LUDWIGSHAFEN/ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – BASF hält sich laut Kreisen ein höheres Gebot für Evonik offen, aber erst nach einem Blick auf die Bücher. In einem ersten Schritt soll BASF 22,15 Euro je Aktie geboten haben. Damit wäre Evonik inklusive Schulden auf mehr als 14 Milliarden Euro bewertet worden. Das Angebot wurde als zu niedrig abgelehnt, während der Spezialchemiekonzern zugleich betont, Beschäftigung und Standorte vertraglich absichern zu wollen.

Die Übernahmefantasie zwischen BASF und Evonik gewinnt an Fahrt, ohne dass die grundsätzlichen Unterschiede im Verhandlungston verschwinden. Laut Kreisen soll BASF zwar grundsätzlich bereit sein, über ein höheres Angebot zu sprechen, dabei aber einen entscheidenden Prüfpunkt setzen: Erst nach einem Blick in die Bücher von Evonik will man den nächsten Schritt gehen. Diese Reihenfolge ist für beide Seiten strategisch, weil sie nicht nur den Kaufpreis betrifft, sondern auch die Frage, wie belastbar die Zukunftsannahmen zur Profitabilität und zu den Risiken im Portfolio sind. Unterm Strich wird damit das übliche Muster größerer Industriekonsolidierungen sichtbar: Angebote werden nicht im luftleeren Raum erhöht, sondern an Transparenz und an die Bewertung von konkreten Positionen gekoppelt.
Konkreter wird es bei der ersten Preislinie, die als Orientierung genannt wird: BASF soll in einem ersten Vorstoß 22,15 Euro je Aktie geboten haben. Auf Basis dieser Größenordnung hätte Evonik inklusive Schulden auf mehr als 14 Milliarden Euro bewertet werden können, was in der öffentlichen Diskussion schnell zu einem Bewertungsnagel für die Verhandlungen wird. Das Angebot wurde demnach als zu niedrig abgelehnt. Gerade in der europäischen Chemiebranche kommt hinzu, dass Investoren in den letzten Jahren stärker zwischen zyklischem Ergebnisrauschen und struktureller Ertragskraft unterscheiden. Wer in solchen Phasen konsolidiert, muss deshalb nicht nur einen Aufschlag liefern, sondern auch die Kalkulation so darstellen, dass sie gegenüber einem Umfeld mit hoher Konkurrenz aus China und teils sehr energieintensiven Produktionsketten Bestand hat.
Bemerkenswert ist außerdem, wie klar die Diskussion um den Schutz von Beschäftigung und Standorten geführt wird. Es heißt, BASF wolle bestehende Verträge zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten bei Evonik nicht angetastet werden, und bei einer Übernahme müssten sie vollumfänglich eingehalten werden. Für Evonik ist das ein zentraler Hebel, um Zustimmung im eigenen Umfeld zu organisieren; zugleich wird betont, dass betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland trotz eines geplanten Stellenabbaus bis 2032 ausgeschlossen sind. Der Stellenabbau soll demnach auf freiwilliger Basis über Abfindungen erfolgen. Solche Zusagen sind zwar keine technische Spezifikation, wirken aber wie eine Kosten- und Planungsgrenze im Business Case, weil sie die erwarteten Restrukturierungskosten und die Umsetzbarkeit im Zeithorizont beeinflussen.
Aus technischer und operativer Perspektive verlagert sich der Blick dann auf das Portfolio und damit auf mögliche Transaktionsbausteine. Neben dem Angebot und den arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen soll BASF sich Pläne von Evonik zu möglichen Verkäufen von Unternehmensteilen ansehen. Dabei wird insbesondere Syneqt als potenziell relevanter Kandidat genannt, also als Bereich, der eng mit der Infrastruktur von Chemieparks verknüpft ist. Für einen Konzern wie BASF kann das strategisch attraktiv sein, weil Chemiepark- und Infrastrukturmodelle Schnittstellen zu Logistik, Versorgungsnetzen und industriellen Services schaffen. Gleichzeitig senkt eine solche Strukturierung das Risiko, dass zu viel Komplexität direkt in den Grunderwerb „eingekauft“ wird: Teile können getrennt bewertet, übertragen und später in ein konsistentes Betriebsmodell integriert werden.
Der Marktkontext liefert zudem den zeitlichen Rahmen. Vor knapp drei Wochen hatten beteiligte Unternehmen sowie die RAG-Stiftung öffentlich gemacht, dass es ein Angebot gibt; Evonik sprach dabei von einer unverbindlichen „Ansprache“ durch BASF. Gleichzeitig hieß es, Gespräche fänden derzeit nicht statt und der Fortgang der Sondierungen sei offen. Dass die Evonik-Aktie vor den ersten Berichten über die Pläne von BASF zeitweise über 18 Euro notierte und aktuell bei 21,68 Euro liegt, zeigt die Spannung zwischen Erwartungshaltung und Bewertungsdisziplin: Kapitalmärkte preisen oft ein, dass ein höherer Preis möglich ist, aber sie reagieren auch darauf, wenn Angebote als nicht passend empfunden werden. Analyst Sebastian Bray von der Privatbank Berenberg hält laut Studie sogar eine Offerte von 24 bis 25 Euro für denkbar, was die Bandbreite zwischen Verhandlungsergebnis und Annahme im Kapitalmarkt nach oben markiert.
Für die Umsetzung auf Unternehmensebene bedeutet das: Eine reine Erhöhung des Aktienkurses ist selten genug, um die nächste Verhandlungsphase zu gewinnen. BASF braucht offenbar verlässliche Einsicht in die Bücher, um die Bewertung von Risiken und Potenzialen zu untermauern; Evonik wiederum nutzt vertragliche Sicherungen, um den organisatorischen Übergang planbar zu halten. Die angekündigte mögliche Betrachtung von Verkäufen einzelner Einheiten wie Syneqt deutet außerdem an, dass es nicht nur um „Deal oder kein Deal“ geht, sondern um die Architektur der späteren Unternehmensgruppe. In der europäischen Chemie wird Konsolidierung damit zunehmend zu einem Testfeld dafür, wie sauber Finanzlogik, Standortrealität und operative Integration ineinandergreifen.
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