BRANDENBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Betreiber kritischer Infrastruktur in Brandenburg sollen künftig KI-gestützte Videoüberwachung im näheren Umfeld ihrer Liegenschaften einsetzen dürfen. Vorgesehen ist außerdem, technische Systeme zur Drohnenabwehr zu erlauben, um Angriffe und Ausspähversuche aus der Luft früh zu unterbinden. Die Landesregierung um Innenminister Jan Redmann will damit physische Sicherheitslücken schneller schließen und die operativen Reaktionszeiten der Verantwortlichen verbessern. Um die Maßnahmen rechtssicher umsetzen zu können, ist zudem ein öffentlicher-rechtlicher Status für betroffene Betreiber angedacht.

Brandenburg will die Sicherheitsarchitektur für Unternehmen der kritischen Infrastruktur spürbar erweitern. Nach den Planungen von Innenminister Jan Redmann sollen Betreiber KI-gestützte Videoüberwachung künftig nicht nur an den Grenzen ihrer Anlagen, sondern auch im näheren Umfeld einsetzen dürfen. Gleichzeitig rückt die Abwehr von Bedrohungen aus der Luft in den Fokus: Geplant ist, dass Betreiber technische Systeme zur Drohnenabwehr verwenden dürfen. Der Hintergrund ist eine gestiegene Gefährdungslage für zentrale Versorgungs- und Industrieeinrichtungen, bei denen Ausfallzeiten oder Sabotagefolgen unmittelbar in den Alltag durchschlagen.
Technisch steht dabei vor allem die automatisierte Bildauswertung im Vordergrund. Die Idee lautet, Videodaten mittels Künstlicher Intelligenz so zu analysieren, dass verdächtige Bewegungen in sensiblen Bereichen schneller erkennbar werden. Für Sicherheitsteams verändert das den Charakter von Leitstellenarbeit: Statt allein auf die manuelle Sichtung vieler Kamerablickwinkel zu setzen, sollen Alarme stärker aus Mustererkennung heraus entstehen. In der Praxis bedeutet das, dass Systeme nicht nur Objekte „sehen“, sondern Ereignisse innerhalb definierter Zonen priorisieren – etwa bei untypischen Annäherungen oder Bewegungssequenzen im unmittelbaren Umfeld. Damit steigt zwar die Relevanz von Datenqualität und Modell-Training, die operative Logik zielt aber auf weniger Latenz zwischen Vorfall und Reaktion.
Damit solche Maßnahmen in Unternehmen rechtssicher verankert werden können, adressiert die Landespolitik auch die Rollenfrage. Denn Eingriffsbefugnisse, die bislang grundsätzlich den Polizeibehörden vorbehalten sind, sollen über einen öffentlichen-rechtlichen Status teilweise auf betroffene Betreiber übergehen. Das ist weniger eine „Spielraum-Entscheidung“ als eine strukturelle Weichenstellung: Wer hoheitliche Aufgaben übernimmt oder an ihnen ausgerichtet wird, muss typischerweise stärker dokumentieren, nachweisen und die Prozesse enger an gesetzlichen Vorgaben spiegeln. Für die Betreiberseite heißt das konkret: Neben der technischen Beschaffung wird die organisatorische Umsetzung entscheidend – von der Festlegung relevanter Zonen über den Umgang mit Daten bis hin zur nachvollziehbaren Gefährdungsbeurteilung.
Als praktische Anwendungsfelder werden große industrielle Anlagen und kommunale Versorger genannt. Dazu zählen unter anderem die PCK-Raffinerie in Schwedt sowie Stadtwerke Prenzlau; außerdem wird die kommunale Infrastruktur im Gebiet der Uckermark als Beispiel herangezogen. Die politische Stoßrichtung ist dabei zweigeteilt: Erstens sollen physische Sicherheitslücken früh sichtbar werden, also potenzielle Schwachstellen nicht erst bei einem konkreten Ereignis entdeckt werden. Zweitens soll die Luftlage berücksichtigt werden, weil Drohnen – je nach Einsatzszenario – sowohl zur Aufklärung als auch als Werkzeug für Störungen oder Angriffe missbraucht werden können. In Summe verschiebt sich das Sicherheitsprofil damit von rein „perimeternaher“ Bewachung hin zu einem durch KI unterstützten, umfeldbezogenen Lagebild.
Die Initiative passt in breitere bundesweite Entwicklungen zur Resilienz kritischer Infrastrukturen. Auf Bundesebene regelt das im März 2026 in Kraft getretene KRITIS-Dachgesetz verbindliche Vorgaben für physische und organisatorische Resilienz der Betreiber. Ergänzend definieren Richtlinien wie NIS-2 Anforderungen an die Cyber- und Netzwerksicherheit – auch wenn es im Kern dieser Brandenburger Pläne zunächst um physische Schutzmaßnahmen geht. Ein solcher Zusammenhang ist realistisch, weil moderne Anlagen heute oft eng mit IT-Systemen verbunden sind: Ein Ausfall durch physische Störungen kann dadurch gleichzeitig digitale Abhängigkeiten auslösen. An einem konkreten Beispiel wird diese Verwundbarkeit beschrieben: Ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde legte fünf Hochspannungskabel lahm, wodurch rund 45.000 Haushalte etwa viereinhalb Tage ohne Strom und Fernwärme auskommen mussten. Der Fall zeigt, wie schnell kritische Infrastruktur von einzelnen physischen Ereignissen in die Breite wirkt.
Auch im Zusammenspiel mit Digitaler Resilienz rückt das Thema „rechtzeitig reagieren“ stärker in den Mittelpunkt. Neben der physischen Sicherheit wird laut den beschriebenen Überlegungen die digitale Widerstandsfähigkeit zunehmend durch neue Pflichten und Cyberbedrohungen geprägt. Für Unternehmen bedeutet das: Sicherheitskonzepte dürfen nicht als isolierte Projekte nebeneinanderstehen. Selbst wenn die aktuelle Maßnahme mit Videoanalyse und Drohnenabwehr startet, müssen Verantwortliche die Schnittstellen zu bestehenden Prozessen und Risikomanagementmethoden sauber gestalten. Genau hier liegt häufig der Unterschied zwischen „Technik installiert“ und „Sicherheitswirkung im Betrieb“: Wer KI-Überwachung einführt, braucht belastbare Abläufe für Dokumentation, Bewertung von Alarmen und Nachverfolgung – und sollte gleichzeitig sicherstellen, dass die eingesetzten Systeme selbst den Anforderungen an Informationssicherheit genügen.
Für Betreiber und Sicherheitsverantwortliche entscheidet am Ende die Kombination aus operativer Wirksamkeit und Compliance-Tauglichkeit. Die geplanten Instrumente zur Vorfeldaufklärung und Abwehr vor Ort sollen den Unternehmen zusätzliche operative Mittel an die Hand geben, um die gestiegenen Sicherheitsanforderungen in der Praxis umzusetzen. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung anspruchsvoll, weil rechtssichere Gefährdungsbeurteilungen und nachvollziehbare Schutzkonzepte in vielen Organisationen erst in enger Abstimmung mit Juristen, IT- und Sicherheitsbereichen reifen. Brandenburg setzt damit auf einen Ansatz, der KI-gestützte Erkennung, physische Schutzwirkung und organisatorische Voraussetzungen zusammenbringt – ein Weg, der vor allem dann funktioniert, wenn Betreiber Prozesse, Datenhaltung und Reaktionsketten konsequent aufeinander abstimmen.
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