LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie im Fachjournal „American Psychologist“ liefert Hinweise, dass das Wiederholen von Schimpfwörtern Halteübungen verlängern kann. Bei Stuhl-Liegestützen über bis zu 60 Sekunden verharrten Probanden länger, wenn sie statt neutraler Begriffe kontinuierlich Kraftausdrücke nutzten. Die Effekte treten offenbar besonders stark zusammen mit positiven Emotionen und Ablenkung auf. Offen bleibt jedoch, welcher physiologische Mechanismus dahinter genau steckt.

Schimpfwörter wirken im Alltag schnell wie ein Fauxpas, im Training könnten sie aber ganz anderes bewirken: Eine Forschungsarbeit der Keele University und der University of Alabama, veröffentlicht im Fachjournal „American Psychologist“, ordnet Kraftausdrücke nicht nur als kulturell geprägte Lautäußerung ein, sondern untersucht ihren funktionalen Nutzen. Im Kern geht es um die Frage, ob das Aussprechen von Schimpfwörtern die physische Ausdauer während statischer, maximal anstrengender Halteübungen beeinflusst. Damit rückt ein Bereich in den Fokus, den viele Sportler bislang eher intuitiv behandeln: nicht Technik oder Trainingsplan, sondern die mentale Begleitregulation unter Belastung.
Die Versuchslogik war zweistufig angelegt. In Experiment 1 nahmen 88 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil, Experiment 2 umfasste 94 Teilnehmende. Die Probanden hielten Aufgaben wie den Stuhl-Liegestütz über einen Zeitraum von maximal 60 Sekunden in der geforderten Position, und sie erhielten währenddessen wiederholte Wortvorgaben: Schimpfwort statt neutraler Begriffe. Das Ergebnis lautet dabei nicht „mehr als bei jeder beliebigen Ablenkung“, sondern es zeigt eine Verlängerung der Haltezeit unter dem Schimpfwort-Bedingungsblock. Auffällig ist außerdem, dass höhere Leistungswerte vor allem in Kombinationen beobachtet wurden, in denen positive Emotionen, Humor, Ablenkung und der Reiz des Neuartigen eine Rolle spielten.
Für die Erklärung nennen die Wissenschaftler vor allem eine psychologische Enthemmung. Damit ist gemeint, dass die Selbstkontrolle oder die kognitive Hemmung beim Durchhalten temporär nachlassen kann, wodurch die Aktivierung besser „durchlässig“ wird. Gleichzeitig räumen die Autoren ein, dass die experimentellen Belege für einen spezifischen physiologischen Hemmungsmechanismus noch nicht ausreichen. Genau hier liegt der wichtigste Punkt für den Transfer in die Praxis: Wer Schimpfwörter als Trainingshilfe nutzt, sollte das eher als kurzfristig wirksamen Stimulus in einem psychophysischen System verstehen, nicht als bewiesenem „Kraft-Shortcut“, der sich ohne Kontext zuverlässig reproduzieren lässt.
Spannend wird die Einordnung, wenn man den Kontext erweitert und nicht nur das Krafttraining betrachtet. In einer Erhebung berichteten 31 Patienten, dass ihre behandelnden Therapeuten geflucht hätten; das entspricht in der Quelle einem Anteil von 54,39 %. Von diesen Personen gaben 61,29 % an, dass dies mehr als einmal pro Sitzung vorkam. Die Reaktionen fielen dabei mehrheitlich positiv aus: 80,65 % empfanden den Kraftausdruck nicht als unprofessionell, 96,77 % fühlten sich dadurch nicht beleidigt. Neben der emotionalen Bewertung nennen die Daten auch Motivation und Prozessparameter: 61,13 % sahen eine gesteigerte Motivation, 58,06 % ein höheres Selbstvertrauen, 51,61 % eine bessere Therapietreue und 64,52 % eine insgesamt bessere Erfahrung während der Rehabilitation.
Auch für das Verständnis der „Wie“-Ebene ist es hilfreich, nicht nur auf Sprache als Reiz zu schauen, sondern auf Informationsverarbeitung unter Druck. Ein theoretischer Beitrag von der Deutschen Sporthochschule Köln mit Kolleginnen und Kollegen aus Neuseeland, erschienen in „Trends in Cognitive Sciences“, diskutiert, warum motorische Leistungen bei Stress nicht ausschließlich von Aufmerksamkeit abhängen, sondern von der Komplexität der verarbeiteten Signale. Das Modell der aufgabenangepassten Komplexität beschreibt in dieser Logik, dass Vereinfachung der Kognition helfen kann, wenn irrelevante Reize konsequent ausgeblendet werden; sie kann aber schaden, wenn dadurch wichtige Faktoren verloren gehen. Genau deshalb bleibt die praktische Frage offen, wie Schimpfwörter in dieses Signal-Setup „passen“: als Ablenkung, als Markierung für Erregung oder als Trigger, der die kognitive Gewichtung verschiebt.
Gleichzeitig ist der leistungssteigernde Effekt des Fluchens laut der Quelle nicht einfach mit dem klassischen Katharsis-Ansatz gleichzusetzen. Eine umfassende Auswertung von Sophie Kjærvik und Brad Bushman von der Ohio State University aus dem Jahr 2024 analysierte 154 Studien mit 184 unabhängigen Stichproben und insgesamt 10.189 Teilnehmenden und stellte das Prinzip infrage, dass körperliche Aktivität Wut und Aggression pauschal reduziert. In den Ergebnissen zeigten sich laut Auswertung erregungssenkende Maßnahmen wie Entspannung oder achtsames Atmen als wirksam, während körperlich aktivierende Handlungen wie Schreien, Schlagen oder Laufen Wut und Aggression nicht minderten. Für Krafttraining bedeutet das: Der Nutzen von Schimpfwörtern scheint eher auf Aktivierung und Durchhaltefähigkeit zu zielen als auf eine generelle Emotionsentladung.
Für die konkrete Anwendung lässt sich daraus eine pragmatische, aber methodisch vorsichtige Linie ableiten. Wer Schimpfwörter als Trainingswerkzeug testen möchte, sollte es nicht isoliert als „Wundermittel“ interpretieren, sondern als Variable in einer Umgebung, die auch Humor, Neuartigkeit und Ablenkung berücksichtigt. Gleichzeitig bleibt wegen der genannten offenen Mechanismusfrage und der Hinweise auf Vorläufigkeit und methodische Unterlegenheit klar: Die Studienlage liefert Ansatzpunkte, aber keine belastbare Gebrauchsanweisung. In der Praxis lohnt eher das kontrollierte Experiment im eigenen Training – und nicht der schnelle Wechsel des gesamten Trainingskonzepts. Gerade für Menschen, die Training und Rehabilitation kombinieren, ist der Blick auf die psychologische Wirkungsebene ohnehin zentral: Sprache kann die Erfahrung und Motivation verschieben, aber sie ersetzt weder Progression noch saubere Belastungssteuerung.
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