LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Qubic hat seinen Layer-1-Blockchain-Betrieb gestoppt, nachdem ein Angreifer eine Schwäche bei Wallet-Recovery-Seeds ausgenutzt hatte. Laut Projektangaben sind 87,1 % der gestohlenen QU-Token weiterhin im Netzwerk eingefroren, während der Rest auf eine Kryptobörse übertragen wurde. Die Entwickler haben die Seed-Generierung mittlerweile korrigiert, aber betroffene Wallets könnten weiterhin verwundbar sein. Eine Wiederaufnahme des Betriebs hängt nun von einem Recovery-Plan ab, über den Netzwerk-Operatoren abstimmen.

Qubic stoppt den Betrieb seiner Layer-1-Blockchain nach einem Wallet-Zwischenfall, bei dem ein Angreifer rund 2,94 Billionen QU-Token im Gegenwert von 1,4 Millionen US-Dollar aus mehr als 1.400 Konten abgezogen haben soll. Auffällig ist dabei nicht nur die Größenordnung, sondern die Tatsache, dass das Team den weiteren Token-Transfer gezielt ausbremste: Die Blockchain wurde beim Tick 85.371.949 suspendiert, um Bewegung gestohlener Bestände zu verhindern. In der Folge bleiben 87,1 % der Summe offenbar innerhalb des Netzwerks „eingefroren“, während 12,9 % den Weg zu einer Kryptobörse fanden, die anschließend restriktive Maßnahmen für das betroffene Empfangskonto ergriff.
Technisch betrachtet liegt der Kern des Problems in der Erzeugung von Recovery Seeds. Diese Seeds dienen dazu, aus ihnen private Schlüssel abzuleiten, also genau jene geheimen Werte, mit denen später Transaktionen signiert und damit Token kontrolliert werden. Wenn die Zufallswerte bei der Seed-Generierung zu schwach sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die zugehörigen privaten Schlüssel mit rechnerischem Aufwand rekonstruieren lassen. Qubic beschreibt den Auslöser als „insufficient randomness“ bei der Generierung von Recovery Seeds und nennt als Ursache die Software-Seite der Wallets – nicht eine Kompromittierung des zugrunde liegenden Konsens- oder Protokoll-Stacks.
Die Projektkorrektur zeigt, wie stark die Qualität des Zufalls in Krypto-Wallets konkret mit Implementierungsdetails zusammenhängt. In der behobenen Web-Wallet-Version 4.26.4 ersetzte Qubic in der Seed-Generierung die JavaScript-Funktion Math.random() durch crypto.getRandomValues(). Während Math.random() für kryptografische Zwecke nicht ausgelegt ist, liefert crypto.getRandomValues() Werte, die auf kryptografisch sichere Zufallsquellen abzielen. Gleichzeitig betont Qubic, dass die Änderung vor allem die Methode für neu erzeugte Seeds adressiert; für Recovery Phrases, die in der verwundbaren Zeit entstanden sind, bleibt die Sicherheitsannahme offen, bis eine vollständige technische Untersuchung nach Abschluss des Recovery-Prozesses veröffentlicht wird.
Für den Markt bedeutet der Stopp vor allem: Liquidität und Bewegungen werden nicht nur über technische Blockaden, sondern auch über Börsen-Mechanismen begrenzt. Die verbleibenden 2,56 Billionen QU sollen beim Transaktionsstopp noch auf der Chain gewesen sein, während 379,26 Milliarden QU an MEXC übertragen wurden. Dort wurde das Empfangskonto laut Projektangaben innerhalb von etwa einer Stunde eingefroren; zusätzlich setzte MEXC auf Bitten des Projekts Ein- und Auszahlungen für QUBIC aus, um Manipulationen oder Weiterleitungen über das betroffene Netzwerk während der Prüfung zu unterbinden. Parallel dazu führte auch XT am 18. Oktober eine ähnliche Suspension für Ein- und Auszahlungen auf mehreren betroffenen Netzwerken ein, was den Vorfall als Muster in der Krypto-Betriebsrealität bestätigt: Bei Wallet-Exploits greifen Teams und Börsen häufig gleichzeitig zu technischen und organisatorischen Stopps.
Die eigentliche Wiederherstellung folgt nun einer Governance-Logik, die Qubic intern „Computors“ nennt. Diese Netzwerk-Operatoren nehmen am Konsensprozess teil und sollen über Recovery-Vorschläge entscheiden, die das Team nach der Identifikation betroffener Wallets ausarbeiten will. Damit verschiebt sich der Fokus von der akuten Schadensbegrenzung hin zur Frage, wie eingefrorene Gelder technisch und politisch behandelt werden. Qubic hat noch keinen finalen Plan veröffentlicht: Unklar ist derzeit, ob es um das Rückgängigmachen nicht autorisierter Transfers, um ein zusätzliches Rückführungsmodell innerhalb des Netzwerks oder um separate Entschädigungen für betroffene Nutzer gehen könnte.
Dass Seed-Generation überhaupt ein Angriffspunkt ist, ist kein Einzelfall, sondern eine wiederkehrende Schwachstelle in Krypto-Ökosystemen. Qubic reiht sich damit in eine Reihe von Vorfällen ein, bei denen Schwächen in der Zufallsqualität oder in der Schlüsselableitung dazu führten, dass private Schlüssel leichter zu erraten waren. So berichtete Coldcard im Juli 2026 über eine Firmware-Schwachstelle, die bei bestimmten Geräten dafür sorgte, dass die effektive Entropie von Seeds deutlich sank; der Angriff auf rund 500 Coldcard-Wallets führte innerhalb von 25 Minuten zum Diebstahl von etwa 594 BTC im Wert von 38 Millionen US-Dollar. Auch Libbitcoin Explorer wurde im August 2023 mit einem Seed-/Schlüsselgenerierungsproblem („Milk Sad“) in Verbindung gebracht, das über Vorhersagbarkeit beim Seed-Handling zur Kompromittierung führen konnte. Daneben wurde bereits 2023 über eine Browser-Extension-Vulnerabilität bei Trust Wallet diskutiert, bei der Wallet-Adressen aus einer begrenzten Zeitspanne potenziell kompromittiert werden konnten.
Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus ein klarer Handlungsimpuls: Das „Randwert“-Thema ist in der Praxis keine Nebensache, sondern ein Sicherheitsanker. Wenn eine Wallet-Wiederherstellung auf deterministischen oder schwach zufallsbasierten Prozessen beruht, reicht eine kleine Implementierungsabweichung aus, um den Suchraum für Angreifer dramatisch zu verkleinern. Gleichzeitig zeigt der Qubic-Fall, wie wichtig die Kombination aus präventiven Maßnahmen (Seed-Generierung korrekt adressieren), operativer Reaktion (Chain-Halt) und Markukoordination (Börsenrestriktionen) ist. Während Qubic noch nicht kommuniziert hat, wann der Betrieb wieder aufgenommen wird, wird sich in den kommenden Entscheidungen der Computors zeigen, wie robust Governance-Mechanismen und Wiederherstellungspläne in Proof-of-Work-nahen Netzen mit Smart-Contract-Umgebung tatsächlich funktionieren.
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