LONDON (IT BOLTWISE) – Das Schweizer Startup Substack Labs bringt mit dem Brickboy ein Umwandlungs-Kit auf den Markt, mit dem ein Lego Game Boy zu einer echten, portablen Spielekonsole wird. Die Eingaben laufen nicht über klassische Taster, sondern über Neodym-Magnete, die ein Magnetometer ausliest und in Steuerbefehle übersetzt. Für das Setup benötigt das System im Idealfall rund eine Minute Kalibrierungszeit, bevor Retroarch-Emulation Game-Boy-Titel lädt. Mit 170 Euro richtet sich der Umbau vor allem an Lego- und Retro-Fans, denen Attrappen bisher zu wenig waren.

Lego hat schon lange Sets im Programm, die frühere Videospiel-Ästhetik aufgreifen. Doch bis zu diesem Umbau gab es eine Grenze: Der Lego Game Boy blieb eine Attrappe – auch wenn Buttons und Steuerkreuz optisch und haptisch stark an das Original angelehnt sind. Genau dort setzt der Brickboy an. Das Umwandlungs-Kit von Substack Labs macht aus dem bestehenden Lego Game Boy 72046 eine funktionsfähige Konsole, die neben dem Gehäuse auch die Eingaben und die Emulation nach außen hin erlebbar macht. Der Ansatz ist dabei bemerkenswert praxisnah, weil er auf ein nachrüstbares Hardware-Add-on setzt, statt einen kompletten Neuanfang zu verlangen.
Technisch betrachtet beginnt das Projekt mit einer cleveren, aber auch erklärungsbedürftigen Sensorik: Die Knöpfe und das Steuerkreuz werden nicht mechanisch über Schaltkontakte ausgewertet, sondern mit starken Neodym-Magneten bestückt. Diese Magnetfelder misst ein Magnetometer, das Größe und Richtung magnetischer Flussdichten erfassen kann. Aus den Messwerten leitet die Software dann die Nutzeraktion ab – etwa den Druck eines Buttons auf dem Steuerkreuz. Damit diese Methode zuverlässig funktioniert, liegt dem Brickboy-Set eine konkrete Bau- und Einbauanleitung bei, inklusive Markierungen zur Magnetausrichtung. Einige Magnete sind bereits in 1×1-Noppen eingeklebt, wodurch der mechanische Einbau leichter wird, während andere Stellen – etwa bei Start und Select – über Klemmmechaniken zwischen Lego-Elementen umgesetzt werden.
Für das Funktionieren entscheidend ist anschließend die Kalibrierung. Nach dem ersten Boot startet das System in eine Software, in der Nutzer die unterschiedlichen Knöpfe nacheinander in einem Minispiel drücken. Währenddessen werden die Magnetfelder der installierten Sensoren gemessen und gespeichert. Laut Beschreibung dauert das im Idealfall etwa eine Minute; der Clou ist jedoch die Rückmeldung: Wird etwas falsch verbaut, gibt die Kalibrierung einen schlechten Score aus und zwingt zur erneuten Durchführung. Zusätzlich bietet das Setup optionale Kalibrierpfade für weitere Bedienelemente, etwa einen oben per Technic-Pin schaltbaren Stein, der wahlweise als Einschaltknopf oder als funktionierender Schalter konfiguriert werden kann. Auch Start und Select lassen sich in dieser Logik einbinden, wobei das Team das Ganze aktuell als experimentell beschreibt – nicht zuletzt, weil die simulierten Tasten in einem mechanischen Spielraum sitzen.
In der Praxis zeigt sich dann ein typischer Kompromiss zwischen Retro-Feeling und DIY-Mechanik. Der Brickboy arbeitet beim Reaktionsverhalten nicht nur über die Magnetfeld-Erfassung, die nicht in jedem Szenario perfekt punktgenau wirkt, sondern auch über die Emulationsebene. Im Zentrum steht ein Raspberry Pi Zero 2 W mit vier ARM-Cortex-A53-Kernen; damit ist die Rechenleistung grundsätzlich höher als beim ursprünglichen 8-Bit-Prozessor, der mit 4,19 MHz taktet. Auf dem Pi läuft Retroarch, ein verbreitetes Linux-basiertes Emulator-Frontend aus der DIY-Szene. Es unterstützt beim Brickboy unter anderem.GB-, .GBC- und.GBA-Dateien, also für Game Boy, Game Boy Color und Game Boy Advance. Allerdings fehlen die Schultertasten des Game Boy Advance im klassischen Hardwarelayout, weshalb der Hersteller diese Eingaben über Tastenkombinationen abbildet – was für einige Titel okay ist, bei anderen aber eher nach Workaround klingt. Dazu kommt: Legosteine sind beweglich genug, dass nach Auseinanderbau oder Modifikation eine neue Kalibrierung nötig wird.
Auch der Weg, wie Spiele auf die Konsole kommen, zeigt den Umbau-Charakter. Statt eine Spielkassette wie beim Original einzustecken, ist der Platz im Brickboy-Gehäuse durch das Kontrollmodul belegt. Für den traditionellen Cartridge-Workflow bietet der Hersteller aber einen Cartridge Reader an, der per USB-C angeschlossen wird und die klassischen Module auslesen kann. Alternativ lässt sich emulierte Software auf den internen Speicher laden oder per SD-Karte nutzen; der Micro-SD-Slot ist dabei allerdings schwer erreichbar, sodass für Kartenwechsel ein Teil des Modells demontiert werden muss. Besonders bequem ist die Fernsteuerung: Über WLAN erreichen Nutzer eine lokale URL (brickboy.local) im Browser und bekommen ein Webinterface, über das Updates eingespielt und virtuelle Tasten gesteuert werden können. Das ist nicht nur komfortabel, sondern hilft auch dann, wenn physische Tasten wegen falscher oder zu driftender Kalibrierwerte gerade nicht sauber reagieren.
Damit ist der Brickboy nicht nur ein technisch interessantes Bastelprojekt, sondern auch ein Produkt, das bewusst die Nutzerlogik von Retro-Fans adressiert: Das Gerät zeigt Spiele über ein 2,4 Zoll LCD-Display an und bietet ein gut ablesbares, dem Original nachempfundenes Bildseitenverhältnis. In der Software können zudem Filter aktiviert werden, um klassische Graugrün-Ansichten oder den Game-Boy-Color-Look nachzuahmen. Für eine Zielgruppe, die auf Kickstarter bereits mehr als eine Million Euro mobilisiert hat, wird damit aus Lego wieder ein echtes Spielgerät – nicht zuletzt, weil vorinstallierte Titel aus einer Creator-Community stammen und speziell für Emulatorprojekte entwickelt wurden. Praktische Hürden bleiben dennoch: Im Test fiel etwa ein deutlich hörbares Spulenrauschen auf, das vor allem bei nicht voller Helligkeit auftrat; bei voller Helligkeit verschwand es fast vollständig. Insgesamt zeigt sich der Brickboy damit als Einstieg in die Welt der „Smart“-Legosätze, bei dem 170 Euro und die nötige Schraubstangen-ähnliche Geduld beim Einbau gegen ein deutlich stärkeres Nutzererlebnis eintauschen.
Schon jetzt macht Substack Labs außerdem klar, dass der Umbau nicht beim Game Boy stehenbleibt. Die Brickstation soll die Lego-Playstation (Set 72306) inklusive Disc-Laufwerk in eine echte Konsole verwandeln. Ob Lego selbst irgendwann ähnliche Konzepte direkt in offizielle Sets integriert, bleibt offen – die Nachfrage nach einer spielbaren Nostalgie spricht aber dafür, dass zumindest die Idee im Markt funktioniert. Für Unternehmen und Entwickler im Tech-Umfeld ist der Brickboy vor allem ein Lehrstück: Die Kombination aus Sensorik (Magnete und Magnetometer), Emulation (Retroarch) und einem komfortablen Steuerweg (lokales Webinterface) zeigt, wie sich auch „unflexible“ Hardwareplattformen in ein modernes, integriertes Nutzererlebnis übersetzen lassen. Gleichzeitig macht die Kalibrierabhängigkeit und die gelegentliche Latenz deutlich, wo die Grenzen liegen – besonders bei sehr reaktionsintensiven Genres wie Jump-’n’-Run oder Fighting-Games.
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