LONDON (IT BOLTWISE) – Netzentgelte steigen 2027 sowohl bei Strom als auch bei Gas. Für Strom rechnet ein typischer Drei-Personen-Haushalt rechnerisch mit rund 8 Euro brutto mehr pro Jahr, während es bei Gas für eine Familie im Einfamilienhaus etwa 19 Euro brutto mehr sein sollen. Der größere Preistreiber liegt laut Einordnung vor allem bei den Großhandelspreisen, die Beschaffungskosten für Gasversorger spürbar nach oben drücken. In vielen Fällen dürften die höheren Kosten am Jahreswechsel über Tarife sichtbar werden.

Zum Jahreswechsel 2027 rücken die Netzentgelte wieder stärker in den Fokus von Haushalten und Marktbeobachtern. Denn obwohl Netzentgelte für sich genommen nur einen Teil der Strom- und Gasrechnung ausmachen, beeinflussen sie den Preis unterhalb der eigentlichen Beschaffung und wirken damit als „verteiltes“ Kostensignal über den regulierten Netzbetrieb. Für 2027 erwartet ein Berechnungsansatz auf Basis veröffentlichter Daten der Verteilnetzbetreiber eine bundesweite Erhöhung der Stromnetzentgelte um durchschnittlich 1,9 Prozent. Für einen Drei-Personen-Haushalt mit 4.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch ergibt das rechnerisch rund 8 Euro brutto mehr im Jahr.
Technisch betrachtet zahlen Verbraucher damit nicht direkt für den Strom selbst, sondern für die Infrastruktur, die den Transport ermöglicht. Die Netzentgelte finanzieren unter anderem den Ausbau sowie den Betrieb der Stromnetze und bilden auf der Rechnung den Übergang zwischen regulatorisch festgelegten Netzaufwendungen und dem Endkundenpreis. Dass diese Position in den vergangenen Jahren tendenziell gestiegen ist, wird in der aktuellen Betrachtung auch mit der Kürzung des jährlichen Bundeszuschusses zu den Übertragungsnetzkosten verbunden: von 2026 auf 2027 sinkt der Zuschuss laut Rechnung um knapp eine Milliarde Euro, auf 5,525 Milliarden Euro im Jahr 2027. Die Logik dahinter: Übertragungsnetzbetreiber rechnen ihre Kosten an die nachgelagerten Akteure weiter, und diese Kosten landen anschließend im Posten Netzentgelte.
Gleichzeitig ist die Entwicklung regional nicht gleichmäßig. In den alten Bundesländern sollen die Stromnetzentgelte im Schnitt um 10 Euro steigen, während sie in den neuen Ländern im Durchschnitt um 3 Euro sinken. Besonders auffällig ist der Blick auf einzelne Regionen wie Hamburg, wo die Erhöhung am stärksten ausfällt. Aus technischer Sicht liegt das häufig an strukturellen Unterschieden: Kosten für Aus- und Betrieb der jeweiligen Netze unterscheiden sich ebenso wie Lastprofile und der Umfang notwendiger Anpassungen an Einspeisungen. Zudem spielt die Entlastung seit 2025 eine Rolle, gerade dort, wo besonders viel Wind- und Solarstrom erzeugt wird.
Bei Gas fällt die Preiswirkung im nächsten Jahr voraussichtlich deutlicher aus. Für 2027 rechnet der Bundesschnitt mit einem Plus der Gasnetzentgelte von rund 3 Prozent. Für eine Familie im Einfamilienhaus mit 20.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch bedeutet das rechnerisch etwa 19 Euro brutto mehr pro Jahr. Laut Branchenangaben machen die Netzentgelte beim Gas ungefähr ein Fünftel des Preises für Haushaltskunden aus. Auch hier gibt es regionale Unterschiede: Überdurchschnittlich sollen Netzentgelte in Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Brandenburg steigen, während sie in Sachsen und Thüringen leicht sinken.
Der zentrale Punkt für die tatsächliche Haushaltsbelastung ist allerdings, was „neben“ den Netzentgelten den Ton angibt. In der aktuellen Einordnung gilt der Großhandel als Haupttreiber: Die Gasbeschaffung ist nach dem starken Preisanstieg an den Großhandelsmärkten deutlich teurer geworden, und diese höheren Beschaffungskosten können Versorger – je nach Tarifstruktur – im Jahreswechsel teilweise oder vollständig in neue Kundentarife überführen. Für die Heizkosten beurteilt ein Energieexperte den Einfluss der Gasnetzgebühren im Vergleich zu den „explodierten“ Großhandelspreisen als deutlich geringer. Beim Gas rechnet er deshalb mit flächendeckenden Preiserhöhungen, die je nach Tarif im Bereich von 10 bis 20 Prozent liegen können.
Für Strom ist das Bild differenzierter. Zwar können auch hier gestiegene Beschaffungskosten eine Rolle spielen, ob die Versorger Preissteigerungen durchsetzen oder zumindest abfedern können, hängt jedoch davon ab, ob sie ihre Mehrkosten in den Tarifen noch ausgleichen können. Genau daraus ergeben sich regional unterschiedliche Verläufe: Verivox erwartet für Strom sowohl in manchen Regionen als auch in einzelnen Tarifen deutliche Erhöhungen, in anderen Konstellationen aber auch weniger starke Ausschläge. Für Haushalte ist damit die Schlussfolgerung pragmatisch: Netzentgelte sind 2027 meist die „kleinere Sorge“, die eigentliche Teuerungsdynamik kommt bei Gas aber von der Kombination aus höherem Großhandelsniveau und der Weitergabe über Tarife.
Aus Anlegersicht verschiebt sich die Relevanz auf eine andere Ebene. Netzbetreiber und Versorger profitieren zwar grundsätzlich von steigenden Entgelten, geraten aber zugleich unter politischen Erwartungsdruck, wenn Strom und Gas im gleichen Zeitraum spürbar teurer werden. Ebenfalls als Signal wird in der Argumentation die Kürzung des Bundeszuschusses gelesen: Sie deutet darauf hin, dass der Staat bei der Entlastung künftig zurückhaltender agieren könnte. Allerdings enthält die Meldung keine konkreten Angaben zu einzelnen Unternehmen. Wer Energiewerte im Blick hat, schaut deshalb weniger auf die reine Höhe der Netzentgelte als auf die Entscheidungen zur Netzregulierung durch die Bundesnetzagentur und auf die Tarifrunden der Versorger zum Jahreswechsel.
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