BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Jahr nach Start der Pflicht zur Befüllung elektronischer Patientenakten (ePA) meldet das Bundesgesundheitsministerium flächendeckende technische Voraussetzungen. Von 160.000 Einrichtungen mit Anschluss an die gesicherte Datenautobahn des Gesundheitswesens arbeiten bereits mehr als 159.000 mit der ePA. Die tägliche Nutzung wächst: Wochenweise werden Millionen Dokumente hochgeladen und umfangreiche Medikamentenlisten geöffnet. Gleichzeitig kritisiert die KBV weiterhin Störungen, instabile Technik und Hürden beim Anmeldeprozess für Versicherte.

Seit 1. Oktober 2025 gilt in Deutschland eine klare Erwartung an Praxen und Kliniken: Sie sollen die elektronischen Patientenakten (ePA) mit zentralen Gesundheitsdaten befüllen, damit der digitale Datensatz patientenübergreifend nutzbar wird. Ein Jahr nach dem Start zeigt sich laut Bundesgesundheitsministerium vor allem eines: Die technischen Bedingungen sind mittlerweile flächendeckend vorhanden. Von insgesamt 160.000 Einrichtungen mit Anschluss an die geschützte „Datenautobahn“ des Gesundheitswesens hätten bereits mehr als 159.000 mit der ePA gearbeitet, auch wenn das Ressort keine belastbaren Detailzahlen dazu liefern kann, ob einzelne Leistungserbringer nur einmal testweise eine ePA geöffnet haben oder ob in der Routine tatsächlich täglich befüllt wird.
Damit rückt die Frage in den Vordergrund, was „flächendeckend“ in der Praxis bedeutet. Im Kern geht es um die Umstellung von lokalen Dokumentations- und Versorgungsprozessen auf einen durchgängigen Datenfluss: Befunde, Laborwerte und weitere wichtige medizinische Informationen müssen so bereitgestellt werden, dass sie für Patientinnen und Patienten langfristig abrufbar bleiben. Gleichzeitig soll die ePA helfen, Doppeluntersuchungen zu reduzieren und Wechselwirkungen von Medikamenten besser zu erkennen. Dass die Nutzung parallel dazu wächst, zeigt sich auch bei der Verfügbarkeit bei den Versicherten: Gut 73 Millionen der 74,5 Millionen gesetzlich Versicherten haben eine ePA angelegt bekommen, wobei die Anlage auch ablehnbar ist. Für Privatpatienten, bei denen Versicherungen ePAs freiwillig anbieten können, wurden 386.000 ePAs angelegt.
Technisch interessant ist dabei, dass die Messgrößen des Ministeriums nicht nur auf „Zugriff“ zielen, sondern auf die tatsächliche Interaktion in der Versorgung. Laut Ressort würden pro Woche rund drei Millionen Dokumente hochgeladen, und es werden zudem mehr als 35 Millionen digital gespeicherte Listen mit verschriebenen Medikamenten geöffnet. Auch die Einstiegsebene spielt eine Rolle: Mehr als 5,4 Millionen Versicherte verfügen inzwischen über eine digitale Gesundheits-Identität, die den aktiven Zugriff auf die eigene ePA ermöglicht, beispielsweise zum Anzeigen von Daten oder zum Sperren sensibler Inhalte. In der Logik der Umsetzung ist das ein entscheidender Hebel, weil Identität und Zugriffsrechte die Voraussetzung für Vertrauen in den gesamten Lebenszyklus der Akte bilden.
Während das Ministerium die strukturelle Bereitschaft betont, stellt die Praxisperspektive einen Teil der Reibung in den Vordergrund. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ordnet die Entwicklung maßgeblich den niedergelassenen Praxen zu: Ohne sie, so der Tenor, gäbe es keine ePA „mit Leben“. KBV-Vorstandsmitglied Sibylle Steiner verweist darauf, dass seit Start der ePA fast 160 Millionen Dokumente hochgeladen wurden und 91 Prozent davon durch Praxen eingestellt wurden. Gleichzeitig bleiben aus KBV-Sicht zwei Engpässe spürbar: zeitweise technische Störungen sowie eine nicht durchgehend stabile technische Ausprägung im Alltag, die sich unmittelbar auf die Nutzung auswirken kann. Dazu kommt, dass die ePA im Bewusstsein vieler Patientinnen und Patienten noch nicht angekommen sei und der Anmeldeprozess für manche Menschen eine Hürde darstelle.
Interessant ist auch die Verteilung der Teilnahme auf den Versorgungssektoren, weil sie erklärt, warum Fortschritte oft zeitversetzt sichtbar werden. Nach Angaben der mehrheitlich bundeseigenen Digitalagentur Gematik nehmen aktuell 82.000 der 98.500 Arztpraxen am ePA-System teil. Ende vergangener Woche kamen zusätzlich 27.500 Zahnarztpraxen, 12.500 Apotheken und 1.300 Kliniken hinzu. Das Ministerium nennt als mögliche Erklärung für niedrigere Zahlen etwa Ferienzeiten, also einen Faktor, der in der Interpretation der Wochenwerte berücksichtigt werden muss. Für die Steuerung im Betrieb bedeutet das: Wer die Zielgröße „Nutzung“ bewertet, muss saisonale Effekte und Unterschiede im Kalender der Einrichtungen einrechnen, statt allein auf Stichtagszahlen zu schauen.
Auch die Frage nach Sanktionen zeigt, dass der Schwerpunkt derzeit stark auf dem technischen und organisatorischen Betrieb liegt. Das Bundesgesundheitsministerium nennt hierzu keine Zahlen zu gesetzlich vorgesehenen Konsequenzen, wenn eine Einrichtung nicht teilnimmt. Für IT-Verantwortliche und Praxisleitungen ist das relevant, weil der Druck zur Umsetzung dann vor allem aus Prozess- und Qualitätslogik entsteht: Wer ePA-fähig ist, muss die Befüllung auch in die Arbeitsabläufe integrieren, inklusive Dokumentenbereitstellung, Datenformaten und der Abstimmung mit den vorhandenen Praxis-IT-Workflows. Gerade hier entscheidet sich, ob die ePA als zusätzliche Oberfläche wahrgenommen wird oder ob sie zur unaufgeregten Erweiterung der bestehenden Dokumentationskette wird.
Aus Branchensicht ist das erste Jahr damit weniger ein „Zertifikat“ für vollständige Reife als vielmehr ein Belastungstest für die Kette aus Identität, Zugriff und Upload im Praxisalltag. Die steigende tägliche Nutzung liefert ein positives Signal, aber die von KBV angesprochenen Störungen und der Anmeldeprozess zeigen, dass die Erfolgsquote nicht nur von der Infrastruktur abhängt, sondern von der Usability und Stabilität im Betrieb. Für die nächsten Monate dürfte daher entscheidend sein, Störereignisse zu reduzieren, den Registrierungs- und Zugriffspfad robuster zu machen und die Zufriedenheit bei Patientinnen und Patienten messbar zu erhöhen. Wenn das gelingt, kann die ePA ihren eigentlichen Nutzen besser entfalten: Daten nicht nur verfügbar zu haben, sondern zuverlässig und im richtigen Moment in der Versorgungskette nutzbar zu machen.
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