BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die KBV warnt vor geplanten Kürzungen in der ambulanten Versorgung und beziffert das rechnerische Volumen auf rund 3 Milliarden Euro. Laut Berechnungen könnten dadurch etwa 46 Millionen Behandlungsfälle weniger möglich sein. Der KBV-Chef Andreas Gassen kritisiert die fehlende Folgenabschätzung und hält eine starre Termingarantie für Fachärzte für nicht realistisch. Zusätzlich sorgt die Debatte um die Abschaffung von Hybrid-DRGs für neuen Druck auf die Planung ambulanter OPs.

KBV warnt vor Kürzungen: 3 Mrd. Euro könnten 46 Mio. Behandlungen bremsen
KBV warnt vor Kürzungen: 3 Mrd. Euro könnten 46 Mio. Behandlungen bremsen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die ambulante Versorgung steht in Deutschland kurz vor einer Phase, in der Budgetlogik und Versorgungsrealität deutlich aufeinanderprallen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) macht dafür die für das kommende Jahr vorgesehenen Kürzungspläne aus und stellt die Größenordnung als Wirkungskette dar: Rund 3 Milliarden Euro Einsparung im ambulanten Bereich entsprechen nach den Berechnungen der KBV etwa 46 Millionen potenziell weniger Behandlungsfällen. Genau dieser Umstand verschiebt die Debatte von einer abstrakten Sparformel hin zu ganz konkreten Effekten in den Praxen – insbesondere beim Terminangebot, das sich bei engerem finanziellen Rahmen zwangsläufig verengt. Wer dort heute Kapazitäten aufbaut oder plant, braucht damit nicht nur politische Schlagworte, sondern belastbare Szenarien, die erwartbare Fallzahlen, Behandlungswege und Zeitbudgets zusammenbringen.

Im Zentrum der Kritik steht auch die Frage, wie Steuerung und Qualität zusammenwirken sollen, wenn die Finanzierung sinkt. KBV-Chef Andreas Gassen fordert eine umfassende Folgenabschätzung und verlangt zudem eine grundlegende Korrektur am GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Parallel arbeitet die KBV an regionalen und fachgruppenspezifischen Budgetszenarien, um abzubilden, wo die Belastung besonders stark ausfallen würde – und welche Leistungsanteile in welchem Tempo zurückgehen könnten. Delegierte der Vertreterversammlung warnen dabei vor einer Kombination aus sinkendem Versorgungsangebot, längeren Wartezeiten und einer Gefährdung der wirtschaftlichen Praxisgrundlagen. Dass diese Sorge nicht nur auf allgemeine Wirtschaftlichkeit zielt, sondern unmittelbar die Zugänglichkeit von Leistungen betrifft, zeigt sich auch in den Berichten, wonach Frauenärzte befürchten, dass infolge der Reformen Millionen Behandlungstermine wegfallen könnten.

Die Debatte um Termingarantien verschärft den Konflikt zwischen Anspruch und Machbarkeit. Gassen ordnet die diskutierte Termingarantie für Fachärzte laut Darstellung der KBV zurück und bezeichnet sie als Nebelkerze: Eine generelle Garantie für jeden Versicherten bei jedem gewünschten Facharzt sei mengenmäßig nicht realisierbar. Gleichzeitig skizzieren die Pläne von Union und SPD einen anderen Ansatz der Steuerung, der stärker über Hausärzte laufen soll: Bei Bedarf sollen diese Termine innerhalb eines bestimmten Zeitraums vermitteln, während für Kinder Kinderärzte als primäre Anlaufstelle vorgesehen sind. Aus Sicht der KBV verlagert sich die Priorität damit weg von pauschalen Garantien hin zu einer pragmatischen Differenzierung nach Dringlichkeit. Konkret plädiert Gassen dafür, dringende Fälle unabhängig vom Versichertenstatus rasch zu versorgen und bei nicht dringenden Beschwerden längere Vorlaufzeiten zu akzeptieren.

Besonders deutliche Konturen bekommt diese Logik über den Umgang mit Versicherten, die trotz bestehender Termine eine Notaufnahme aufsuchen. Nach Ansicht des KBV-Chefs soll die Behandlung in solchen Fällen selbst getragen werden – eine Form der Entkopplung von Zugang (Termin) und Nutzung (Notaufnahme) mit dem Ziel, Fehlsteuerungen zu reduzieren. Ökonomisch wirkt das wie ein Versuch, Knappheit nicht nur zu verwalten, sondern durch Anreize das Verhalten an den Kapazitätsgrenzen auszurichten. Technisch betrachtet hängt die Wirkung solcher Ansätze eng mit der lokalen Terminverfügbarkeit zusammen: Wenn Fachpraxen ohnehin unter Kapazitätsdruck stehen, können Umverteilungsmechanismen über Hausarztpraxen zwar kurzfristig helfen, langfristig aber nur funktionieren, wenn die Finanzierung die benötigte Versorgungsleistung auch abbildet. Genau dort setzt die KBV-Gesamtlogik an: Ohne belastbare Budgetszenarien drohen Verwerfungen, bei denen Wartezeiten nicht nur steigen, sondern sich auch in Abfolgen verfestigen, etwa wenn Rückmeldeschleifen im Überweisungs- und Diagnostikprozess länger dauern.

Neben der Terminfrage sorgt eine zweite Baustelle für zusätzliche Unsicherheit: der Streit um Hybrid-DRGs und ambulante Operationen. Der GKV-Spitzenverband und die KBV appellieren an den Bundestag, den Ausbau ambulanter Eingriffe nicht auszubremsen. Laut Änderungsplänen von CDU/CSU und SPD vom 5. Oktober 2026 sollen die sogenannten Hybrid-DRGs ab dem 1. Januar 2028 abgeschafft werden; für 2027 sollen sie grundsätzlich weiter gelten, allerdings mit Vergütungsabschlägen für Operationen ohne Übernachtung. Das Bundesgesundheitsministerium erwartet dadurch Einsparungen von 235 Mio. Euro, vor allem über die Absenkung der Vergütung von Ein-Tages-Fällen auf EBM-Niveau. Entscheidend für Einrichtungen ist damit nicht nur die Frage „ob“ hybrid abgebaut wird, sondern „wie“ die Vergütung in den Übergangsjahren ausfällt und welche medizinischen und organisatorischen Fallgruppen davon besonders getroffen werden.

Die Ausgangslage liefert hierfür messbare Signale aus der Abrechnungspraxis. Laut Erhebungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) stiegen die abgerechneten Hybrid-DRG-Fälle im Jahr 2025 im Vergleich zu 2024 um 17 %; gleichzeitig wuchsen die inflationsbereinigten GKV-Ausgaben um 14 %. In einer Hochrechnung werden Mehrausgaben von etwa 360 Mio. Euro genannt. Für 2027 sind bereits Vergütungsabschläge für Operationen ohne Übernachtung vorgesehen; ab 2028 sollen die Hybrid-DRGs nach den derzeit diskutierten Änderungsplänen entfallen. Ob ambulantes Operieren sich dann noch rechnet, hängt laut Darstellung vor allem von Fallmix, Grouperlogik und regionaler Vergütung ab. Für Krankenhäuser und OP-Zentren bedeutet das: Controlling-Modelle müssen nicht nur die künftige Vergütungssystematik abbilden, sondern auch prüfen, wie sich Umsteuerungen in der Fallauswahl oder in Prozessketten auswirken können. Gleichzeitig verweist die KBV auf ein mögliches Gegenszenario: Ambulante Operationen könnten unwirtschaftlich werden, wodurch Eingriffe – etwa bei Kindern – wieder verstärkt stationär erfolgen müssten.

Damit kollidieren zwei Perspektiven, die in der Versorgungspolitik oft gemeinsam diskutiert werden, aber unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe anlegen. Der GKV-Spitzenverband fordert eine dauerhaft verbindliche, medizinisch begründete Grouperlogik; die Deutsche Krankenhausgesellschaft begrüßt dagegen die geplante Abschaffung der Hybrid-DRGs und argumentiert, Versorgung müsse sich nach Indikation, Eingriff und individuellen sozialen Faktoren richten. Auch wenn diese Positionen in der Sprache der Systemlogik bleiben, geht es praktisch um die Frage, ob die Umstellung zu mehr Transparenz führt oder ob sie neue Übergangsrisiken erzeugt. Für Entscheider in Kliniken und in der ambulanten Versorgung ergibt sich daraus ein klarer Handlungsbedarf: Wer Budgets, Terminfenster und OP-Kapazitäten plant, braucht jetzt die Szenarien, die bisher eher in Leitfäden und Debattenkonzepten als in verbindlichen Planungsparametern sichtbar sind. Gleichzeitig zeigt die Größenordnung aus dem KBV-Hinweis, dass Kürzungen nicht nur „Kosten“ verschieben, sondern klinische Abläufe, Wartezeiten und Versorgungswege spürbar verändern können.

Am Ende entscheidet sich der Effekt der Reformen in der Ausgestaltung der Übergangsphase. Kürzungsvolumen von 3 Mrd. Euro und die rechnerische Größenordnung von 46 Mio. Behandlungsfällen sind stark genug, um selbst bei gutem Ressourcenmanagement Engpässe zu erzeugen. Bei den Hybrid-DRGs kommt dazu, dass Vergütungssysteme und operative Prozessketten zusammenpassen müssen: Vom Abrechnungsprozess über die Grouperlogik bis zur Frage, ob die medizinische Indikation in ambulante Pfade übersetzt werden kann. Für die Branche bedeutet das weniger eine „Entweder-oder“-Debatte, sondern eine harte Koordinationsaufgabe: Budgets, Terminsteuerung und OP-Planung müssen konsistent sein. Wer diese Konsistenz nicht schafft, riskiert nicht nur längere Wartezeiten, sondern auch Fehlanreize, die im Versorgungsalltag schwer zurückzuholen sind.


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