LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie vergleicht kurzzeitiges Glück mit Staunen, um zu prüfen, was Menschen für soziale Vielfalt öffnet. Entscheidend ist: Glück verschiebt Einstellungen messbar Richtung Inklusion und senkt zugleich die Tendenz zu sozialer Hierarchie. Staunen dagegen zeigt im Experiment praktisch keine Wirkung auf diese Einstellungen. Die Ergebnisse stellen damit die verbreitete Erwartung infrage, dass Staunen als „stärkeres“ positives Gefühl automatisch besser funktioniert als andere Emotionen.

Warum Glück offener für Vielfalt macht – und Staunen kaum
Warum Glück offener für Vielfalt macht – und Staunen kaum (Foto: IT BOLTWISE)
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Statt großer Geste genügt offenbar manchmal ein kurzer Stimmungsschub: Forschende berichten, dass eine kurze Phase von Glück („happiness“) die Offenheit gegenüber sozialer Vielfalt messbar erhöht. Im Vergleich dazu blieb das klassische Gegenstück, Staunen („awe“), in der aktuellen Untersuchung ohne statistisch belastbaren Effekt auf mehrere Einstellungen zu Inklusion und Gleichheit. Die Arbeit, veröffentlicht in der International Journal of Psychology, greift damit eine Erwartung auf, die in der Psychologie häufig mit Staunen verknüpft wird: Wer sich für einen Moment „klein“ fühlt und gleichzeitig Verbundenheit mit etwas Größerem erlebt, soll eher akzeptierend reagieren. Genau diese Annahme wurde hier gezielt gegen die Wirkung von Glück getestet.

Staunen wird in der Studie als Reaktion beschrieben, die typischerweise durch das Erleben von etwas Weitem und Außergewöhnlichem ausgelöst wird – etwa einen klaren Sternenhimmel oder mächtige Landschaften. Inhaltlich geht es dabei um mehr als nur „positive Gefühle“: Staunen soll Aufmerksamkeit von der eigenen Person weglenken und die Wahrnehmung fördern, dass die Umgebung miteinander verknüpft und bedeutsam ist. Weil dieser Zustand Menschen stärker als Teil eines größeren Ganzen begreifen lässt, war die Hypothese naheliegend, dass Staunen auch zu mehr Offenheit gegenüber unterschiedlichen sozialen Gruppen führen könnte. Neu an der aktuellen Arbeit ist jedoch, dass sie das Wirkprinzip nicht über theoretische Plausibilität versucht, sondern in einem Experiment direkt mit Glück vergleicht.

Das Team um Jens Agerström (Linnaeus University) setzte dafür auf ein kontrolliertes Studiendesign mit 3.196 Teilnehmenden, rekrutiert über die Online-Forschungsplattform Prolific. Die Probandinnen und Probanden – im Mittel etwa 40 Jahre alt – wurden zufällig drei Gruppen zugeordnet. Jede Gruppe sah für 28 Sekunden ein Video, das jeweils eine spezifische emotionale Reaktion anstoßen sollte: Die Staunen-Gruppe zeigte majestätische Bilder des Universums, weite Landschaften und die Mondlandung Apollo 11, begleitet von großflächiger Musik. Die Glück-Gruppe zeigte fröhliche Szenen mit Kindern beim Spielen sowie Geburtstagsfeiern, ebenfalls mit passender Musik. Eine neutrale Kontrollgruppe sah stattdessen alltagsnahe Aufnahmen von Menschen beim Studieren oder bei einer Kaffeepause, mit Umgebungsgeräuschen.

Unmittelbar nach dem Clip füllten die Teilnehmenden drei Fragebatterien aus, die unterschiedliche Dimensionen von Einstellungen gegenüber Vielfalt abbilden: Erstens ging es um allgemeine Einstellungen zur Vielfalt, also etwa die Wertschätzung, Menschen aus verschiedenen kulturellen oder „rassischen“ Hintergründen kennenzulernen. Zweitens wurde „diversity fatigue“ erfasst, also das Gefühl von Ermüdung oder Ärger im Kontext gesellschaftlicher Inklusionsbemühungen. Drittens maßen die Forschenden die soziale Dominanzorientierung, die beschreibt, wie stark jemand akzeptiert, dass bestimmte Gruppen anderen grundsätzlich überlegen oder Unterordnung gegenüber Ungleichheit legitim ist. Das Ergebnis war dabei klar: Staunen veränderte die Antworten in allen drei Bereichen nicht statistisch signifikant gegenüber der neutralen Kontrolle.

Glück hingegen verschob die Werte wiederholt in die erwartete Richtung. So lag die durchschnittliche „diversity attitude“-Punktzahl der neutralen Gruppe bei etwa 4,6 auf einer 6-Punkte-Skala; die Glück-Gruppe lag bei ungefähr 0,08 Punkten darüber. Auch „diversity fatigue“ sank: Die neutrale Gruppe kam im Schnitt auf etwa 2,1 bei 5 Punkten, die Glück-Gruppe auf rund 0,10 Punkte weniger. Bei der Präferenz für Gruppenhierarchien fiel die Differenz ähnlich aus: neutral etwa 2,4 auf einer 6-Punkte-Skala, Glück etwa 0,15 Punkte darunter. Betrachtet man die Emotionen direkt gegeneinander, berichtet die Studie außerdem, dass die Glück-Gruppe positivere Einstellungen zur Vielfalt meldete als die Staunen-Gruppe und zugleich eine etwas geringere Neigung zur sozialen Hierarchie zeigte – letzteres lag nur knapp an der Schwelle zur statistischen Signifikanz. Für „diversity fatigue“ ergab sich dagegen kein verlässlicher Unterschied zwischen Glück und Staunen.

Wichtig ist: Die beobachteten Effekte bleiben klein und beziehen sich auf sehr kurzfristige Selbstauskünfte direkt nach der Videopräsentation. Dennoch liefert die Arbeit eine interessante Verschiebung der Debatte, weil frühere Befunde Staunen mit stärkerer Prossozialität in Verbindung gebracht hatten. Eine 2015-Studie mit dem DOI 10.1037/pspi0000018 beschreibt etwa, dass Staunen die Aufmerksamkeit weg von der Selbstorientierung lenken und Großzügigkeit fördern kann; in einem Experiment gaben Erwachsene nach einem Staunen auslösenden Naturclip mehr Lose ab als nach einem Clip, der Glück auslöste. Eine weitere, in der Studie referenzierte Untersuchung aus dem Jahr 2023 hatte zudem gezeigt, dass Staunen bei Kindern eher mit Spenden an Mitglieder einer Außengruppe zusammenhing. Gleichzeitig verweist die neue Arbeit auf ein älteres Ergebnis aus dem Jahr 1994 (10.1037/0022-3514.66.4.621), wonach glückliche Stimmung auch mit stärkerer Stereotypenorientierung einhergehen kann. Genau deshalb war der Vergleich zwischen Staunen und Glück methodisch plausibel: Glück ist nicht automatisch „besser“, Staunen gilt aber häufig als Kandidat für nachhaltigere soziale Effekte.

Die Autorinnen und Autoren versuchen mehrere Erklärungen, warum Staunen hier „durchfiel“. Agerström spricht in der Studie davon, dass kurze Staunen-Induktionen nicht den Eindruck erwecken, Menschen stärker „diversity-orientiert“ zu machen. In einem wörtlich wiedergegebenen Kommentar hält er fest: „Brief inductions of awe do not seem to make people more diversity oriented.“ Auch der konkrete Befund wird zugespitzt: „Somewhat unexpectedly we found that happiness, which we used as a contrasting emotion, resulted in more positive diversity-related attitudes. Perhaps most interestingly, happiness seems to reduce social dominance, an individual difference characteristic capturing preferences for inequality and discrimination.“ Die Studie diskutiert zudem, dass die 28 Sekunden möglicherweise nicht die Tiefe eines echten, lebensweltlichen Staunens erreichen. Außerdem könnte das präsentierte Staunen zwar Überraschung enthalten, aber wenig Angst – das wiederum könnte eher einen Suchprozess nach „Ordnung“ auslösen, statt Neugier und Offenheit zu befördern. Ein weiterer möglicher Punkt ist, dass das in der Theorie oft als zentral angenommene „small self“-Erleben hier nicht ausreichend gemessen oder tatsächlich nicht stark genug aktiviert wurde.

Über die rein psychologische Ebene hinaus ist der Befund auch für Organisationen relevant, die heute mit Emotionen in Kommunikation und Change-Formaten arbeiten – allerdings eher als Warnsignal vor einfachen Intuitionen. Wenn Staunen tatsächlich nicht zuverlässig als Hebel für inklusive Einstellungen funktioniert, dann sollten Trainings und Kampagnen nicht nur auf „große Momente“ setzen, sondern bewusst auf Stimmungs- und Bindungseffekte achten. Zugleich betont Ewa Palikot (Polnische Akademie der Wissenschaften) in einem wörtlich wiedergegebenen Hinweis, dass die kurze Studiensituation nicht automatisch auf Verhalten im Alltag übertragbar ist: „It is important to remember that these findings do not mean that happier people are necessarily more open to diversity in everyday life.“ Auch sie unterstreicht, dass das Design unmittelbare Einstellungen nach dem Video erfasst und offen bleibt, wie lange mögliche Effekte anhalten und ob sie sich in tatsächliches Handeln übersetzen. Für die weitere Forschung kündigen die Autorinnen und Autoren außerdem „unauffällige“ Studien an, die weniger auf sozial erwünschte Antworten setzen und stärker beobachtbares Verhalten in den Blick nehmen.


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