UPSTATE NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Die visuelle Künstlerin und Aktivistin August Lamm hat ihr Smartphone 2022 nach eigener Aussage abgeschafft, weil sie sich stärker von Benachrichtigungen ablenken ließ als bei ihrer Arbeit. In einem Interview beschreibt sie, wie sich ihr Alltag spürbar verändert hat: Sie fühlt sich präsenter, baut Stress-Kompetenzen analog auf und knüpft Kontakte anders. Lamm argumentiert außerdem, dass angebliche Zeitgewinne durch Apps oft nur aus vielen Mikro-Checks bestehen. Für Menschen, die sich an Navigation, Tickets oder QR-Menüs klammern, nennt sie als vorsichtigen Einstieg auch den Weg über ein einfaches Zweitgerät.

Viele Menschen empfinden das Smartphone nicht als Werkzeug, sondern als ständig aktiven Begleiter: Mit jedem Ping meldet sich das Gefühl zurück, noch etwas erledigen zu müssen. August Lamm, eine Visual Artist und Aktivistin aus dem US-Bundesstaat New York, beschreibt genau diesen Mechanismus als Auslöser ihres Umdenkens. Nach ihrer Darstellung war sie nach eigener Beobachtung 2022 mehr Zeit auf dem Bildschirm als an ihrer Kunst – und sie wollte aus dieser Dynamik aussteigen, bevor das Gerät ihre Aufmerksamkeit dauerhaft definiert. Sie entschied sich dafür, das Smartphone abzulegen, und macht das auch in ihrem Buch „You Don’t Need a Smartphone“ deutlich: Nicht der Verzicht als Prinzip soll im Zentrum stehen, sondern die konkrete Frage, was im Alltag real gewinnt und was sich neu ordnen lässt.
Technisch wirkt „Smartphone weg“ auf den ersten Blick wie ein kompletter Funktionsbruch. Genau hier setzt Lamm mit Alltagsbeispielen an, die vielen Nutzern vertraut sind: Routenplanung, Ticketzugriff oder Restaurantmenüs über QR-Codes. Ihre Kernthese lautet dabei nicht, dass diese Funktionen überflüssig wären, sondern dass man sie anders organisieren kann – oder dass ihr Nutzen häufig überschätzt wird. Dass sie für die ersten Veränderungen ausgerechnet das soziale Miteinander beobachtet, macht ihre Argumentation besonders plausibel: Wer keine Benachrichtigungs- und Scroll-Schleifen mehr bedienen muss, bleibt laut Lamm im Gespräch präsenter. Sie beschreibt, dass die eigene „offene soziale Energie“ steigt, weil das Gerät nicht parallel Aufmerksamkeit bindet, und dass damit auch die natürlichen Rhythmen zwischen Zeit zu zweit, Zeit allein und Zeit mit anderen wieder stärker zum Zuge kommen.
Für die Wirkung auf Beziehungen nennt Lamm mehrere praktische Mechanismen. Zum einen zwingt das Fehlen des Smartphones die Beteiligten, News nicht über Stories oder Gruppenkanäle zu verteilen, sondern direkt – etwa telefonisch oder persönlich. Zum anderen verschiebt sich der Moment, in dem aus einem „Wir müssen mal“ ein konkretes Treffen wird: Wo man sich sonst schnell auf Social-Media-Verknüpfungen einigt, erwähnt Lamm in ihrem Interview, dass sich Verabredungen häufiger unmittelbar im Gespräch ergeben. Ihre Darstellung ist damit auch eine Kritik an der Vergleichslogik digitaler Plattformen: Nicht nur das eigene Verhalten wird fragmentiert, auch die Erwartungen im Freundeskreis ändern sich. Wer seine Aufmerksamkeit bewusst zurückgewinnt, bekommt nach ihrer Schilderung nicht automatisch mehr Kontakte, aber stabilere Beziehungen, weil der Aufwand zur Kommunikation wieder sichtbar wird.
Auch beim Umgang mit Emotionen beschreibt Lamm einen Wandel, der unabhängig von Geräten stattfinden sollte: Wer sich sonst bei Stress, Unruhe oder unangenehmen Gefühlen schnell in Apps flüchtet, verliert diese „Coping“-Abkürzung. In der Anfangsphase fühlt es sich ihrer Aussage nach zunächst so an, als fehle ein nützliches Werkzeug, um mit den Emotionen umzugehen. Im Verlauf ersetzt sie diese Funktion dann durch analoge Alternativen – vom Anruf bei einer vertrauten Person bis zum Lesen, Spazierengehen oder Musikhören. Parallel dazu reduziert sich laut Lamm die Alarmbereitschaft, sobald Gefühle auftauchen: Wenn man es übt, wird die Situation weniger bedrohlich. Ergänzend ordnet sie das als Aufmerksamkeitsfrage ein: Fragmentierung durch dauernde Unterbrechungen nimmt die Menschen aus dem „Jetzt“, Präsenz bedeutet hingegen, den Moment so zu akzeptieren, wie er gerade ist – ohne ihn dauernd gegen andere Momente zu tauschen.
Das Thema „Zeit“ ist dabei der Punkt, an dem Lamm ihre Argumentation am stärksten an Alltagsszenarien koppelt. Sie behauptet nicht, dass jede Aufgabe plötzlich verschwindet, sondern dass das Zeitkonto anders aussieht, sobald die ständigen Mikro-Checks wegfallen. Wenn am Tag fünf Stunden Scrollen hinzukommen, entsteht nach ihrer Logik zwar die Illusion von produktiver Unterhaltung oder Informationsgewinn – real summieren sich aber kurze Ablenkungen: Nachrichten beantworten, Schlagzeilen checken, erneut nachsehen. Entfernt man die Möglichkeit, wieder in diese Schleifen zu geraten, entsteht demnach freie Zeit – und diese Lücken werden nicht automatisch durch weitere digitale Nutzung gefüllt. Interessant ist auch die Gegenrechnung: Lamm betont, dass Alltagswege wie Behördengänge, Bibliotheksbesuche oder das Erledigen von Telefon- beziehungsweise Post-Themen nicht „stundenlang“ dauern, wie es viele befürchten. Gleichzeitig verbinden sich diese Wege oft mit Nutzen außerhalb des Bildschirms, etwa Bewegung oder realer sozialer Interaktion.
Als Kontext für das persönliche Erleben verweist Lamm zudem auf eine wissenschaftlich motivierte Einordnung der Bildschirmzeit: Laut Angaben der US-Office of the Surgeon General verbringen viele Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren mehr als acht Stunden täglich mit Bildschirmen. In diesem Umfeld, so die dortige Schlussfolgerung, gehen hohe Screen-Time-Werte mit schlechterer körperlicher und psychischer Gesundheit sowie mit geringerem Wohlbefinden einher. In der Praxis überträgt Lamm diese Sicht auf ihr eigenes Gehirn und ihre Orientierungskompetenz: Sie beschreibt, dass sie Fähigkeiten wieder „automatisch“ nutzbar sieht, anstatt ständig neue Routinen im Umgang mit einem Gerät zu erlernen. Wer Navigation und Aufgabenplanung vollständig an ein Smartphone koppelt, lernt nach ihrer Darstellung schneller eine Art „Hilflosigkeit“, weil Orientierung im Alltag nicht mehr aktiv geübt wird.
Für die Umsetzung schlägt Lamm keinen radikalen Ein-Satz-Plan vor, sondern eine Testphase. Ihr Vorschlag lautet, ein Leben ohne Smartphone zunächst für einen Monat auszuprobieren und erst danach zu entscheiden, welche Funktionen man wirklich braucht. Wer spezielle medizinische Apps nutzt, müsse nicht komplett verzichten: Sie empfiehlt als pragmatischen Zwischenschritt ein „dummes“ Zweitgerät als primären Ersatz zu nutzen und das Smartphone dann ausschließlich als medizinisches Werkzeug zu behandeln. Ergänzend bringt Kara Alaimo in der Quelle einen weiteren Blickwinkel aus dem Bereich Kommunikation ein: Sie arbeitet als Professorin für Kommunikation und berät Eltern, Studierende und Lehrkräfte beim Management von Screen Time; ihr Buch richtet sich auf die Frage, warum Social Media für bestimmte Gruppen besonders schädlich sein kann. Für Unternehmen und Produktverantwortliche ergibt sich daraus weniger ein moralischer Appell, sondern eine klare Produkt- und Policy-Herausforderung: Wenn Aufmerksamkeit sich so leicht fragmentiert, brauchen digitale Dienste Gestaltung, die nicht nur Engagement misst, sondern auch Resilienz und gesunden Umgang mit Unterbrechungen fördert.
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