefern, sondern auch die Effizienz in Logistik, Abwicklung und Preisgestaltung gegenüber den Kundenerwartungen verbessern.
Strategisch rückt damit eine Frage in den Vordergrund, die weit über einzelne Händler hinausgeht: Wie schnell gelingt es, Wettbewerbsregeln entlang der Lieferkette durchzusetzen, ohne dass der Markt unnötig fragmentiert wird. Der bevh nennt als wichtige Schritte den Aufbau einer gemeinsamen EU-Zollbehörde sowie die verpflichtende Übermittlung standardisierter Produkt-IDs. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Entwicklung, dass sich Kundinnen und Kunden bei Kleinsendungen deutlich stärker von Zusatzkosten beeinflussen lassen als in stabileren Preisumfeldern. Für Unternehmen, die auf internationale Beschaffung oder internationale Plattformlogik setzen, heißt das: Preis- und Compliance-Prozesse müssen enger gekoppelt werden als bisher, damit sich der Kundennutzen nicht durch Grenzkosten und Bearbeitungsaufwand schleichend erodiert.
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