BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundesrat hat die Reform der Tabaksteuer gebilligt: Zwischen 2027 und 2030 steigen die Steuersätze für Zigaretten und weitere Tabakprodukte deutlich. Für eine 20er-Packung werden nach Prognosen des Bundesfinanzministeriums von 8,05 Euro heute auf 9,10 Euro im kommenden Jahr, 9,91 Euro 2028, 10,81 Euro 2029 und 11,78 Euro 2030 schätzungsweise höhere Preise fällig. Gleichzeitig rechnet der Bund mit zusätzlichen Einnahmen von rund 12 Milliarden Euro binnen vier Jahren. Ob sich die Mehreinnahmen realisieren, hängt auch davon ab, ob Konsumenten auf Schwarzmarkt-Angebote ausweichen.

Die nächste Preiserhöhung im Tabakregime steht für den deutschen Markt schon im Kalender: Nachdem der Bundestag die Reform der Tabaksteuer bereits gebilligt hatte, hat nun auch der Bundesrat zugestimmt. Konkret gilt der Schritt für den Zeitraum 2027 bis 2030 und zielt darauf, die Steuersätze für Zigaretten sowie weitere Tabakprodukte spürbar anzuheben. Weil sich die höheren Abgaben über den Handel bis zum Endkunden durchreichen, steigen die Ladenpreise; die Debatte verlagert sich damit von der Gesetzesarchitektur in die Frage, wie stark sich Konsummuster und Einkaufswege tatsächlich verändern.
Beim Rechnen wird die Richtung besonders greifbar: Kostet eine 20er-Packung Zigaretten derzeit im Schnitt 8,05 Euro, sollen die Preise im kommenden Jahr bei 9,10 Euro liegen. Für 2028 sind 9,91 Euro prognostiziert, für 2029 10,81 Euro und für 2030 schließlich 11,78 Euro. Die Annahmen stützen sich auf eine Prognose des Bundesfinanzministeriums; zudem deutet eine Branchenschätzung darauf hin, dass Markenzigaretten in der Spitze bis zu 14 Euro kosten könnten. Gleichzeitig wird nicht nur der klassische Zigarettenmarkt erfasst, sondern auch Feinschnitt (Tabak zum Selbstdrehen), Zigarren, Zigarillos, Shisha-Tabak sowie Liquids für E-Zigaretten.
Finanziell steht hinter dem Paket eine klare Erwartung des Bundes: Es sollen zusätzliche Steuereinnahmen von rund 12 Milliarden Euro innerhalb von vier Jahren entstehen. Aufgeschlüsselt wird dies mit 1,5 Milliarden Euro extra im Jahr 2027 und 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2030. Im Hintergrund läuft dabei ein bekannter Mechanismus aus Steuerpolitik und Preisbildung: Höhere Stückabgaben erhöhen die Kostenbasis legaler Händler, während der Staat Einnahmen aus diesen Abgaben erwartet. Genau hier setzt jedoch die Gegenposition an; die Tabakbranche zweifelt, dass die fiskalische Rechnung aufgeht.
Aus Sicht der Branche ist der erwartete Effekt nicht nur eine Belastung der Konsumenten, sondern auch ein Risiko für den legalen Handel. Der Branchenverband BVTE nennt die Befürchtung, dass Raucher auf den Schwarzmarkt ausweichen könnten; Jan Mücke sieht die fiskalischen Pläne als „Luftschlösser“ und als „ein Konjunkturprogramm für die organisierte Kriminalität“. Auch wenn der Ton politisch kontrovers ist, bleibt das Kernargument nachvollziehbar: Sinkt die tatsächliche legale Abnahmemenge stärker als geplant, gerät der erwartete Einnahmenpfad unter Druck. Im Gesetzgebungsverfahren spiegelte sich das an der CDU-Position von Carsten Brodesser, der moderate Steueranhebungen forderte, damit Konsumenten nicht auf Zigaretten aus dem EU-Ausland oder „Schwarzmarkt-Kippen“ umschwenken; Brodesser warnte, man erreiche sonst weder das gewünschte fiskalische Ergebnis noch eine Stabilisierung des legalen Tabakmarktes.
Die Regierungsseite und die SPD setzen dem ein anderes Zielbild entgegen: Auch wenn Haushaltskonsolidierung eine Rolle spielt, soll die Maßnahme zugleich Preissignale setzen, die den Gesundheitsschutz unterstützen. Der SPD-Abgeordnete Ingo Vogel formulierte im Bundestag, man wolle „Preissignale setzen, die dem Gesundheitsschutz dienen“, indem der Einstieg in den Nikotinkonsum weniger attraktiv werde. Bei Liquids für E-Zigaretten sei zudem nachgesteuert worden, erklärte Vogel: „Gerade günstige Produkte sollen nicht zum einfachen Einstieg in den Nikotinkonsum werden, und deshalb erhöhen wir hier die Preisschwelle.“ Gleichzeitig nimmt die Koalition die Warnungen hinsichtlich Schwarzmarktfolgen ernst; Vogel sagte, man nehme die Warnungen des Zolls und der Zollgewerkschaft „sehr, sehr ernst“, und falls sich die Nachfrage in illegale Kanäle verlagere, verlören Politik und Staat nicht nur fiskalisch, sondern müssten sich auch stärker um „kriminelle Strukturen“ kümmern.
Dass diese Zielkonflikte nicht ausgeräumt sind, zeigt die parlamentarische Gegenrede quer durch mehrere Fraktionen. Die AfD zweifelte die Argumentationslinie der Koalition an: Der AfD-Abgeordnete Christian Douglas verwies darauf, dass im Raum stehe, die Steueranhebung diene dem Gesundheitsschutz, während gleichzeitig steigende Steuereinnahmen erwartet würden. Grüne Einwände fokussierten auf Durchsetzung und Mittel: Sascha Müller appellierte an die Bundesregierung, dem Zoll die nötigen Ressourcen bereitzustellen. Auch AfD und Linke stimmten gegen die Gesetzesnovelle, während Teile der CDU/CSU-Fraktion ebenfalls gegen die Reform votierten.
Am Ende des Verfahrens gab es zudem eine vorsichtig positive Bewertung aus dem Gesundheitsbereich – allerdings mit Einschränkungen. Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) wertete höhere Preise als effektive Maßnahme, damit Raucher oder angehende Raucher sich „umscheiden und erst gar keine Zigaretten kaufen“, zugleich aber: „Das ist ein guter Schritt in die richtige Richtung, aber das Gesetz ist nicht ambitioniert genug“. Als Begründung verwies Schaller darauf, dass Alternativen zu Zigaretten ihrer Einschätzung nach weiterhin zu günstig bleiben könnten; genannt wurden Feinschnitt zum Selbstdrehen sowie zigarettenähnliche Zigarillos. Für den Reformausgang zählt damit letztlich nicht nur, wie stark der Staat die Steuersätze anhebt, sondern wie sich Konsumenten tatsächlich substituieren: Wenn der Weg von „Zigarette“ zu „anderem Tabakprodukt“ leichter wird als der Weg zum „Ausstieg“, verschiebt sich der öffentliche Gesundheitseffekt.
Dass das Thema weiterhin massenhaft relevant ist, zeigt auch die sozialstatistische Dimension. Laut Mikrozensus 2025 lag der Raucheranteil bei 19 Prozent der Ab-15-Jährigen: 14 Prozent rauchen regelmäßig, 5 Prozent gelegentlich. Das Deutsche Krebsforschungszentrum beziffert die Folgen tabakbedingter Erkrankungen für 2023 mit rund 131.000 Todesfällen in Deutschland. Vor diesem Hintergrund wird die Reform zu einem Belastungstest für das Zusammenspiel aus Steuerpolitik, Marktreaktionen und Präventionslogik: Der Gesetzgeber setzt auf Preissignale, der Markt kann mit Ausweichstrategien antworten, und der Staat muss zugleich in Durchsetzung und Gesundheitskommunikation investieren, um den gewünschten Pfad zu erreichen.
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