LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Langzeitstudie mit 995 Erwachsenen ab 65 Jahren verbindet häufige Tagesnickerchen mit einem um 48 % höheren Demenzrisiko. Besonders ungewolltes Nickerchen sowie Naps von 30 Minuten oder weniger stehen dabei mit erhöhten Risiken in Zusammenhang. Die Forschenden betonen, dass es sich um einen Zusammenhang handelt, keine bewiesene Ursache. Für die Praxis könnte die Beobachtung von Schlafmustern ein frühes und gut zugängliches Signal für ein höheres Risiko liefern.

Wer im Alter regelmäßig am Tag einschläft, sollte das nicht automatisch als „harmlosen Luxus“ abtun. Eine Studie der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health aus dem Bereich der Gerontologie legt nahe, dass häufiges Nickerchen mit einem höheren Risiko verbunden sein kann, später eine Demenz zu entwickeln. Zentral ist dabei nicht die bloße Frage, ob jemand schläft, sondern wie oft, mit welcher Intention und wie lange die Nickerchen dauern.
Im untersuchten Datensatz starteten 995 Teilnehmende im Alter von 65 Jahren oder älter ohne Demenz in der Ausgangslage. Die Forschenden begleiteten die Gruppe über rund zehn Jahre, beginnend im Jahr 2013, und werteten aus, wie sich die Nickerchen im Alltag darstellten. Das Muster ist vergleichsweise klar: Personen, die an den meisten Tagen oder sogar jeden Tag ein Nickerchen machten, hatten im Vergleich zu Menschen, die nur selten napping betrieben, ein um 48 % höheres Risiko für Demenz. Zusätzlich differenzierten die Autorinnen und Autoren nach Intention und Dauer, was die Interpretation komplexer macht, aber auch präziser.
Besonders auffällig ist die Unterscheidung zwischen „gewolltem“ und „ungewolltem“ Nickerchen. Ungewolltes Nickerchen war mit einem um 39 % höheren Demenzrisiko verbunden. Auch die Dauer spielte eine Rolle: Nickerchen von 30 Minuten oder weniger gingen mit einem um 40 % höheren Risiko einher. Zusammen genommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass nicht jede Schlafpause gleich ist. In der Realität kann ein kurzer, häufig ungewollt auftretender Tages-Schlaf eher auf eine veränderte Schlafregulation hinweisen als auf Erholung durch einen bewusst geplanten Powernap.
Wichtig bleibt der methodische Punkt: Der Befund zeigt eine Assoziation und keine Kausalität. Adam Spira, Ph.D., Professor an der Bloomberg School, wird in der Studie mit der Aussage zitiert: „More frequent napping could be a marker of changes in the brain, rather than a cause of brain changes that lead to dementia“. In der Praxis heißt das: Häufiges Nickerchen könnte ein frühes sichtbares Signal für Veränderungen im Gehirn sein, die später zur Demenz führen, statt der direkte Auslöser zu sein. Genau deshalb ist auch die zweite Perspektive relevant, die Kening Jiang, Ph.D., als Postdoktorand in die Forschung eingebracht hat.
Jiang betont in dem Zusammenhang, dass das Monitoring von Tagesnickerchen als frühes und zugängliches Signal dienen kann. Auch hier wird ein konkreter Satz aus der Studie wiedergegeben: „Monitoring napping behaviors could serve as an early and accessible marker to help identify older adults at higher risk for dementia“. Solche „Marker“-Ideen passen in eine breitere Entwicklung der Medizin: Statt erst bei klaren Symptomen einzugreifen, rücken messbare Verhaltens- und Musteränderungen in den Fokus. Das ist vor allem für Populationen interessant, in denen umfangreiche Diagnostik wie wiederholte Bildgebung oder invasive Tests schwer flächendeckend umzusetzen ist.
Gleichzeitig bleibt die Frage offen, ob sich Schlafgewohnheiten so beeinflussen lassen, dass das Risiko dadurch sinkt oder zumindest die Zeit bis zum Ausbruch einer kognitiven Erkrankung verlängert wird. Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass weitere Studien nötig sind, um zu prüfen, ob eine Änderung der Nickerchen-Strategie tatsächlich einen präventiven Effekt hat. Für Unternehmen im Gesundheits- und Service-Umfeld ist das ein anderer, aber ebenso relevanter Hebel: Wenn Schlaf- und Müdigkeitsmuster als frühe Hinweise taugen, steigt die Nachfrage nach zuverlässigen Self-Tracking-Ansätzen, datenschutzfreundlicher Auswertung und klarer Kommunikation für ältere Zielgruppen. Für Angehörige und behandelnde Teams kann das bedeuten, dass nicht nur „Schlafqualität in der Nacht“, sondern auch die Häufigkeit ungewollter Tagesschläfchen in Gesprächen zur kognitiven Vorsorge stärker mitgedacht wird.
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