MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Gloria-Sophie Burkandt erklärt, warum sie ihr Buch über Künstliche Intelligenz nicht als TikTok-Serie gedacht hat, obwohl ihre Generation stark von kurzen Formaten geprägt ist. Sie beschreibt, wie ihre Texte zwischen Reflexion, Hoffnung und gesellschaftlicher Beobachtung hin- und herspringen. Im Gespräch ordnet sie außerdem die derzeitige „Endzeitstimmung“ ein und macht dabei einen Generationenkonflikt zwischen Lehrenden und Lernenden sichtbar. Gleichzeitig betont sie: KI kann Wissen liefern, Entscheidungen über Beruf, Freundschaften und Liebe trifft sie aber selbst.

Gloria-Sophie Burkandt hat ihr Buch „Generation KI“ nicht als Gegenentwurf zu Social Media verstanden, sondern als Versuch, die eigene Denkbewegung lesbar zu machen. In ihrer Darstellung liest ihre Generation nicht mehr streng linear, sie springt gedanklich und kommt über kurze Impulse zu längeren Schlussfolgerungen. Genau deshalb wirkt das Tagebuchhafte in ihrem Sachbuch-Ansatz nicht wie ein Zufall, sondern wie eine Form, die das mentale Navigieren der Gegenwart abbilden soll. Burkandt sagt zugleich, sie nutze Künstliche Intelligenz im Alltag ständig; trotzdem sei ein Werk „aus der Maschine“ aus ihrer Sicht an Eintönigkeit, fehlenden Nuancen und einem auffälligen Perfektionismus erkennbar.
Technisch betrachtet ist diese Beobachtung weniger eine ästhetische Frage als eine Frage der Textdynamik: KI-gestützte Systeme erzeugen häufig glatte Übergänge, die zwar sprachlich korrekt sind, aber emotionale Schwankungen und Widersprüche im Autorinnen- bzw. Autorbewusstsein nicht automatisch tragen. Burkandts Argument zielt daher auf den Unterschied zwischen „Erzeugen“ und „Erleben“: Sie beschreibt ihr Schreiben als Wechsel aus tiefen Momenten, Erleichterung und Optimismus sowie stärkerer Reflexion. Damit stellt sie ein Bewertungskriterium in den Vordergrund, das in KI-Workflows oft untergeht: nicht nur das Ergebnis, sondern die Spur der Entscheidungswege. Gerade wenn KI für Textarbeit eingesetzt wird, müssen Autorinnen und Autoren bewusst steuern, welche Unschärfen, Brüche und persönlichen Perspektiven im finalen Dokument bleiben.
Aus Marktsicht fällt auf, wie Burkandt die Debatte um KI einordnet, ohne sich in reine Alarm- oder Jubelrhetorik zu verbeißen. Sie nimmt die in der Tech-Branche häufig zitierte Sorge auf, dass KI bei ungebremstem Tempo gefährlich werden könnte, und sagt, sie habe diese Warnungen „schon lange“ gekannt. Ihr Punkt ist aber ein anderer: Erkenntnisse werden nicht automatisch zu Medienereignissen, nur weil sie existieren. Sie vergleicht das mit der Innovationslogik vieler Startups, in der das Excitement über Forschung und Fortschritt so groß ist, dass der „andere Aspekt“ aus dem Blick geraten kann. Für Unternehmen und Produktteams heißt das übersetzt: Sicherheits- und Wirkungsfragen sind nicht nur ein Thema für Kommunikation, sondern müssen als Teil des Produktlebenszyklus organisiert werden – von der Priorisierung über Tests bis hin zu Verantwortlichkeiten.
In ihrem Buch verknüpft Burkandt das Thema KI zudem mit einem breiteren sozialen Zustand. Nach Corona beschreibt sie eine zugespitzte „krasse Endzeitstimmung“, die durch Kriege und die globale Erwärmung verstärkt werde. Für viele junge Menschen sei die Lage dadurch zeitweise hoffnungslos, gleichzeitig aber nicht in Gleichgültigkeit umgeschlagen: Sie schildert, dass junge Leute trotz Stress und Unsicherheit TikToks machen, zusammen sind, Spaß haben und draußen unterwegs sind. Diese Ambivalenz ordnet sie als Generation der Empathie und Sinnhaftigkeit ein, die Jobs zwar möchte, aber nicht mehr bereit ist, dauerhaft für Geld in unpassenden Rollen zu bleiben. Ihre Forderung an Eltern und Führungskräfte läuft darauf hinaus, einen „Generationskonflikt“ nicht zu verschärfen: Sie warnt davor, dass Belehrungen von oben herab demotivieren und die Ideen sowie Hoffnungen junger Menschen einschränken können. Das Bild einer „Brandmauer“ greift damit auch in die KI-Debatte hinein, weil Technikberatung ohne gegenseitiges Zuhören für sie nicht funktioniert.
Auch ihre persönlichen Grenzen gegenüber KI sind bemerkenswert konkret. Burkandt sagt, sie frage KI bei Wissensfragen, aber sie lasse nicht zu, dass die Maschine ihre Intuition beeinflusst. Berufliche Entscheidungen, menschliche Entscheidungen, Freundschaften, Liebe und Familie treffe sie nur selbst. Dieses „Ja-Nein-Mechanik“-Gefühl – häufig zuerst ein Kopf, der Nein signalisiert, dann ein Bauchgefühl, das Ja sagt – ist für sie nicht einfach irrational, sondern eine Art Entscheidungsfilter, der nicht auf Logik allein reduzierbar ist. In der Praxis ist das für viele Organisationen ein Hinweis darauf, wie KI-gestützte Systeme in Beratung und HR eingebettet werden sollten: Sie können Argumente liefern, Risiken aufzeigen und Daten verdichten, doch die finalen Entscheidungen müssen durch verantwortliche Menschen getroffen und auch nachvollziehbar begründet werden.
Gleichzeitig diskutiert Burkandt einen realistischen Nutzen, den viele skeptische Leserinnen und Leser in der KI-Debatte übersehen. Sie beschreibt, dass KI für Menschen ohne starkes soziales Umfeld eine gute Möglichkeit sein kann, Nähe oder Orientierung zu finden. In psychologischen Grenzbereichen sieht sie ein Potenzial, wenn KI empathisch reagiert und Einstiegshilfen gibt – etwa für Menschen, die sich nicht trauen, direkt zu einem Psychologen oder Therapeuten zu gehen, oder die nicht wissen, wie sie Konflikte und Diskussionen angehen sollen. Der entscheidende Zusatz steckt für sie in der Arbeit an sich selbst: KI könne den Anstoß liefern, damit Menschen offener an Themen arbeiten. Hier wird deutlich, dass sie nicht nur über KI-Technik spricht, sondern über Mensch-KI-Interaktion als gesellschaftliches Werkzeug.
Für die politische Dimension gibt es in ihrem Gespräch ebenfalls einen konkreten Anker. Sie berichtet, dass ihr Vater nach dem Start in das Thema einen neuen Ministerposten angekündigt habe – „Minister für Jugend und Demokratie“ – und daraus für sie ein klares Signal wird: Leadership bedeutet für sie, das Thema ernst zu nehmen und die Jugend nicht als Randgruppe zu behandeln. Dass sie dabei betont, Politiker müssten sich der Jugend und der Bevölkerung anpassen, ist weniger ein Plädoyer gegen Erfahrung als gegen Sprachlosigkeit. Gleichzeitig macht sie eine weitere, ökonomische Perspektive auf: Sie glaubt, KI-Unternehmen würden langfristig höher besteuert werden, was sich über Steuern auf die Bevölkerung auswirken könne, wenn Jobs wegfallen. Als mögliche Antwort skizziert sie ein bedingungsloses Grundeinkommen und verbindet das mit einem Zielbild, in dem niemand hungern, in Angst leben oder ungerecht behandelt werden soll. Für Leserinnen und Leser mit Unternehmenshintergrund ist das vor allem eine Einladung, KI nicht nur als Kostenthema oder Automatisierungshebel zu sehen, sondern als Stellschraube für gesellschaftliche Stabilität.
Warum wirkt „Generation KI“ also als Buch und nicht als TikTok-Format? Burkandt erklärt, sie sei keine klassische Influencerin, der Umgang mit Instagram-Reden und das Schneiden von Videos sei ihr unangenehm. Dazu kommt ein pragmatischer Gedanke: Sie wollte ihre Gedanken zunächst wie in einem Tagebuch festhalten und erst bei Eskalation bzw. zunehmender Tragweite an Veröffentlichung denken. In der Logik des Textes ist das konsequent: Sie versteht das Buch als offene Einladung zum Lesen, ohne den Anspruch, sofort alles für die Reichweite zu optimieren. Das ist am Ende auch eine Position zur Medienkompetenz: Nicht jede komplexe Debatte lässt sich in kurze Clips übersetzen, ohne dass Nuancen verloren gehen. Wenn KI in den Alltag drängt, braucht es genau diese Mischung aus technischer Wachheit und menschlicher Selbstreflexion – und genau dafür liefert Burkandt mit ihrem Format eine Lesebrücke.
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