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LEBANON / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie in Libanon zeigt: Wer gerne Horrorfilme oder True-Crime konsumiert, bleibt in anhaltenden Krisen offenbar nicht psychisch widerstandsfähiger. Die Forschenden untersuchten 235 Studierende während Konflikten und wirtschaftlichem Druck und maßen unter anderem emotionale Belastung sowie Bewältigungsressourcen. Zwar hängt die Vorliebe für dunklere Medien mit „morbid curiosity“ zusammen. Ein direkter Zusammenhang zwischen Horror-Fandom und psychologischer Resilienz ließ sich jedoch nicht statistisch nachweisen.

Macht Horror-Liebe psychisch widerstandsfähiger in Krisen? Studie in Libanon findet keinen Schutz-Effekt
Macht Horror-Liebe psychisch widerstandsfähiger in Krisen? Studie in Libanon findet keinen Schutz-Effekt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Idee klingt intuitiv: Wer sich im Kino an fiktiven Grusel- und Gewaltbildern festbeißt, könnte im echten Leben weniger aus dem Konzept geraten, wenn Angst, Unsicherheit und Verlusterfahrungen dauerhaft auf einen einstürmen. Frühere Arbeiten hatten genau diese Schutzmechanik nahegelegt – als eine Art mentale „Probenwelt“, in der Emotionen sicher durchlaufen und anschließend besser reguliert werden. Die aktuelle Untersuchung aus Libanon widerspricht dieser Erwartung allerdings spürbar: In einem Setting, in dem Gefahr weder episodisch noch nur theoretisch ist, liefert Horror-Liebe keinen nachweisbaren Puffer gegen psychische Überlastung.

Grundlage der Debatte ist ein theoretischer Ansatz, der Unterhaltung als „Threat-Simulation“ begreift: Zuschauerinnen und Zuschauer können sich in kontrollierten, fiktionalen Bedrohungsszenarien für Angst sensibilisieren, Gefahren einschätzen und Strategien der Emotionsregulation üben. Diese Logik wurde in den letzten Jahren durch Ergebnisse aus Surveys und weiteren Untersuchungen gestützt. In der Pandemie-Phase etwa berichteten Teilnehmende, Horror- beziehungsweise düsterere Genres mit höherer Resilienz in Verbindung zu bringen; zudem gab es Hinweise, dass besonders „prepper“-artige Subgenres sowie stärker ausgeprägte Neugier auf das Gefährliche zusammen mit besseren Bewältigungswerten auftreten. Umso relevanter ist die Frage, ob das auch dann gilt, wenn Belastung nicht kurzfristig auftritt, sondern als überlappende Dauerkrise das Alltagsleben formt.

Das Studienteam um Rawad Affan von der Holy Spirit University of Kaslik in Libanon hat genau diese Lücke adressiert. Befragt wurden 235 Studierende aus Universitäten im Land im akademischen Jahr 2025/2026. Die Gruppe bestand zu 66 Prozent aus Frauen, zu 34 Prozent aus Männern, das Durchschnittsalter lag bei rund 20 Jahren. Alle Teilnehmenden füllten eine vertrauliche Online-Umfrage aus, in der sie sowohl ihre Medienpräferenzen als auch psychologische Merkmale angaben. Als unabhängige Seite diente ein Rating von zehn Filmkategorien auf einer Skala von 1 bis 7 – darunter Horror, psychologische Thriller, Zombie-Filme, Crime, Romantik und Comedy. Die Resilienz wurde mit der „Pandemic Psychological Resilience Scale“ erfasst: einem 12-teiligen Fragebogen, der ursprünglich während der COVID-19-Pandemie entwickelt wurde und emotionale Belastung (unter anderem Angst, depressive Symptome, schlechter Schlaf) ebenso abbilden soll wie adaptive Stärken (Optimismus, Bewältigungs-Selbstvertrauen, die Fähigkeit, Freude zu empfinden).

Ergänzend erhob die Studie die „Morbid Curiosity“ über eine 24-Item-Skala, die eine stabile Neigung zur Beschäftigung mit gefährlichen, gewalttätigen oder erschreckenden Ereignissen misst. Interessant ist hier die Ausdifferenzierung in Teilbereiche – von Neugier auf die Gedanken gefährlicher Personen über zwischenmenschliche Gewalt bis hin zu körperlicher Verletzung oder Verletzung/Entwürdigung sowie paranormalen Vorkommnissen. Im Ergebnis zeigte sich zunächst eine erwartbare Trennung: Comedy war mit einem Mittelwert von 5,08 von 7 die beliebteste Kategorie, gefolgt von Romantik (4,60) und Crime (4,43). Horror lag deutlich darunter (3,32), Alien-Invasionen bei 3,00 und Zombie-Filme am niedrigsten (2,85). Gleichzeitig berichteten die Teilnehmenden zwar im Schnitt eine moderate bis hohe Resilienz (4,26 auf der 7-Punkte-Skala), fast die Hälfte gab aber auch an, sich nervöser oder ängstlicher zu fühlen – ein Muster, das gut zu dem Bild „funktionierender Alltag trotz spürbarer Belastung“ passt.

Wenn es um die Beziehung zwischen dunkler Medienneugier und psychischer Widerstandskraft geht, liefert die Studie dann die zentrale Enttäuschung für die Threat-Simulation-Hypothese: Höhere Morbid-Curiosity-Werte gingen zwar mit einer stärkeren Neigung zu „dunkleren“ Medien einher. Die Korrelationen zwischen Morbid Curiosity und Präferenzen für Crime, Horror und psychologische Thriller lagen bei etwa 0,51 bis 0,54, während Romantik keinen sinnvollen Zusammenhang zeigte. Genau hier knüpft die Aufmerksamkeit an, denn morbid curiosity erklärt in dieser Arbeit also offenbar, warum Menschen sich überhaupt zu bestimmten Genres hingezogen fühlen. Aber die gleiche Logik lässt sich nicht auf die Resilienz übertragen: Die Korrelation zwischen Horror-Genrepräferenz und Resilienz betrug nur 0,056 und war nicht statistisch signifikant. Auch der Zusammenhang zwischen Gesamt-Morbid-Curiosity und Resilienz blieb laut den Autoren ohne statistische Bestätigung – bei einer Stichprobengröße von 235 wirkt diese Größenordnung dennoch weniger dramatisch, als sie in der Mathematik „nur klein“ aussehen lässt.

Der einzige Genre-Einzelfund mit statistischer Auffälligkeit betrifft Alien-Invasionen: dort zeigte sich eine schwach negative Korrelation von -0,177. Studierende, die dieses Subgenre besonders mochten, berichteten demnach minimal niedrigere Resilienzwerte. Andere bedrohungsbetonte Kategorien – darunter Zombie-Filme, übernatürliche Narrative oder apokalyptische Stoffe – zeigten laut Analyse keine nachweisbare Verbindung. Damit steht das Ergebnis im Kontrast zu einer früheren Pandemie-Studie, bei der Alien-Invasion-Fandom mit höherer Resilienz assoziiert worden war. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn „dunkle“ Unterhaltung emotional aktiviert, heißt das nicht automatisch, dass sie in einer echten Dauerkrise die psychische Anpassungsfähigkeit stärkt.

Ein namentlich benannter externer Experte, Uri Lifshin, der nicht an der Untersuchung beteiligt war, ordnete das Resultat entsprechend vorsichtig ein: „Well we can say that there is still no strong evidence that horror films or morbid curiosity contribute to psychological resilience, “ sagte er. Er betonte außerdem, dass man aus „null findings“ nicht zu schnell zu harte Schlussfolgerungen ziehen dürfe: „Although we always need to be careful from concluding anything from null findings.“ Als mögliche Erklärung verwiesen die Autoren auf eine Stress-Logik über den Verlust oder die Erschöpfung persönlicher Ressourcen: Wenn fortwährend Krisenressourcen drainieren, fehlt eventuell die Kapazität, fiktionale Angst in konkrete Bewältigungskompetenz zu transformieren. Diese Argumentation bleibt jedoch in der Studie spekulativ, weil die direkte, individuelle Exposition gegenüber den Krisen nicht separat gemessen wurde.

Auch methodische Grenzen spielen eine Rolle. Die Studie nutzt ein Querschnittsdesign: Aussagen über Ursache und Wirkung sind damit nicht möglich, und man kann nicht verfolgen, ob Mediengewohnheiten über Monate hinweg psychische Stabilität tatsächlich verändern. Zudem waren die Angaben selbstberichtsbasiert, und Horror wurde nicht über detailliertes Viewing-Verhalten (konkrete Titel, Stunden, Gründe) erhoben, sondern über kurze Genre-Affinitätsfragen. Schließlich wurde mit einer Convenience-Stichprobe gearbeitet, die deutlich mehr Frauen als Männer einschließt; ältere Erwachsene oder andere Teile der Bevölkerung können also nicht einfach als abgebildet gelten. Lifshin nannte außerdem als praktischen Faktor die Schwierigkeit, Horror in einer Umgebung zu genießen, in der das eigene Leben nicht „sicher und ruhig“ wirkt.

Für Entscheiderinnen und Entscheider in Bildungseinrichtungen oder Unternehmen, die Resilienz-Programme entwickeln, bleibt die Implikation trotzdem klar genug: Medienpräferenzen allein sind kein belastbarer Hebel, wenn es um psychische Widerstandsfähigkeit in realen Großkrisen geht. Wahrscheinlich ist die psychologische Wirkung nicht in der Reizdosis „Horror“ zu finden, sondern in dem, was Menschen dabei emotional und kognitiv herausziehen – etwa Sinngebung, soziale Einbettung oder subjektive Kontroll- und Sicherheitsannahmen. Genau diese Lücke sollte die Forschung als Nächstes adressieren: Studien, die Teilnehmende längsschnittartig begleiten, Traumabelastung, ökonomische Verluste und direkte Gewalt-Exposition erfassen und auch nichtlineare Effekte prüfen, könnten zeigen, ob es Konstellationen gibt, in denen begrenzte Angstkonfrontation eher hilft – oder ab wann sie schlicht zu viel wird.


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